Südwestmetall - Trotz leichter Erholung sehen die Arbeitgeber keinen Spielraum für weitere Belastungen / Friedenspflicht endet bald „Wir fahren auf Sicht“

Von 
Tatjana Junker
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In der Metall- und Elektroindustrie wird derzeit um einen neuen Tarifabschluss für die Beschäftigten gerungen. Bisher liegen die Positionen weit auseinander. © dpa

Mannheim. Alexander Zumkeller macht es plastisch. Mit einem Lineal misst er das Tarifwerk ab, das er in einem Ordner vor sich auf dem Tisch liegen hat – 5,5 Zentimeter ist es dick. Dass er das zu viel findet, muss Zumkeller, Arbeitsdirektor und Vorstandsmitglied bei ABB, da eigentlich gar nicht mehr explizit sagen. Aber er tut es trotzdem. Die Metall- und Elektroindustrie sei „unglaublich überreguliert“, die Firmen bräuchten mehr Spielraum, um Dinge auf betrieblicher Ebene zu regeln. „Es wäre ein großer Gewinn, wenn sich der Tarifvertrag auf das beschränken würde, was wirklich auf Branchenebene geregelt werden muss: Entgelt, Arbeitszeit, Urlaub“, sagt Zumkeller.

Stellenabbau geplant

Der Arbeitgeberverband Südwestmetall hat gerade eine Umfrage bei den Mitgliedsbetrieben der Bezirksgruppe Rhein-Neckar-Odenwald durchgeführt.

Von 20 teilnehmenden Firmen gaben 60 Prozent an, dass sie mit sinkenden Beschäftigtenzahlen planen, nur zehn Prozent rechnen mit einem Stellenaufbau. 60 Prozent der Betriebe hatten Beschäftigte in Kurzarbeit. Insgesamt hat die Bezirksgruppe 84 Mitgliedsfirmen mit rund 36 000 Mitarbeitenden. tat

„Administratives Monster“

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Dass er damit vielen Metall-Arbeitgebern aus der Seele spricht, unterstreicht Arnd Suck, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rhein-Neckar-Odenwald. Als Beispiel nennt er das tarifliche Zusatzentgelt (T-Zug), das die Gewerkschaft IG Metall in der letzten Tarifrunde ausgehandelt hat. „Ein administratives Monster, das die Akzeptanz des Flächentarifvertrags deutlich sinken lässt“, sagt Suck.

Dass gerade kriselnde Firmen leichter und ohne lange Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern vom Tarifvertrag abweichen können, ist eine zentrale Forderung der Arbeitgeber in den laufenden Tarifverhandlungen. Bei der IG Metall beißen sie damit bislang auf Granit. Die Gewerkschaft argumentiert, dass es bereits Sonderregelungen für Krisen-Betriebe gibt. Das Recht, über Abweichungen im Tarifvertrag in jedem Fall einzeln zu verhandeln, will sie sich nicht aus der Hand nehmen lassen.

Auch beim Thema Löhne liegen die Parteien nach den ersten Verhandlungsrunden noch denkbar weit auseinander. Die IG Metall pocht auf ein Plus von vier Prozent im Volumen, die Arbeitgeber lehnen das vehement ab. Sie wollen stattdessen eine Entlastung – und stellen Leistungen, die es bisher für die Mitarbeitenden gibt, in Frage. „Wir zahlen Spätzuschläge zu Zeiten, an denen manche beim Mittagessen sitzen“, nennt Suck ein Beispiel.

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Sein Kollege Peter Körner, Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe, bekräftigt: „Bis wir das Vorkrisenniveau wieder erreicht haben, verbieten sich jegliche tariflichen Kostenbelastungen.“ Mit Vorkrisenniveau meint Körner den Stand von Mitte 2018 – denn schon seit diesem Zeitpunkt befinde sich die Branche im Abschwung.

Der habe sich durch die Corona-Krise dramatisch verschärft. Um an 2018 anzuknüpfen, müsste die Metall- und Elektroindustrie Körner zufolge 2021 rund 20 Prozent wachsen. „Das könnten vielleicht einzelne Unternehmen schaffen, für die gesamte Branche erwarten das aber nicht mal Optimisten.“ Auch eine Umfrage unter den Mitgliedsfirmen in der Region zeige, dass die Pandemie die Branche noch stark belaste. Demnach verzeichneten von 20 Unternehmen, die an der Umfrage teilnahmen, 35 Prozent eine schlechte Auftragslage. Bei 40 Prozent sei sie befriedigend, 25 Prozent beurteilten sie als gut. Mit einem wachsenden Geschäft in 2021 rechneten nur 45 Prozent der Betriebe.

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Die Krise sei nicht überstanden, der Ausblick sehr schwierig, bekräftigt Sacha Minnie, beim Autozulieferer BorgWarner verantwortlich für den Standort Heidelberg mit knapp 400 Mitarbeitenden. Zwar zeichne sich im ersten Quartal 2021 eine recht starke Auftragslage ab. Trotzdem wisse man nicht, welche Einschränkungen die Pandemie noch bringe. Mit der Transformation stehe die Branche zudem vor einem gewaltigen Kraftakt, der hohe Investitionen erfordere.

Hoher Bürokratieaufwand

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„Wir fahren auf Sicht“, sagt auch Michaela Hellmann, Personalleiterin bei SKF. Der Spezialist für Schmiersysteme beschäftigt in Walldorf rund 400 Menschen. Zu den konjunkturellen Unwägbarkeiten kämen weitere Belastungen durch die Pandemie. „Unser Unternehmen ist in allen Bundesländern vertreten. Es ist ein großer administrativer Aufwand, die unterschiedlichen Corona-Regelungen ständig im Blick zu behalten“, sagt Hellmann.

Auch geschlossene Schulen und Betreuungseinrichtungen belasteten die Firmen, sagt ABB-Arbeitsdirektor Zumkeller. Für berufstätige Eltern seien die zusätzlichen Kinder-Krankentage zwar wichtig. „Aber für die Unternehmen heißt das: Mitarbeiter, die gebraucht werden, fehlen von heute auf morgen.“

„Es darf keine weiteren Belastungen für die Unternehmen geben, auch nicht bei den Arbeitskosten“, bilanziert Körner. Die Beschäftigten der Branche hätten in den vergangenen Jahren satte Lohnerhöhungen bekommen, nun erwarteten die Arbeitgeber ihrerseits ein Entgegenkommen. Ob sie damit rechnen können, wird sich bald zeigen. Am 1. März endet die Friedenspflicht, ab dann sind Warnstreiks möglich.

Redaktion Wirtschaftsreporterin