„Ziele halten dich am Leben“

Myriam von M. ist 25 Jahre alt, als sie Krebs bekommt. Heute hilft sie anderen Menschen, mit der Krankheit klarzukommen. Im Interview spricht sie über ihre Diagnose, über das Loslassen – und über ihre Zukunftspläne.

Von 
Wolfgang Scheidt
Lesedauer: 
„Als ich anfing, offensiv mit Krebs umzugehen, ging es mir besser“, sagt die Sängerin, Aktivistin © Photographer: Bjoern Fischer

Den ersten Interviewtermin muss sie absagen – Myriam von M., die ihren bürgerlichen Namen nicht nennen will, verbringt die letzten Stunden gemeinsam mit einer krebskranken Patientin. Bis zu 19 Millionen Menschen besuchen wöchentlich ihre Homepage, täglich suchen 200 Betroffene per E-Mail Rat und Trost bei ihr. Dabei kämpft die zweifache Mutter selbst seit ihrem 25. Lebensjahr gegen Vulva- und Gebärmutterhalskrebs. Seit 2014 hilft die Anti-Krebs-Aktivistin mit der gemeinnützigen Organisation „Fuck Cancer“ Krebspatienten.

Myriam von M.

Myriam von M. wurde vor 42 Jahren in Deutschland geboren. Ihre Eltern gingen nach Kalifornien, mit 17 Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück.

Im Alter von 25 Jahren erkrankte Myriam von M. nach der Geburt ihres Sohnes an Vulvakrebs, drei Jahre später an Gebärmutterhalskrebs.

2014 gründete sie die Organisation „Fuck Cancer“, veröffentlichte die Filmdokumentation „Gesichter einer Krankheit: Wir Helden gegen Krebs“ und ihre Autobiografie „Fuck Cancer: Denn meine Wut macht mich stark gegen den Krebs“ als Buch.

Als Model und Sängerin der Band „Atame“ verarbeitete sie ihre Krankheit mit all ihren Begleiterscheinungen.

Info: Mehr zur Person und zum Projekt „Fuck Cancer“: www.myriam-von-m.de

AdUnit urban-intext1

Mit 42 Jahren haben Sie schon viel erlebt – Suizid des Vaters, drei Ehen, zwei Kinder, seit 17 Jahren kämpfen Sie gegen Ihre Krebs- und Autoimmunerkrankung. Woher nehmen Sie all die Kraft?

Myriam von M.: Es gab in meinem Leben eine Phase, in der ich stark depressiv und kurz davor war, alles hinzuschmeißen. Aber irgendwann dachte ich mir: Das kann nicht sein, du musst etwas dagegen tun! Also habe ich versucht, all das Negative, das ich erlebt habe, in positive Energie umzuwandeln. Verlorene Zeit, in der man nicht lebt, ist verschwendete Zeit, die einem niemand mehr zurückgibt. Die Aufklärungskampagne „Fuck Cancer“ war wie die Initialzündung für mein zweites Leben mit Krebs. Eine wichtige Erfahrung dabei war, mit welchen Kleinigkeiten man krebskranke Menschen glücklich machen kann. Oft reicht nur meine simple Anwesenheit oder ein offenes Gespräch.

Ihr Lebensmittelpunkt liegt in Hessen, Sie sind aber auch oft im kalifornischen Merced, wo Sie einen Teil Ihrer Kindheit verbrachten. Sind uns die Amerikaner im Kampf gegen Krebs voraus?

AdUnit urban-intext2

Von M: Ja, absolut. Die Amerikaner sind im Vergleich zu den Europäern und speziell zu den Deutschen Krebspatienten gegenüber wesentlich offener. Jeder, der sich in den USA als Krebspatient zu erkennen gibt, hat das Gefühl, auf eine gleichgesinnte Gemeinschaft gegen Krebs zu treffen. Amerikaner sind empathischer und stolz auf Krebspatienten. Amerikaner sprechen dich auf der Straße an und klopfen dir auf die Schulter, wie tapfer du bist. Darüber hinaus sind die medizinischen Behandlungsmethoden in den USA meiner Meinung nach weiter.

Mit 25 Jahren erfuhren Sie, dass Sie Vulvakrebs haben, eine seltene, bösartige Tumorerkrankung des äußeren weiblichen Geschlechtsorgans. Ihr erster Gedanke?

AdUnit urban-intext3

Von M.: Im ersten Augenblick, als ich die Diagnose von meinem Arzt bekam, konnte ich es nicht fassen. Alles war so surreal, wie in einem schlechten Film mit einem Schockmoment. Plötzlich war ich wie taub, die Zeit stand still. Der Arzt sprach zwar, aber ich konnte ihn – wie unter einer Glasglocke – nicht verstehen, seine Worte waren wie Seifenblasen. Mit 25 Jahren war Krebs für mich ein Fremdwort, wir hatten in der Familie überhaupt keine Berührungspunkte damit. Ich habe höchstens mitbekommen, dass ein Nachbar an Krebs gestorben war, ansonsten war Krebs für mich absolutes Neuland. Ich wusste nicht, was jetzt alles auf mich zukommen wird. Ich hatte zwar eine Krebsdiagnose erhalten, körperlich ging es mir aber gut. Eineinhalb Jahre zuvor hatte ich ein Kind bekommen, ich war in einer festen Partnerschaft, hatte einen Job, stand mitten im Leben. Es war, als würde jemand mit dem Hammer auf mich einschlagen. Der emotionale Ausbruch kam später, als ich alleine im Auto saß. Die Monate und Jahre danach mit zahlreichen Chemotherapien und Behandlungen waren ein ständiges Auf und Ab. Immer mit dem Gedanken im Kopf, dass ich es nicht schaffe und sterben muss. Es hat lange gedauert, bis ich die Krankheit als Teil von mir begriffen habe.

AdUnit urban-intext4

Als Anti-Krebs-Aktivistin, TV-Moderatorin, Autorin und Musikerin setzen Sie sich für Krebskranke ein. Hilft es Ihnen, anderen zu helfen?

Von M.: Definitiv. Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, wenn dir keiner hilft. All die Menschen, die sich online an mich wenden, meine TV-Show „Voller Leben – meine letzte Liste“ verfolgen, in der wir Krebskranken ihre größten Wünsche erfüllen, oder meine Biografie lesen, wissen, dass ich am liebsten allen helfen würde.

In der Filmdokumentation „Gesichter eine Krankheit: Wir Helden gegen Krebs“ zeigen Sie Betroffene mit Ihren OP-Narben – wie wichtig ist Aufklärung und Transparenz beim Kampf gegen Krebs?

Von M.: Erst als ich anfing, offensiv mit Krebs umzugehen, ging es mir besser. Insbesondere bei den Untersuchungen und Behandlungen fehlt es an Transparenz. Ich begleite viele Patienten zu den Ärzten und Therapeuten, weil sie nicht verstehen, was ihnen dort erzählt wird. Es ist so wichtig: Nur wenn wir alle aufgeklärt sind, können wir auch Prävention betreiben, so dass wir regelmäßiger zu Untersuchungen und Screenings gehen. Du kannst noch so gesund leben und trotzdem erkranken, wenn die genetische Disposition gegeben ist. Oder wenn du einfach ganz viel Pech hast.

Wie nahe geht es Ihnen, wenn Protagonisten der TV-Doku „Voller Leben – meine letzte Liste“ ihre letzten Tage erleben, bevor sie sterben?

Von M.: Vor zwei Monaten habe ich meine letzte Langzeitpatientin in Amerika in den Tod begleitet, was mich sehr mitgenommen hat. Da baut sich im Laufe der Jahre eine intensive Beziehung auf. Inzwischen habe ich mehr als 150 Menschen beim Sterben begleitet und ganz viele von ihnen sind wie Freunde gewesen. Jedes Mal loszulassen, tut sehr weh. Auch wenn es Menschen gibt, bei denen der Tod wie eine Erlösung ist, weil sie sehr stark gelitten haben. Bei mir kommt hinzu, dass ich selbst schwer an Krebs erkrankt bin. Es gibt Tage und Wochen, in denen ich mich zurückziehe, weil ich sonst in der Klapsmühle landen würde.

Sie wollen noch einmal kirchlich heiraten. Wie wichtig sind persönliche Ziele, wenn man krank ist?

Von M.: Sehr wichtig. Ziele halten dich am Leben. Wenn ich meine Arbeit aus körperlichen oder gesundheitlichen Gründen nicht mehr machen kann, ist meine Zeit gekommen, zu gehen. Mein ältester Sohn ist gerade volljährig geworden und meinen Jüngsten, der neun Jahre alt ist, will ich noch mindestens so lange begleiten, bis er erwachsen ist. Meine Arbeit mit den Krebskranken möchte ich weiterbringen. Es gibt so viele Dinge, die ich noch erreichen, so viele Menschen, denen ich helfen will. Dazu gehört auch mein Mädchentraum, meinen jetzigen Ehemann ganz in Weiß vor den Traualtar zu führen.

Freier Autor