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Griechenland

Abgeschiedener Geheimtipp: Kyparissi auf der Peleponnes

Vor 40 Jahren ist Griechenland der Europäischen Union beigetreten. Ein Grund zum Feiern auch für Touristen, denn die Förderung des Straßenbaus machte den einst nur schwer erreichbaren Ort Kyparissi auf der Peloponnes zum Traumziel.

Von 
Nicole Quint
Lesedauer: 
Ist das jetzt ein Foto oder ein Gemälde? Auf jeden Fall ist der kleine Ort Kyparissi postkartenschön. © Thomas Schneider/bildbaendiger.de

Wurmstichige Hüften, Schädel und Wadenbeine liegen wild über den ganzen Boden verstreut. Im Beinhaus des Friedhofs von Kyparissi sieht es ganz und gar nicht nach Totenruhe aus. Die Gerippe einer ganzen Sippe sind aus ihren schuhkartongroßen Knochenkästen gekullert. „Kruzefix no amoi!“, kommentiert eine schimpfende Stimme aus der Felswand, die oberhalb des Friedhofs verläuft. Dort hängt der zur Stimme gehörende Körper ziemlich in den Seilen, und schnell wird klar, dass er nicht etwa den elenden Zustand der Grabstätte, sondern seine fehlenden Kletterkünste beklagt. „Himmisakra!“ Dabei hat sich der bayrische Kraxler unter all den Felsen in Kyparissi schon den einfachsten ausgesucht. Über 200 gut ausgebaute Kletterrouten aller Schwierigkeitsgrade stehen im Dorf und Umgebung zur Wahl, und das Potenzial zur Erschließung weiterer Strecken ist groß. Kyparissi gilt als eine der Top-Kletterdestinationen der Welt.

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Bis in die 1970er Jahre hinein lag das Küstendorf im Südosten der Peloponnes noch hinter den zerklüfteten Hängen des Parnon-Gebirges versteckt und war einzig über das Meer oder uralte Maultierpfade zu erreichen. Den Fortschritt sollte eine Passstraße bringen. Die allerdings geriet so furchterregend eng und kurvig, dass sie einem in null Komma nichts den Seelenfrieden raubt. Selbst abgebrühte griechische Autofahrer sollen vor Beginn dieses schwindelerregenden Weges noch für ein kurzes Gebet in einer Kirche haltmachen. Tückisch schlängelt sich die Straße um Klippen und durch Schluchten. Felsvorsprünge ragen wie Damoklesschwerter über die Fahrbahn, die häufiger von herabgefallenen Gesteinsbrocken als von Leitplanken gesäumt wird. Mal kommt eine Ziegenherde um die Ecke getrappelt, mal huscht ein Marder ins Gebüsch, meist aber bleibt die Straße leer. Zum Glück, denn für Gegenverkehr fehlen Platz und Nerven.

Kyparissi

Anreise Eurowings (www.eurowings.com) fliegt ab Stuttgart direkt nach Athen. KLM (www.klm.de), Lufthansa (www.lufthansa.com) oder Aegan Air (www.aegeanair.com) bieten Umsteigeverbindungen. Weiter mit dem Mietwagen (buchbar z.B. über www.billiger-mietwagen.de) über Korinth und Nafplio. Der kleine Ort Kyparissi liegt im Südosten der Peloponnes zwischen Leonidio und Monemvasia.

Unterkunft Die einfachen, aber komfortablen Zimmer des familiengeführten Kyfanta Hotels bieten grandiose Blicke auf Berge und Bucht. Die spanisch-griechischen Besitzer organisieren auch Wanderungen in die Umgebung. Doppelzimmer ab 40 Euro, www.kyfanta.com. Am Ende der Bucht, genau gegenüber dem kleinen Hafen Agios Nikolaos, liegt die hübsche Apartmentanlage Cavo Kortia. Das hauseigene Restaurant ist sehr empfehlenswert. Studio mit Meerblick ab 50 Euro. www.cavokortia.gr. Nur einen Katzensprung vom Strand entfernt heißen Foula und Stella Vasiliou Gäste in ihrem Hotel Paraliako willkommen, Doppelzimmer ab 35 Euro, www.kyparissi.com

Aktivitäten Gute Infos zum Klettern in Kyparissi finden sich auf www.climbgreece.com und www.climbs.gr.

Allgemeine Informationen Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, www.visitgreece.gr.

Unter diesen Bedingungen hat man keinen Blick für die Landschaft, obwohl die alle Register zieht: Zypressen so hoch, als wollten sie gegen den Himmel klopfen, schiefe Kiefern, die zirkusreif auf zackigen Felskuppen balancieren, und zwischen Kalkstein und Gestrüpp blühen Schwertlilien, Alpenveilchen und Stiefmütterchen. Dazu wälzt sich eine glitzernde Sonne im kobaltblauen Meer, und über allem ziehen Bussarde und Turmfalken ihre Kreise. Die große ökologische Vielfalt der Region blieb für Reisende nur ein Gerücht und Kyparissi ein Geheimtipp für Privilegierte wie Lady Di und George W. Bush.

Allen anderen, denen keine Segeljacht samt Helikopter zur Verfügung stand, wagten die riskante Fahrt ans Ende der griechischen Welt gar nicht erst. Pläne für den Bau einer neuen Straße, die an der Küste entlangführen und Kyparissi mit der Stadt Leonidio verbinden sollte, blieben jahrzehntelang in Schubladen liegen. Kyparissi ist einfach zu schön, lautet die Begründung, die gar nicht so paradox ist, wie sie klingt.

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Die touristisch bereits gut erschlossenen Regionen nördlich von Kyparissi hatten nämlich befürchtet, dass Reisende über eine neue Straße einfach an ihnen vorbeiziehen würden, und den Bau deshalb mit allen Mitteln verhindert. Bis 2016. Auch dank der EU-Fördergelder konnte in diesem Jahr die neue Strecke eröffnet werden. Griechenland ist seitdem um eine großartige Panoramastrecke reicher, und so finden nun auch Motorradfahrer das große Glück im kleinen Kaff, denn das ist Kyparissi auch nach seiner Entdeckung als Touristenziel geblieben. Das ganze Idyll postkartentauglicher Fischerdorfromantik ist noch da: kleine weiße Häuschen mit blau gestrichenen Fensterläden, Katzenrudel, die sich mit der Möwenmafia an der Hafenmole um Fischgräten streiten, Witwen in maulwurfschwarzen Kleidern und Tavernen, in denen sie Bauernküche und die vermutlich leckersten Oliven der Welt servieren. Ein Souvenirshop fehlt keinem. Kyparissi ist ein kontemplativer Ort geblieben, in dem nach jahrzehntelangem Dösen in der Isolation noch immer eine hartnäckige Gemütlichkeit hängt, auch wenn gelegentlich ein „Himmiherrgodnoamoi“ durch die Gassen hallt.

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