Daimler - Truck-Chef Martin Daum verteidigt geplante Aufspaltung / Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats verlangt Zielbild für Standorte „Wir gewinnen neue Chancen“

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Alexander Jungert
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Mannheim/Stuttgart. Martin Daum drückt aufs Tempo. Der Vorstandsvorsitzende der Daimler Truck AG will Forschung und Entwicklung noch schneller machen und die weltweite Produktionskette noch stärker. „Mit unseren batterie-elektrischen und Brennstoffzellen-getriebenen Lkw sowie mit unserer starken Position auf dem Gebiet des automatisierten Fahrens haben wir bereits klar definiert, wie die Zukunft unseres Geschäfts aussehen wird“, sagt er. „Mit der Unabhängigkeit gewinnen wir neue Chancen, Sichtbarkeit und Transparenz.“

Mitarbeiter von Evobus in Mannheim sind mit dem Rohbau eines Stadtbusses beschäftigt. © Daimler AG/Evobus

Stuttgart bleibt Konzernsitz

Unterstützung der IG Metall

Die Gewerkschaft IG Metall hat die Pläne des Auto- und Lastwagenherstellers Daimler grundsätzlich begrüßt, die Truck-Sparte abzuspalten und an die Börse zu bringen.

„Es kann so zusätzlich investiert werden, um Unternehmen und Arbeitsplätze zukunftsfähig zu machen“, sagte Roman Zitzelsberger, IG-Metall-Bezirksleiter in Baden-Württemberg der „Stuttgarter Zeitung“.

Es gebe aber noch viele offene Fragen, die im weiteren Prozess geklärt werden müssten. dpa

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Daimler plant, das Geschäft in zwei unabhängige Unternehmen aufzuteilen – Mercedes-Benz für Autos und Vans, Daimler Truck für Lastwagen und Busse. Sitz der Daimler Truck AG soll weiterhin Stuttgart sein. „Wir sind in Stuttgart gut vertreten. Es ergibt keinen Sinn, die Kollegen umzusiedeln“, erklärt Daum. Das weltgrößte Lkw-Montagewerk des Konzerns befindet sich im pfälzischen Wörth. Dort werden die Motoren und Batteriepakete aus der Mannheimer Fabrik in den Fahrzeugen verbaut.

Neben dem Lkw-Motorenwerk hat in Mannheim auch Evobus einen Standort. Beide gehören zur Nutzfahrzeugsparte, die bald an die Börse gebracht werden soll. Mit insgesamt 8600 Beschäftigten ist Daimler der größte Arbeitgeber Mannheims.

Daum weist Befürchtungen aus Teilen der Belegschaft zurück, Evobus könnte nach der Aufspaltung veräußert werden. Momentan ist die Produktion in Mannheim gut ausgelastet, es gibt keine Kurzarbeit.

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Ganz anders sieht es im Schwesterwerk Neu-Ulm aus, wo Reisebusse produziert werden. Die Branche ist wegen Corona am Boden; Busreisen fallen aus, Schulausflüge ebenso. Reiseveranstalter investieren derzeit nicht in neue Fahrzeuge. Seit Monaten steht das Werk in Neu-Ulm deshalb nahezu komplett still. „Das tut echt weh, wenn man das sieht“, sagt Daum. Gleichzeitig verbreitet er Zuversicht. „Ich bin absolut überzeugt: Ab dem Tag, an dem es flächendeckende Impfungen gibt, werden die Menschen auch wieder mehr reisen.“

Arbeitnehmervertreter sind erleichtert darüber, dass die Zukunftssicherung – die betriebsbedingte Kündigungen bis Ende dieses Jahrzehnts ausschließt – weiterhin gilt und dass es einen zusätzlichen Innovationsfonds über 1,5 Milliarden Euro geben soll. Corona, ökologische Wende, Digitalisierung – die Industrie steht vor einem gewaltigen Umbruch. Der kostet Geld.

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Auch Michael Brecht, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Daimler, hebt die Chancen durch neue Technologien hervor. Man müsse sich von Mitbewerbern abheben und während der Transformation Beschäftigung sichern, erklärt er. Für Brecht geht damit einher, dass für jeden Standort ein Zielbild, eine klare Identität, entwickelt wird.

Gewisse Flexibilität

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Daum „schüttet etwas Wasser in den Wein“, wie er sagt. Sich zu früh auf etwas festzulegen, kann aus seiner Sicht nach hinten losgehen. Eine gewisse Flexibilität müsse gewahrt bleiben, vor allem bei künftigen Technologien, erklärt der Vorstandsvorsitzende von Daimler Truck. Auch solle sich niemand etwas vormachen: Werde eines Tages tatsächlich zu 100 Prozent batterie-elektrisch oder mit Brennstoffzellen gefahren, würden auch weniger Mitarbeiter gebraucht. „Zum Glück passiert das nicht über Nacht, sondern über einen längeren Zeitraum“, sagt Daum. „Und genau darauf stellen wir uns ein.“

Angst vor einer Übernahme von Daimler Truck hat der Manager nach eigenen Angaben keine. Die Konkurrenten Volvo Trucks und Traton (ehemals Volkswagen Truck & Bus) habe bisher schließlich auch niemand übernehmen wollen.

Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.