Zu den Kritiken am Roman „Krabbenwanderung“

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© Alice Müller

Zum Artikel „Von fremden Mädchen und ihren Feuchtgebieten“ vom 12. Oktober:

Herr Dettlinger, Ihre Kritik des Romans „Krabbenwanderung“ finde ich einseitig. Sie monieren an dem Roman die Sex- und Masturbationsschilderungen und zitieren einen Kollegen, der sagte, die ganzen Vaginamonologe und Konsorten gingen ihm auf die Nerven. Kann man verstehen.

Das hat mich an eine Mitschülerin erinnert, die nach dem Aufklärungsunterricht meinte: „Das männliche Glied hängt mir zum Hals heraus.“ Kann man auch verstehen. Aber es wäre mit zweierlei Maß gemessen, wenn man daraus schließt, dass das Buch, „Krabbenwanderung“, wenn überhaupt, eher eine weibliche oder junge Leserschaft finden kann.

Mir fallen spontan zwei Beispiele dazu ein: Philip Roth lässt in „Portnoys Beschwerden“ seinen Helden gefühlt pausenlos, aber einmal auch mit einem Stücke Leber masturbieren. Oder nehmen wir Henry Miller („Tanja hatte eine Möse so groß wie ein Koffer“). Haben nur pubertierende Knaben oder geile Männer die beiden Autoren gelesen und gut gefunden?

Man kann bei allen Geschlechtern die Darstellung ihrer Sexualität als Befreiungsakt sehen, dann gehören sie auch ohne „Einbettung“ zur Geschichte. Ich mag auch nicht immer präzise Schilderungen von Körperflüssigkeiten und ihrer Erzeugung lesen. Ich achte dann einfach mehr auf die restlichen 90 bis 95 Prozent des Textes. Die anderen Kritiken habe ich gern gelesen.

Sehr geehrter Herr Dettlinger, Ihre Einschätzung der „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ von Karosh Taha hat uns irritiert, vor allem die Bewertung der Protagonistin als „Nymphomanin“. Bei allem Respekt für Ihre literarische Bildung möchten wir hier aus der Perspektive von Personen, die mit Schüler*innen zu diesem Buch arbeiten, sagen, dass die jungen Menschen empfänglich sind für die meist sehr subtile und poetische Art dieses Textes, Themen wie Trauma oder Sexualität zu beschreiben. Sie sind aber auch dankbar und überaus aufgeschlossen für die expliziten Passagen.

Wir erleben ein großes Bedürfnis bei unseren Schüler*innen offen und vor allem respektvoll über Sexualität zu sprechen. Ist es nicht wunderbar, dass gerade Literatur dazu den Raum eröffnen kann? Dieser Raum muss jedoch geschützt sein, ohne Bewertung und ohne männliche Fantasien aus der erotischen Mottenkiste. In unserer Jugend war noch das „da unten“ ein obskurer Schambereich, aber mittlerweile ist – zum Glück – die weibliche Lust und Sexualität längst kein Tabu mehr und vor allem nichts, was als Krankheit abgewertet werden möchte. Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen – wie wir hoffen.

Ich habe Karosh Tahas Roman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ gelesen, weil mich interessierte, was eine Autorin aus dem kurdischen Kulturkreis zu sagen hat, aus einem Volk, dessen Lebensraum sich über vier Staaten erstreckt und das seit über 100 Jahren um einen unabhängigen Staat kämpft. Die Rezensenten des „MM“ lobten fast alle die Schreibkunst der Autorin, beim Inhalt gingen die Meinungen weit auseinander.

Multikulturelles Mannheim

Ich schließe mich Lisa Knoll an, die dieses Buch bei aller Widersprüchlichkeit für eine angemessene Wahl für das multikulturelle Mannheim hält, wo fast 50 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben. Die Lesung am 12. Oktober war ausgezeichnet organisiert, es fehlte aber eine anschließende Forumsdiskussion. Mich hätte interessiert, wie das vorwiegend jugendliche Publikum dieses Buch, das ihnen von FachlehrINNen „verordnet“ worden war, wahrgenommen hat.

Beim Signieren fragte die Autorin eine der Teenagerinnen, ob ihr das Buch gefallen habe, um gleich hinzuzufügen, das würde sie wohl auch nicht verneinen. Sie ging wohl davon aus, dass das Mädchen sich nicht trauen würde, einen kritischen Kommentar abzugeben. Vielleicht hätte in einem Forum eine den Mut gehabt, sich zu äußern. Vielleicht wäre auch klar geworden, dass die teilweise drastischen Sexszenen bei jungen Leuten mit oft migrantischem Hintergrund doch einem Tabu unterliegen, was die Autorin mangels Kontaktes eher verneint hatte. Meiner Meinung nach lenkt die ausführliche Darstellung der sexuellen Erlebnisse beziehungsweise Fantasien der 22-jährigen Ich-Erzählerin von etwas viel Schockierenderem ab. Ihre Mutter war in ihrer Heimat durch Schüsse verletzt worden. Die Geschosse wurden nie herausoperiert, weil der familieninterne Ehrenkodex verletzt worden wäre, hätte man sich den tatsächlichen Verlauf des Unglücks eingestanden. In der Folge entwickelte die Frau eine mit vielen körperlichen Beschwerden einhergehende Depression. Statt ärztliche Hilfe zu suchen, warf die Familie ihr Versagen auf allen Ebenen vor.

Man fragte sich, wer hier wen verletzt hat, wer schuld ist und wer Opfer, eine der vielen in diesem Buch aufgeworfenen Fragen. Ich wünsche der Aktion „Mannheim liest ein Buch“ für die Zukunft viel Erfolg, auch wenn ich mir zumindest bei diesem Buch kaum vorstellen kann, dass es Eingang in Lesekreise in Sportvereinen oder Seniorenheimen finden könnte.

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3eBUbct

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