Umstrittene Straßennamen

Diese Namen könnten die Straßen in Rheinau-Süd bekommen

Seit dem vergangenen Jahr tobt der Streit über vier Straßennamen in Rheinau-Süd. Nach dem Willen der Verwaltung sollen sie verändert werden, weil dadurch bislang Repräsentanten kolonialistischen und rassistischen Denkens gewürdigt werden. Der ehrenamtliche „Arbeitskreis Kolonialgeschichte Mannheim“ hat alternative Vorschläge erarbeitet – wir stellen sie im Einzelnen vor.

Bild 1 von 7

May Ayim (1960-1996)

May Ayim ist eine deutsche Wissenschaftlerin, Dichterin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung. Die Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers wächst bei Adoptiveltern auf. Diese wollen sie mit besonderer Strenge zu einem „Musterkind“ erziehen, das „durch sein Verhalten alle Vorurteile Lügen strafen soll“ – eine subtile Form des Rassismus.1979 macht sie ihr Abitur an der katholischen Friedensschule Münster und beginnt an der Uni Regensburg ein Studium der Pädagogik und der Psychologie, das sie mit dem Diplom abschließt. Als Wissenschaftlerin und Logopädin analysiert sie die Gewalt, die sich über Sprache ausdrückt.1986 ist sie Gründungsmitglied der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland (ISD). Mit anderen schwarzen deutschen Frauen entwickelt sie die Selbstbenennung „Afrodeutsch“. Nach der Diagnose MS nimmt sie sich das Leben.

© AK

Bild 2 von 7

Rudolf Manga Bell (1873-1914)

Rudolf Manga Bell wird in Kamerun als Sohn des Oberhauptes des Volkes der Duala geboren und lebt fünf Jahre in Deutschland.Als Nachfolger seines Vaters beklagt er 1905 mit 26 anderen Oberhäuptern in einer Petition an den Reichstag die Willkür der Kolonialherrschaft wie Enteignungen, Niederreißen von Häusern, Zwangsarbeit ohne Lohn und grundlose Verhaftungen. Außer bei den Sozialdemokraten findet er kein Gehör; ihr legendärer Vorsitzender August Bebel zeigt im Reichstag am Rednerpult eine Nilpferdpeitsche, um die Qualen der Menschen zu schildern. Obwohl Bell stets friedlich bleibt (mit Petitionen etc.), wird er wegen „Hochverrats“ gehängt.In der Geschichte Kameruns gilt er als Märtyrer. 2018 beschließt die Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Berlin-Mitte, den bisherigen Nachtigalplatz nach Rudolf Duala Manga Bell und seiner Frau Emily umzubenennen.

© AK

Bild 3 von 7

Miriam Makeba (1932-2008)

Miriam Makeba wird in einem Township bei Johannesburg geboren. In vielsprachigen Songs prangert sie die Apartheid Südafrikas an, die sie am eigenen Leib erfährt, und wird deshalb als „Stimme Afrikas“ gefeiert. Sie gilt als Vertreterin der Weltmusik und erhält zahlreiche Ehrungen, unter anderem den Grammy Award. 1962 singt sie mit anderen Stars bei der legendären Feier zum 45. Geburtstag von Präsident John F. Kennedy im Madison Square Garden.Vor der UNO fordert sie 1963 einen Boykott Südafrikas, worauf ihr die Staatsbürgerschaft entzogen wird. Sie bleibt in den USA und heiratet den Black-Power-Aktivisten Carmichael, worauf viele ihrer Verträge gekündigt werden. Sie geht nach Guinea, später nach Belgien. Nach 30 Jahren Exil kehrt sie bei Ende der Apartheid 1990 auf Bitten von Präsident Nelson Mandela in ihre Heimat zurück. Seit 2011 trägt eine Grundschule in Berlin ihren Namen.

© dpa
AdUnit urban-gallery1

Bild 4 von 7

T. W. Michael (1925-2019)

Theodor Wonja Michael wird in Berlin als Sohn einer Deutschen und eines Kameruners geboren. Seine Mutter stirbt, als er ein Jahr alt ist. Die Pflegeeltern sind Betreiber eines „Menschenzoos“, in dem sie das Kind im Bast-Rock den „Afrikaner“ spielen lassen, wie er dem Klischee entspricht. In der NS-Zeit schlägt er sich als Komparse durch, gezwungenermaßen auch in Kolonialfilmen.Denn ihm ist die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, auf Grund der Nürnberger Rassegesetze der Besuch einer weiterführenden Schule verboten. Erst nach 1945 holt er das Abitur nach, studiert Politik in Hamburg und Paris. Er beginnt eine Karriere beim Geheimdienst BND und wird der erste schwarze Bundesbeamte im höheren Dienst.Zudem engagiert er sich in der Schwarzen Community in Deutschland. 2018 wird er für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

© dpa

Bild 5 von 7

Jacob Morenga (1875-1907)

 Jacob(us) Morenga, der außer der Sprache seines Volkes auch Africaans, Englisch und Deutsch fließend beherrscht, ist der Sohn einer Herero und eines Nama. Zunächst in den Kupferminen am Kap schuftend, wird er zwischen 1904 und 1907 der strategische Kopf der Aufstände von Herero und Nama gegen die deutsche Besatzung seines Heimatlandes in Südwestafrika – was bereits etwas Besonderes über ihn aussagt, da Herero und Nama nur selten miteinander, aber leider oft gegeneinander kämpfen. Als „schwarzer Napoleon“ wird er zum Hassgegner der deutschen Kolonialmacht. 1907 befiehlt Kaiser Wilhelm II.: „Auf Morengas Kopf 20 000 Mark, Bande ausrotten ohne Pardon.“ Getötet wird er jedoch in einem Gefecht mit den Briten, die aus übergeordneten Gründen bei seiner Verfolgung ausnahmsweise mit den Deutschen zusammenarbeiten. Im Süden Afrikas gilt er bis heute als Held.

© dpa

Bild 6 von 7

A. Mungunda (1932–1959)

Als Ende der 1950er Jahre die Anwohner in Windhuk gezwungen werden, in neue, nach rassistischen Kriterien eingerichtete Vororte zu ziehen, da sind es vor allem die Frauen, die dagegen auf die Straße gehen. Unter ihnen ist bei einer Demonstration am 10. Dezember 1959 auch die 27-jährige Anna Mungunda. Bei dem brutalen Vorgehen der Sicherheitsbehörden, das als „Old Location Massacre“ in die Geschichte eingeht, werden zahlreiche Menschen verletzt und getötet, auch Anna Mungunda. Denn als sie das Auto eines hohen Beamten des Apartheid-Regimes mit Benzin übergießt, wird sie erschossen. Anna Mungunda gilt in Namibia offiziell als Heldin. An ihrem Todestag (10. Dezember) wird im gesamten Land an sie erinnert. 2018 beschließt die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte, den nördlichen Abschnitt der bisherigen Karl-Peters-Allee nach ihr umzubenennen.

© AK

Bild 7 von 7

W. M Maathai (1940–2011)

Ihre herausragende Begabung fällt bereits als Kind den Missionsschwestern in Kenia auf: Mit einem Stipendium studiert sie Biologie in Arkansas, Pittsburgh, Gießen und München. 1971 macht sie als erste Frau ihren Doktor an der Universität der Hauptstadt Nairobi, wird dort auch erste Professorin. Frühzeitig arbeitet sie in ihrem wissenschaftlichen und politischen Wirken den Zusammenhang zwischen Freiheit, Frauenrechten und Umweltschutz heraus.1977 gründet sie den „Green Belt Movement“ (Grüngürtelbewegung), der sich der Bodenerosion als Folge radikaler Abholzung der einst üppigen kenianischen Wälder seit der Kolonialzeit widmet. 2004 wird sie mit dem Friedensnobelpreis geehrt – als erste afrikanische Frau. 2016 wird in Wien ein zentraler Platz im 22. Bezirk nach ihr benannt, im Herzen Berlins erinnert eine Gedenktafel in der Albrechtstraße 2 an die Friedensnobelpreisträgerin.

© dpa