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Wirtschaftsmorgen

Schlecht geschlafen?

Von 
Bettina Eschbacher
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Wer Nachschichten schiebt, sollte unbedingt eine Sonnenbrille einpacken. Das ist ein Ratschlag, den Schlafforscher Hans-Günter Weeß bei seinen Seminaren an Mannheimer Roche-Mitarbeiter weitergibt. Was so widersprüchlich klingt, hat einen wissenschaftlichen Hintergrund: Wenn es dunkel wird, schüttet unser Körper Melatonin aus. "Das ist ein wichtiger Botenstoff, der den Schlaf fördert", erklärt Weeß.

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Bloß keine Alltagsprobleme mit ins Bett nehmen

  • Schlafstörungen können konkrete organische Ursachen haben - zum Beispiel das Syndrom der unruhigen Beine oder Schnarchen mit Atemstillständen.
  • Aber Schlafexperte Hans-Günter Weeß weiß: 70 Prozent der Schlafstörungen hängen mit psychologischen Faktoren zusammen. In den individuellen Gesprächen mit betroffenen Roche-Beschäftigten geht es daher oft erst um das Erkennen dieser komplexen Faktoren.
  • "Wer ins Bett geht, um zu schlafen, bleibt wach", sagt Weeß, "ein gesunder Schläfer dagegen denkt gar nicht darüber nach." Es gehe beim Einschlafen immer darum, Anspannung zu vermeiden.
  • Sein Rat: Auf keinen Fall Alltagsprobleme mit ins Bett nehmen. Wer überlege, ob er am nächsten Morgen erst in den Baumarkt gehen oder gleich den Rasen mähen soll, erschwere schon das Einschlafen.
  • Um das zu verhindern, könne ein Entpflichtungs-Ritual vor dem Zubettgehen helfen: eine Liste zu machen, über das, was man am zu Ende gehenden Tag erreicht hat und was am nächsten Tag zu tun ist.
  • "Ganz Deutschland schläft von Sonntag auf Montag am schlechtesten", sagt Weeß. Ein Grund: Viele beschäftigen sich schon wieder gedanklich mit dem ersten Arbeitstag der Woche.
  • Weeß ist (Mit-)Autor mehrerer Fachbücher, zum Beispiel "Praxis der Schlafmedizin: Schlafstörungen bei Erwachsenen und Kindern, Diagnostik, Differenzialdiagnostik und Therapie", Springer.

Melatonin steuert unseren Tag-Nacht-Rhythmus, der bei Nachtarbeit aber auf den Kopf gestellt wird. Wenn es hell wird, wird die Produktion des Melatonins nämlich eingestellt. Also gerade dann, wenn ein Schichtarbeiter Feierabend hat und gerne schlafen möchte. Deshalb rät, Weeß, auf der Heimfahrt nach der Schicht die Sonnenbrille aufzuziehen, um dem Körper damit noch ein bisschen Nacht vorzugaukeln.

Und wer tagsüber nach der Schicht schlecht zur Ruhe kommt, weil er zum Beispiel an einer lauten Straße wohnt, für den hat Weeß auch einen ganz einfachen Tipp: "Leichte Radiomusik laufenlassen." So ein konstanter Lärmpegel blende andere störende Geräusche aus, erklärt Weeß.

Der renommierte Schlafexperte leitet das Interdisziplinäre Schlafzentrum am Pfalzklinikum Klingenmünster und arbeitet seit anderthalb Jahren mit dem Pharmakonzern Roche in Mannheim zusammen: Ziel ist, Mitarbeitern in Einzelgesprächen und verhaltenstherapeutischen Seminaren mit Ein-oder Durchschlafproblemen zu helfen. Eine große Zielgruppe sind Schichtarbeiter, denn die haben laut Weeß ein doppeltes bis vierfaches Risiko für Schlafstörungen.

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Beim Roche-Standort in Mannheim arbeiten rund 500 Menschen in Schichtarbeit oder schichtnahen Bereichen. Sie sollen mit Hilfe von Weeß lernen, mit Schichtarbeit besser umzugehen. Für den Leiter der Medizinischen Dienste bei Roche, Hans-Thomas Link, ist klar, dass auch das Unternehmen in der Pflicht ist.

So wurde bei Roche das klassische Schichtsystem im Wochenwechsel neu organisiert, weil man festgestellt hat, dass genau dieser Rhythmus ungünstig für den Körper ist. Denn nach einer Woche passe sich der Organismus komplett an den Zeitablauf etwa der Nachtarbeit an, die Umgewöhnung auf eine andere Schicht falle umso schwerer. Nach maximal zwei bis drei Tagen müsse der Schichtrhythmus wechseln, erklärt Link. Dann stelle sich der Körper leichter um.

"Die Mitarbeiter waren anfangs schon skeptisch", räumt Link ein. Aber das neue Schichtsystem werde inzwischen "extrem gut angenommen". Besser vertragen werde zudem ein vorwärtsrotierendes System, ergänzt Weeß, also die Früh-, Spät- und Nachtschicht im Wechsel.

Um dem typischen Schlafdefizit von ein bis zwei Stunden bei Nachtschichtlern entgegen zu wirken, empfiehlt Weeß ein festes Muster am Tage: Direkt nach Arbeitsende sollten drei bis vier Stunden Schlaf anstehen, vor der folgenden nächtlichen Arbeitsrunde sollten weitere ein bis zwei Stunden Schlaf folgen.

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Weeß betont aber, dass auch andere Schichtformen ihre spezifischen Probleme mit sich bringen. Vor einer Frühschicht schlafen viele Beschäftigte oft schlecht ein. Sie setzten sich mit dem Wissen, sehr früh aufstehen und daher möglichst früh einschlafen zu müssen, regelrecht unter Druck. "Anspannung ist der Feind des Schlafs", nennt Weeß die Hauptursache für Einschlafstörungen - nicht nur bei Schichtarbeitern. So ist auch Stressmanagement ein Bestandteil von Weeß' Seminare bei Roche. Häufig leiden Menschen mit Einschlafstörungen, so seine Erfahrung, auch tagsüber unter einem hohen Anspannungsniveau.

Den für das Einschlafen so wichtigen Zustand des Loslassens, der Entspannung, könnten sie nur sehr schwer selber erreichen. Betroffene sollten spezielle Entspannungstechniken bei Experten erlernen, "das braucht viel Übung und Training."

Die Angebote zum Thema Schlaf richten sich deshalb nicht nur an Schichtkollegen, betont Arbeitsmediziner Link. Der Druck zur ständigen Verfügbarkeit, die Arbeitsverdichtung, die Aufweichung der Arbeitszeiten durch die Globalisierung - all das seien Stressfaktoren, die zu Schlafstörungen führen könnten. Prävention sei daher ganz wichtig. So werden in den regelmäßigen Check-ups, die allen Roche-Mitarbeitern angeboten werden, auch gezielte Fragen zum Schlafverhalten gestellt. Das helfe, gesundheitliche Probleme wie nächtliche Atemstörungen ebenso herauszufiltern wie Anzeichen einer Schlafstörung.

Weeß weiß auch um die wirtschaftlichen Folgen von Schlafstörungen. Studien belegen, dass Arbeitnehmer mit Schlafstörungen die zwei- bis dreifach höhere Zahl an Abwesenheitstagen aufweisen, auch die Leistungsfähigkeit sei geringer. So bringen ausgeschlafene Mitarbeiter dem Arbeitgeber ganz konkrete, messbare Vorteile.

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