Film - In der Sky-Serie „Your Honor“ zieht nicht nur der „Breaking Bad“-Star alle Register der Schauspielkunst – es ist ein großer Ensemblefilm Bryan Cranston wird als Richter zum Vertuscher einer Katastrophe

Von 
Martin Schwickert
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Verstrickt im Verbrechen: Vater (Bryan Cranston als Michael Desiato) und Sohn (Hunter Doohan als Adam Deisato) in „Your Honor“ (Teil 2). © Skip Bolen/SHOWTIME / dpa (Box)

„Heute ist gestern“ sagt der Vater zu dem Sohn und tut mit ihm alles, was die beiden am Tag zuvor hätten tun sollen: Auf dem Friedhof legen sie einen Blumenstrauß am Grab der Mutter nieder, die ein Jahr und einen Tag zuvor gestorben ist. In dem italienischen Café gegenüber trinken sie einen doppelten Espresso und fangen ein Gespräch mit der Kellnerin an, damit sie sich an die beiden erinnert. Michael Desiato (Bryan Cranston) ist Richter, und er weiß, wie ein wasserdichtes Alibi aussehen sollte, damit es vor Gericht bestehen kann. Die Lüge muss möglichst nah an der Wahrheit gebaut sein und die gefälschte Erinnerung dem Beschuldigten in Fleisch und Blut übergehen, wenn die kriminelle Tat dahinter verschwinden soll.

Bryan Cranston – vom Drogenboss zum Juristen



Die schiefe Bahn: Als Drogenboss in der Serie „Breaking Bad“ schuf sich Bryan Cranston die Rolle seines Lebens. Wie in der neuen Serie „Your Honor“ gerät er erst allmählich in kriminelle Sphären.

Das Leben: Bryan Cranston wurde 1956 in San Fernando Valley geboren. Obwohl er in seiner Jugendzeit lieber Profisportler werden wollte, stand er bereits mit acht Jahren für einen Werbespot für „United Way“ vor der Kamera. Nachdem er 1974 die Highschool absolvierte, studierte er Polizeiwissenschaften am College. Die erste TV-Rolle auf dem Steckbrief ergatterte der Schauspieler im Jahr 1982. Es folgten Serien-Auftritte.

Die Filme: Bekannt wurde der Schauspieler als Familienvater Hal in der Comedyserie „Malcom Mittendrin“. Er spielte in „Der Soldat James Ryan“, „Little Miss Sunshine“, „Drive“ und „Total Recall“. 2008 begann er als Walter White in „Breaking Bad“. Privat war Cranston zweimal verheiratet. dms

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Deshalb fährt er mit seinem Sohn Adam (Hunter Doohan) auf den Friedhof, lässt ihn „Ich liebe dich und werde dich immer lieben“ auf eine Karte schreiben und Blumen vom Vortag auf das Grab der Mutter legen. Gestern hatte Adam am Steuer einen Asthmaanfall und raste in ein entgegenkommendes Motorrad, dessen Fahrer in seinen Armen verblutete. Unter Schock flüchtete der 17-Jährige vom Unfallort und gestand dem Vater die Tat, der mit ihm zur Polizei gehen wollte.

Schreckliche Folgewirkungen

Aber als Michael erfuhr, dass der Tote der Sohn des gefährlichen Mafia-Bosses Jimmy Baxter (Michael Stuhlbarg) ist, drehte er um. Nun versucht der Richter, die Tat mit aller Macht zu vertuschen, um das Leben seines Sohnes zu retten. Eine hochdramatische Aufstellung von Shakespeare’scher Wucht entfaltet sich in der ersten Folge der „Showtime“-Serie „Your Honor“, die in Deutschland an diesem Montag bei Sky startet.

Bryan Cranston spielt den Richter in Nöten, der seinen moralischen Kanon sukzessiv über Bord werfen muss. In seiner kunstvoll kontrollierten Performance bricht die Selbstbeherrschung seiner Figur nur punktuell auf, um den Blick in den Abgrund väterlicher Verzweiflung preiszugeben. Einen gesetzestreuen Bürger, der durch außergewöhnliche Umstände zum Kriminellen wird, spielte Cranston auch in der Kultserie „Breaking Bad“, die ihn über fünf Staffeln zum Star machte. Aber da hören die Vergleiche auch schon auf.

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Denn Serienschöpfer Peter Moffat („The Night of“), der hier die israelische Serie „Kvodo“ adaptiert, geht es nicht um die komischen Seiten des Verbrechens, sondern um die dramatischen Folgewirkungen, die dessen versuchte Vertuschung in Gang setzt. Denn auch wenn Michael seinem Sohn immer wieder versichert, alles im Griff zu haben, kann er die Angelegenheit nicht allein bereinigen und zieht immer mehr Menschen aus seinem Umfeld in die Sache hinein: den alten Freund und afroamerikanischen Bürgermeisterkandidaten Charlie (Isiah Whitlock Jr.), die ambitionierte Anwältin Lee Delamare (Carmen Ejogo), die Polizistin Nancy Costello (Amy Landecker), die Schwiegermutter und Senatorin Elisabeth Guthrie (Margo Martindale), die sich zunehmend über das seltsame Verhalten Michaels zu wundern beginnen.

Schon der Versuch, das Unfallauto loszuwerden, endet im Desaster. Der afroamerikanische Kleinkriminelle Kofi (Lamar Johnson) wird als Tatverdächtiger festgenommen, zum Geständnis gezwungen und zieht die Rache Baxters auf sich. Auch in diesem zweiten Erzählstrang kulminieren die Ereignisse: Von seiner resoluten Frau Gina (Hope Davis) angestachelt, startet der rassistische Mafia-Boss einen großangelegten Vergeltungsfeldzug. „Your Honor“ ist eine Serie, die vornehmlich von ihrer effizienten Plotkonstruktion lebt, in der die Entscheidungen und Taten des Protagonisten von einem moralischen Dilemma zum nächsten führen und fast jede Figur Geheimnisse hat, die ans Licht drängen. Das funktioniert in den vier Folgen, die der Presse vorab zugänglich waren, bestens und setzt die erwünschten Suchtwirkungen frei. Vor der graugrünen Kulisse eines stilvoll verdüsterten New Orleans entwickelt „Your Honor“, dessen erste drei Episoden vom Deutschen Edward Berger („Jack“, „Deutschland 83“) inszeniert wurden, auch atmosphärisch eine bezwingende Spannung.

Neue Wendung am Schluss

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Selbst wenn Bryan Cranston als Frontman agiert und fein kalibriert alle Register zieht, ist die Serie ein Ensemblestück und bis in die kleinste Nebenrolle hinein bestens besetzt. Hunter Doohan wird als von seiner Schuld geplagter Teenager zu einer echten Entdeckung. Jeder kurze Auftritt von Hope Davis als rachsüchtige Mobster-Mutter stellt ein Feuerwerk für sich dar, und mit dem frischen Auftritt von Margo Martindale als patente Schwiegermutter scheint die Serie in der vierten Folge noch einmal ganz neue Wendung zu nehmen.

Korrespondent