Initiative

"Müttersprache": Erfolg durch gratis Deutschkurse in Mannheim

Sprachkurse mit kostenloser Kinderbetreuung für geflüchtete Frauen: Was den Unterricht so besonders macht, warum die Nachfrage riesig ist - und was der Verein jetzt dringend sucht

Von 
Lea Seethaler
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„Das Besondere an unseren Kursen ist, dass unser Angebot total niederschwellig ist, dass bei uns jede Frau vorbeikommen kann“, sagt Ida Gerstner. Seit 2017 bietet das Projekt Müttersprache kostenlose Deutschkurse für geflüchtete Frauen in Mannheim an. Die Nachfrage ist riesig, wie Gerstner berichtet. „Egal, wie der Aufenthalts- oder der sozioökonomische Status ist, zu uns kann jede Frau kommen“, sagt Studentin Gerstner. „Die Frauen müssen nur das Deutschbuch kaufen, und es kann losgehen.“

Lehr-Örtlichkeiten gebraucht

Was die Kurse noch auszeichnet: Es wird parallel Kinderbetreuung angeboten. Ebenso kostenlos. „Montags sind wir in der Schwetzinger Vorstadt, da gibt es auch Spielsachen vor Ort, das ist super“, beschreibt Gerstner. „Mittwochs können wir die Räumlichkeiten der Universität Mannheim nutzen, die jedoch weniger geeignet sind.“ Aktuell sind sie und ihr Team auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten in Mannheim für die Kurse. Es muss nicht mal die Größe eines klassischen Klassenzimmers sein, auch kleiner ist in Ordnung, sagt Gerstner. Zwei Kursräume für rund 15 Personen und ein Betreuungsraum, so groß wie möglich und kindgerecht, würden in etwa ausreichen.

Die Warteliste von Müttersprache ist lang. „Aktuell sind viele Mütter mit Kindern auf der Liste, die können wir gerade nicht aufnehmen, weil die Kinderbetreuungskapazität bei uns voll ist.“ Daher sucht Müttersprache dringend Betreuer und auch Lehrpersonal. Für die Betreuung werden Männer und Frauen gesucht, für die Lehrstunden nur Frauen. „Weil eben unser Konzept ein Kurs von Frauen für Frauen ist, und sich die Frauen da wohler fühlen“, beschreibt Gerstner. Besondere Vorkenntnisse braucht es für beide Tätigkeiten keine, sagt sie. Es könne einfach jeder und jede, der oder die sich engagieren will, mitmachen.

Schwangere lernen online

Rund 45 Menschen arbeiten aktuell ehrenamtlich beim Verein mit. Davon circa 20 als Lehrerinnen, etwa 15 in der Betreuung, rund zehn kümmern sich etwa um Organisation und Marketing, Fundraising und Finanzen. In der Universität hat Müttersprache aktuell zwei Räume für die Lehrstunden und einen für die Betreuung.

Spendemöglichkeit und Infos zum Projekt

  • Das Leitungsteam von Müttersprache setzt sich aus Laura Schulz (Leitung Team Lehre, Koordination Ehrenamtliche), Ida Gerstner (Leitung Team Kinderbetreuung, Social Media), Elena Stübinger-Janas (Leitung Team Marketing) und Zoë Brands (Leitung Finanzen, Stiftungen und Anträge) zusammen.
  • Spenden sind möglich an: Nice to meet you e.V., IBAN: DE42670900000093075200, BIC: GENODE61MA2
  • Verwendungszweck: Projekt Müttersprache
  • Mehr Infos und Kontakt im Netz unter www.muettersprache.de

Immer Montag und Mittwoch ist Präsenzkurs. Zudem gibt es noch einen Onlinekurs, an dem Frauen teilnehmen, die zum Beispiel schwanger sind, oder aufgrund ihres Berufs an dem anderen Termin nicht können. Gerstner hat sich schon vor vielen Jahren, als in ihrem Heimatort Geflüchtete ankamen, gemeinsam mit ihrer Mutter, die selbst Deutschlehrerin ist, in der Hilfe für die Menschen engagiert.

Auf Müttersprache kam sie hier, als sie 2019 ihr Studium der Psychologie begann, ganz unkonventionell - per Instagram. „Der Großteil der Ehrenamtlichen sind Psychologiestudentinnen“, sagt Gerstner.

Von dem Budget, das sich nur über Spendenmittel und Fördergelder speist, konnte der Verein nun auch eine 450-Euro Kraft für das Organisatorische einstellen, erklärt sie. Die meisten unterrichteten Frauen sind aus dem arabischen Raum, viele aus der Türkei, aus Pakistan oder aus Marokko, berichtet Gerstner. „Das Feedback ist sehr positiv, man bekommt so viel von den Frauen zurück. Es ist eine sehr dankbare Arbeit. Manchmal, wenn man die Frauen einfach so in der Stadt trifft, ist es auch einfach nur schön“, sagt Gerstner.

Ältere und Berufstätige gesucht

„Da wir Studis sind, freuen wir uns sehr über neue Ehrenamtliche, die berufstätig oder etwas älter sind“, sagt Gerstner. „Und die daher ihre Zeit anders einteilen können und außerhalb der festen Kurstermine an den frei einteilbaren Einzelkursen können“, so die Studentin. Denn gerade in der Prüfungsphase der Uni wird es manchmal für das Ehrenamts-Team sehr stressig. Die Arbeit ist indes vielfältig. Manchmal bräuchte es auch einfach kurz Hilfe, wenn da ein Brief vom Amt käme, sagt Gerstner.

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Beim Thema Betreuung, gerade für die Kinder von Geflüchteten, betont die Mannheimerin derweil: „Es sollte einfach auch vonseiten der Stadt mehr niederschwellige Angebote geben.“ Die Nachfrage sei nicht nur bei ihren Sprachkursen groß. Im gesamten Betreuungssektor, in den Kitas, brauche es einen Ausbau der Kapazitäten, betont sie. Und oft auch spezielle Unterstützung: „Wenn es da zum Beispiel um die Plätze geht. Viele migrantische Familien können sich da gar nicht so dahinterklemmen wie Leute von hier, auch wegen der sprachlichen Barriere.“

Guzaliya wird Altenpflegerin

Müttersprache gehört zum Verein Nice to meet you, der sich in der Geflüchtetenhilfe engagiert. Viele der Frauen machen die Kurse, um hier bleiben zu können oder um eine Ausbildung anzufangen. Müttersprache zeichne sich dabei auch durch die flexiblen Lösungen für verschiedene Situationen der Schülerinnen aus, so Gerstner. Und durch die Unabhängigkeit von der Bleibeperspektive.

Spezielle Frauen-Integrationskurse mit Sprachkursen gibt es in Deutschland zwar auch an anderer Stelle: Wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge angibt, kosten diese aber. Man kann zwar von der Gebühr befreit werden, zum Beispiel, wenn man ALG II bezieht. Allerdings sind dafür wieder Anträge bei Behörden nötig.

Die ersten Erfolgsgeschichten hat indes das niederschwellige Mannheimer Projekt geschrieben: etwa die von Guzaliya. Sie hat zwei Kinder und wird von Müttersprache seit 2019 begleitet, berichtet Gerstner. „Durch die Kurse hat sie die Möglichkeit bekommen, eine Ausbildung als Altenpflegerin im Altersheim zu beginnen. Sie ist dankbar, durch Müttersprache unterstützt zu werden und hat viel Freude, Deutsch zu lernen“, sagt Gerstner.

Redaktion Redakteurin und Online-Koordinatorin der Mannheimer Lokalredaktion

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