Erfahrungsbericht

Ungewollt schwanger: Wie es ist, ein Kind abzutreiben

Hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung, Mutterinstinkt und der Erkenntnis: Ich will dieses Kind nicht. Eine Mannheimerin berichtet, wie es ist, eine Schwangerschaft abzubrechen, was vor und nach der Abtreibung passiert

Von 
Lisa Wazulin
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Mannheim. Eine Schwangerschaft abbrechen – darüber zu sprechen ist noch immer ein Tabu. Welche Hindernisse eine Frau dafür überwinden muss: eine Mannheimerin über Gefühlschaos, viel Blut und das Leben danach.

Ihr eigenes Kind abtreiben – das war für Marlene Haase immer unvorstellbar. Bis zu diesem Tag im November, als die Pille danach keine Wirkung zeigt und der Schwangerschaftstest am Morgen positiv ist. Ein Besuch beim Frauenarzt bringt Gewissheit: Schwanger in der fünften Woche, von einem Mann, den sie nur flüchtig kennt.

© MM-Grafik

Es folgt eine Achterbahn der Gefühle, ständig hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung, Mutterinstinkt und der Erkenntnis: Ich will dieses Kind nicht. Nicht mit diesem Mann. Nicht jetzt. Was dann passiert, darüber will die 27-jährige Haase, die im echten Leben anders heißt, anonym, aber offen sprechen. Und damit anderen Frauen in der gleichen Lage seltene und ehrliche Einblicke geben.

Die Entscheidung

„Am schlimmsten ist es, eine Wahl zu treffen. Die Stimmungsschwankungen durch die Schwangerschaft stürzen mich ins Gefühlschaos. Der Vater des Kindes versichert mir, mich zu unterstützen, egal wie ich mich entscheide. Sagt aber deutlich, dass er auf das Sorgerecht verzichten will. Er ist von Anfang dagegen, das Kind zu behalten, drängt mich aber zu nichts. Trotzdem wird mir klar: Er wäre ein Vater, der nicht so für mein Kind da wäre, wie ich es mir wünsche.

Anlaufstellen

Schwangerschaftskonfliktberatung mit Nachweis bieten unter anderem an:
  • Diakonie MannheimMonika Welsch, Tel.: 0621 / 28 00 03 68,
    Mail: welsch@diakonie-mannheim.de

 

Ich lese mich also ins Thema ein, spreche mit einer Bekannten, die abgetrieben hat. Für sie war die Entscheidung direkt klar, alles supereinfach. Für mich ist es das nicht, ich fühle mich schwach. Mache mir Vorwürfe, ein Kind abzutreiben, während andere vergeblich versuchen, schwanger zu werden. Zweifle an meinen Gründen. Ich schreibe eine Pro- und Kontra-Liste, spreche alles mit Freundinnen, der Familie und dem Vater durch.

Alle wollen mich unterstützen, mir beistehen. Trotzdem weiß ich: Am Ende bin ich diejenige, die diese Entscheidung treffen und damit leben muss. Ich versuche, mir alle Möglichkeiten offen zu halten und will mich beraten lassen. Bei Pro Familia werde ich fündig, vereinbare einen Termin. Das ist nötig, denn nur mit dem Nachweis eines sogenannten Schwangerschaftskonflikt-Gesprächs bei einer staatlich anerkannten Stelle darf ich legal abtreiben.

Das Gespräch

Obwohl fast alle meine Fragen beantwortet werden, bin ich am Ende der Beratung immer noch ratlos. Auf der einen Seite bin ich froh, dass der Vater mich damit nicht allein lässt. Andererseits kann ich vor ihm nicht offen sprechen. Schließlich kenne ich ihn kaum, er ist für mich ein Fremder. Tatsächlich fühlt sich die Beratung wie ein Aufklärungsgespräch an, ich werde zu nichts gedrängt: Die Sozialpädagogin erklärt uns zwei Arten, wie eine Schwangerschaft beendet werden kann, beantwortet geduldig Nachfragen. Dann händigt sie mir eine Liste von Ärzten aus, die diese Eingriffe vornehmen.

Meine Frauenärztin ist nicht dabei, die anderen Mediziner kenne ich nicht, und ich finde es falsch, dass ich mich nicht vorher informieren konnte, welcher Arzt Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Da ich noch unentschlossen bin, empfiehlt mir die Beraterin, ein Datum festzulegen, bis wann ich mich entscheiden will.

Der Rückschlag

Nach langem Grübeln und Recherchieren fasse ich einen Entschluss: Wenn ich es tue, dann mit Medikamenten. Die Vorteile: Ich muss lediglich Pillen schlucken, die eine Fehlgeburt einleiten – zumindest stelle ich mir das so vor. Dazu brauche ich keine Operation, muss keine Nebenwirkungen der Narkose befürchten. Beim nächsten Frauenarzt-Besuch kann ich im Ultraschall schon Ansätze von Armen und Beinen und das Herz pulsieren sehen. Muttergefühle kommen auf, vielleicht sollte ich es doch behalten? ,Stopp!‘, denke ich, will mir weiter alles offenhalten, endlich einen Termin für den Abbruch festlegen. Ich versuche, übers Internet herauszufinden, welche Ärztin aus der Liste für mich infrage kommt. Einige sind nicht gut zu erreichen. Als ich endlich eine Arzthelferin ans Telefon bekomme und ihr von meinem Plan mit den Pillen erzähle, löst ihre Antwort Stress aus: In der siebten Woche bei dieser Größe des Fötus sei es schon zu spät für diese Art der Abtreibung. ,Warum hat mir das niemand früher gesagt? Wo bleibt die Aufklärung‘, frage ich mich niedergeschlagen. Jetzt habe ich keine Wahl mehr, muss die Schwangerschaft operativ beenden, und auch hier sitzt mir die Zeit im Nacken.

Der Eingriff

Der schlimmste Moment ist nicht die Operation, sondern das Eintreten in den OP-Saal. Erst zwei Tage vorher habe ich mich endgültig entschieden. Kurz vor dem Eingriff erklärt mir eine völlig fremde Ärztin im Vorgespräch im Schnelldurchlauf, wie sie über ein eingeführtes Röhrchen in Muttermund sowie Gebärmutterhöhle Schleimhaut und Fruchtblase absaugt. Dann geht es los: Unten herum nur in mein eigenes Handtuch gewickelt, setze ich mich auf den kalten OP-Tisch. Bereit dazu, die Unterschenkel in die Fußstützen zu legen. Da wird mir bewusst: Das ist jetzt unwiderruflich, Tränen laufen mir übers Gesicht. Nur der Anästhesist scheint Mitleid mit mir zu haben, streichelt mir über den Kopf, während die Ärztin routiniert alles vorbereitet. ,Jetzt töte ich das Kind‘, ist der letzte Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, bevor die Narkose wirkt.

Das Aufwachen

Als ich wieder zu mir komme, ist da kaum Schmerz, nur ein leichtes Ziehen im Unterleib und viel Blut. Ich habe eine Art Unterhose aus Mullbinden an, liege in einem Aufwachraum mit anderen Frauen. Nur getrennt durch Vorhänge höre ich eine Frau bitterlich weinen, der Drang, sie zu trösten, ist groß.

Die Nachsorge

Mein Zyklus hat sich komplett verschoben. Zuerst hoffe ich, dass das Bluten endlich aufhört, denn bis dahin muss ich mich schonen. Dann ein weiterer Schock: Nicht alles ist bei der OP entfernt worden. Es ist unklar, ob das überschüssige Gewebe weiterhin Schwangerschaftshormone produziert. Deshalb warte ich verzweifelt darauf, endlich wieder meine Periode zu bekommen. Ich fühle mich labil und lethargisch durch den sich umstellenden Hormonhaushalt, habe Stimmungsschwankungen. Um das Gewebe loszuwerden, muss ich Medikamente schlucken. Weil die nicht anschlagen, muss ich eventuell noch einmal operiert werden. Elf Wochen nach dem Abbruch weist mein Arzt noch Schwangerschafshormone im Blut nach, ein untypisch langsamer Abbau.

Die Wochen danach

Die Tage danach sind schlimmer als der Eingriff. Ich stürze mich ins Arbeitsleben, aber der Wiedereinstieg fällt mir schwer. Was hilft, nach vorne zu blicken, sind die kostenlosen Nachsorgeberatungen. Hier erfahre ich: Keine Entscheidung trifft man zu 100 Prozent, Restzweifel bleiben immer. Auch das Trauern um das Kind ist etwas völlig Menschliches. Als Ritual, um mit dem Erlebten abzuschließen, will ich Schwangerschaftstest, Arzt-Rechnungen, Ultraschallbilder und Binden verbrennen.

Der Neuanfang

Mein Zyklus hat sich fast normalisiert. Obwohl die Entscheidung, mein Kind nicht zu behalten, die schwerste meines Lebens gewesen ist, geht es mir heute gut. Ich spreche im Freundeskreis offen darüber, und plötzlich gestehen mir andere Frauen: Ich habe es auch getan. Von einer Freundin erfahre ich, dass sie auch abgetrieben hat. Beim Austauschen merken wir: Ihr wurden vor dem Eingriff Beruhigungsmittel und OP-Kleidung gegeben, während ich das schmerzlich vermisst habe. Ob ich jemals wieder Mutter sein will? Einen Kinderwunsch habe ich immer noch, aber eben unter anderen Umständen. Ich bin froh, dass ich die Chance hatte, selbst über meine Zukunft zu entscheiden.“

Redaktion Seit 2018 als Polizeireporterin für Mannheim in der Lokalredaktion.

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