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Podcast - Kriminalfälle in der Region

Verbrechen im Quadrat: Der Flowtex-Skandal

Was geht Ermittlern am Tatort durch den Kopf? Wie laufen Obduktionen und Vernehmungen ab? Wann landen die Fälle am Gericht? In „Verbrechen im Quadrat“, dem Crime-Podcast des „Mannheimer Morgen“, öffnet Gerichtsreporterin Angela Boll gemeinsam mit den Hauptakteuren von damals noch einmal die Akten von Fällen aus der Region.

Von 
Angela Boll
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Reinhard Hofmann zu Gast im Verbrechen-Podcast bei Angela Boll (r.) und Julia Wadle. © Lea Seethaler

Es ist der 31. Januar 2000, als Reinhard Hofmann nach der Mittagspause nichts ahnend an seinen Schreibtisch in der Mannheimer Staatsanwaltschaft zurückkehrt. Sein Chef ruft ihn zu sich, Gäste aus Karlsruhe haben da schon im Besprechungsraum ihre Akten ausgebreitet. Es sind Vertreter der Oberfinanzdirektion und Betriebsprüfer und „sie machten sehr ernste Gesichter“, erinnert sich Reinhard Hofmann. An diesem Nachmittag beginnt für den Staatsanwalt ein besonderes Kapitel. Sechs Jahre seines Berufslebens wird er dem Betrug in der Firma Flowtex widmen, aufwendige Recherchen um viele Milliarden Mark und um die schillernde Figur des Geschäftsführers Manfred Schmider kommen an diesem Tag ins Rollen.

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Es sind kleine Details, die Oberstaatsanwalt Reinhard Hofmann bis heute nicht aus dem Kopf gehen. Mittlerweile hat er drei Jahrzehnte im Ermittlungsdienst hinter sich, seit 1. September 2020 ist er im Ruhestand. Für „Verbrechen im Quadrat“, dem Crime-Podcast des „Mannheimer Morgen“, schlägt er das Kapitel um den Flowtex-Skandal noch einmal auf und erinnert sich im Gespräch mit Gerichtsreporterin Angela Boll an die Stunden, Tage und Jahre nach seiner Mittagspause am 31. Januar 2000.

Der Schaden: 4,3 Milliarden D-Mark

Bis 17 Uhr, so weiß Hofmann noch genau, referieren die Steuerexperten aus Karlsruhe an jenem Tag über Zahlen, Summen und Missstände. „Ich habe nichts verstanden“, gibt der Jurist heute offen zu. Nur eins ist ihm von Anfang an klar, dass sich dieser Fall in extremen Dimensionen abspielen und es um hohe Summen gehen würde, das ahnt er bereits, als er am Abend sein Büro verlässt.

In den folgenden Tagen geht es Schlag auf Schlag, Hofmann gewinnt immer mehr Einblicke in die Machenschaften der Flowtex-Firmengründer Manfred Schmider und Klaus Kleiser. Er wird zum Chefermittler bestimmt, muss die Durchsuchungsbeschlüsse und Haftbefehle aufsetzten und die Maßnahmen koordinieren. Zeitgleich ahnt Schmider, dass sich die Schlinge zuzieht. Er könnte flüchten. Das wissen auch die Ermittler.

Doch als die 100 Polizeibeamten und Steuerfahnder wenige Tage später im badischen Ettlingen auf dem Flowtex-Gelände einlaufen, herrscht Alltagsbetrieb. Hofmann marschiert ohne Umwege in die Chefetage, zielgerichtet in Schmiders Büro „mit einem großen Aquarium“. Er selbst nimmt den Hauptverdächtigen fest, pfändet sofort dessen wertvolle Armbanduhr. Im Podcast-Gespräch schildert er seinen Eindruck von Schmider: „Er wusste, was jetzt auf ihn zukam.“

Reinhard Hofmann



  • Reinhard Hofmann war bis 1. September 2020 Oberstaatsanwalt in Mannheim. Bis zu seiner Pension war er rund 30 Jahre im Ermittlungsdienst.
  • Sechs Jahre seiner beruflichen Tätigkeit widmete er dem Flowtex-Skandal. Der Fall war extrem umfangreich, alleine die Anklage umfasst 300 Seiten.

Fast 8000 Ordner beschlagnahmen die Ermittler. Dokumente eines über Jahre wachsenden Schneeballsystems. Während für die Masse der Unterlagen noch Regale aufgebaut und eine kluge Registratur festgelegt werden muss, beginnen die Vernehmungen. Schmider, so erzählt es Staatsanwalt Hofmann, zeigt sich kooperativ: „freundlich, mit guten Manieren“. Und es stellt sich heraus: Die Firma Flowtex war zwar aus Schmiders Sicht von vorneherein als Erfolgsmodell geplant, der Betrug im großen Stil baute sich jedoch erst auf, als die ursprüngliche Idee scheiterte. Mit Horizontalbohrmaschinen wollten Schmider und Kleiser den deutschen Markt erobern. Bohrsysteme, die unterirdische Leitungsarbeiten ermöglichen, ohne dafür Straßen aufreißen zu müssen. „Originelle Idee“, findet Hofmann heute noch. Doch die Maschinen, die Schmider längst angepriesen hatte, funktionieren nicht. Schmider hofft damals, so erklärt es Hofmann, „dass das operative Geschäft nachwächst“ und übereignet die Maschinen an Leasing-Gesellschaften. Einige Vorzeigegeräte parken die Geschäftsführer in einer Halle auf dem Firmengelände, um sie präsentieren zu können. Und weil die Nachfrage steigt und die Banken bedient werden müssen, tauschen sie kurzerhand die Typenschilder aus und verkaufen bald Horizontalbohrmaschinen, die es in Wirklichkeit nicht gibt. 281 echte Geräte zählt Hofmann damals und über 3000, die verkauft wurden, ohne zu existieren. Der Betrugsschaden, der sich aus den Ermittlungen ergibt, wird später auf 4,3 Milliarden D-Mark beziffert. 360 Millionen D-Mark, so erzählt der Ermittler, habe Schmider nur für sich und seine Familie genutzt.

Parallelen zu Wirecard

Von Schmiders Villen, Schiffen und Flugzeugen berichtet Hofmann und erklärt, warum er einen Sachverständigen beauftragte, der Schmider auf Größenwahn hin untersuchte und dessen Schuldfähigkeit prüfte. Elf Jahre und sechs Monate Haft lautet am Ende das Urteil. Eine gerechte Strafe? Auch diese Frage beantwortet Hofmann im Podcast.

Einen Blick auf die aktuell laufenden Ermittlungen gegen die Geschäftsführer des Finanzdienstleisters Wirecard wirft im Podcast „MM“-Wirtschaftskoordinatorin Bettina Eschbacher. Sie hatte den Prozess gegen Schmider und weitere Beteiligte zum Teil verfolgt und stellt nun erstaunliche Parallelen zwischen den beiden Skandalen fest. Auch bei Wirecard sind Scheingeschäfte Grundlage des Betrugs und wieder scheint das Betrugssystem perfekt funktioniert zu haben. Allerdings sind diesmal Privatanleger die Geschädigten. Und Eschbacher ahnt, dass auf Flowtex und Wirecard weitere folgen könnten: „Man darf sich keine Illusionen machen“, sagt sie: „Es wird immer Betrügereien geben, die man nur schwer durchschauen kann.“

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Redaktion Lokalredakteurin, Gerichtsreporterin, Crime-Podcast "Verbrechen im Quadrat"

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