Bildungsgrad von Asylbewerbern  ZEW-Studie: „Es gibt erhebliche Lücken“

Von 
Walter Serif
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Der Einstieg in die Berufsausbildung: Ein Flüchtling aus Eritrea spannt 2016 in Frankfurt einen Blechstreifen zum Bearbeiten in einen Schraubstock ein. © dpa

Mannheim. Leer gefegt ist der Arbeitsmarkt in Deutschland. Daher sucht die Wirtschaft händeringend Personal. Der Bedarf umfasst alle Bereiche – vom Kfz-Mechatroniker bis zum Kellner. Inzwischen stellen Betriebe sogar auch dann Asylbewerber als Arbeitskräfte ein, wenn über deren Antrag noch gar nicht entschieden ist und diesen bei einem negativen Bescheid die Abschiebung droht. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) dringt deshalb auf ein Bleiberecht für Flüchtlinge mit Job. Er gehört damit zu den wenigen Unionspolitikern, die einen „Spurwechsel“ fordern – also die Chance für gut integrierte Flüchtlinge, vom Status der Geduldeten in den der Arbeitsmigranten zu wechseln.

Vergleich mit Herkunftsländern

  • Das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat in seiner neuen Studie erstmals den Bildungsgrad von im Rhein-Neckar-Kreis lebenden Asylbewerbern aus dem Nahen Osten und Afrika untersucht und mit Gleichaltrigen aus ihren Herkunftsländern verglichen. Die Daten wurden vom ZEW erhoben.
  • Die ZEW-Untersuchung wurde vom baden-württembergischen Wissenschaftsministerium und der Berliner Alexander von Humboldt-Stiftung gefördert. (was) 

„Der Schlüssel zur Integration“

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Die Debatte krankt allerdings daran, dass niemand genau weiß, wie groß unter den vielen Asylbewerbern – allein 2015 kamen 890 000 Flüchtlinge nach Deutschland – das Reservoir an potenziellen Arbeitskräften überhaupt ist. Das weiß auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim nicht. Es hat allerdings in einer empirischen Studie, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt, den Bildungsstand von jungen männlichen Asylbewerbern aus Nahost und Afrika erforscht, die im Sommer 2016 in Gemeinschaftsunterkünften im Rhein-Neckar-Kreis lebten. Das ist interessant, weil Bildung als Voraussetzung für eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt gilt.

Der Bildungsgrad der in der Studie befragten Asylbewerber unterscheidet sich demnach stark von der Schulbildung gleichaltriger Personen (knapp 25 Jahre) in der Heimat. Die Flüchtlinge – sie kamen überwiegend aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Gambia – gingen im Durchschnitt 1,6 Jahre länger zur Schule und gehören deshalb im Vergleich eher zur Bildungselite. 16 Prozent der Asylbewerber haben laut Studie sogar mehr als zwölf Jahre die Schulbank in ihrem Heimatland gedrückt. Dies entspricht der Dauer der Gymnasialzeit.

Das Bildungsniveau der Asylbewerber ist zwar im Durchschnitt verglichen mit den gleichaltrigen jungen Männern in ihren Heimatländern höher. Aber: Immerhin 14 Prozent der 203 befragten Asylbewerber haben nie eine Schule von innen gesehen. Die Durchschnittswerte haben daher nur eine allgemeine Aussagekraft. „Nicht jeder Asylbewerber wird sofort auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können“, sagt Martin Lange vom ZEW, der einer der zwei Autoren der Untersuchung ist. Immerhin fehlen den Befragten im Vergleich zum Bildungsniveau junger Deutscher im Durchschnitt fünf Jahre. Und natürlich lässt sich die Qualität der Bildung nicht allein anhand der Schuljahre beurteilen. Klar ist aber: „Es gibt erhebliche Lücken, die eine intensive Aus- und Weiterbildung erfordern“, so Lange.

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Der ZEW-Forscher führt dies „zum Teil auf unterbrochene Bildungs- und Erwerbsbiografien und geringere Bildungsinvestitionen in den Herkunftsländern“ zurück. „Eine erfolgreiche Integrationspolitik sollte die starken Unterschiede in der Bildung der Geflüchteten in den Blick nehmen und individuelle Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten schaffen“, empfiehlt Lange.

Die Asylbewerber mit höherem Bildungsniveau dürften im Durchschnitt aus eher wohlhabenden Haushalten stammen. Denn auch ihre Eltern verfügen über eine um 38 Prozent längere Schulbildung – das entspricht 1,7 Jahren – als Gleichaltrige in den Heimatländern. Aber auch hier gibt es eine starke Polarisierung: „Rund die Hälfte der Asylbewerber stammt aus Haushalten mit unterdurchschnittlichem Bildungsniveau“, erklärt Lange.

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Die Asylbewerber hielten sich bereits zehn Monate in Deutschland auf. Ein einfacher Sprachtest in den Flüchtlingsunterkünften in Wiesloch und Sinsheim ergab, dass diejenigen mit höherem Bildungsgrad auch über einen größeren Wortschatz verfügten. „Sie werden es auf dem Arbeitsmarkt leichter haben, denn der Spracherwerb ist der Schlüssel zur Integration“, so Lange.

Redaktion Reporter für Poltiik und Wirtschaft