Pandemie - Unternehmen ist es bislang freigestellt, ob sie ihre Beschäftigten testen lassen / Gipfel berät über Testpflicht

Wie gefährlich ist Corona im Betrieb?

Von 
Alessandro Peduto und Alexander Klay
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Wirtschaftsverbände lehnen eine mögliche Corona-Testpflicht in Unternehmen strikt ab. © dpa

Berlin. Die dritte Pandemie-Welle rollt über Deutschland hinweg. Um die Ausdehnung der Infektion besser in den Griff zu bekommen, soll schneller geimpft und mehr getestet werden. In vielen Bereichen des Alltags kommen die Bürger an einem verpflichtenden Corona-Abstrich schon jetzt nicht vorbei, etwa bei Flugreisen oder Besuchen in vielen Pflegeheimen. Doch es gibt einen Bereich, der bislang von einer solchen Pflicht ausgenommen ist: die Wirtschaft.

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Minister berät mit Verbänden

Selbst Beschäftigte, die im Arbeitsalltag viele persönliche Kontakte haben, haben keinen Anspruch auf einen bezahlten Corona-Test. Viele Unternehmen erklären sich zwar freiwillig dazu bereit, ihren Mitarbeitern regelmäßig ein solches Angebot zu machen. Doch eine Pflicht dazu gibt es nicht. Das sorgt zunehmend für Unmut. Gerade in Berufen, die sich nicht ins Homeoffice verlagern lassen, kann das Testen der Belegschaft bei der Eindämmung der Pandemie helfen. Auch beim Gipfeltreffen von mehr als 40 Branchenverbänden mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) an diesem Donnerstag sollen die Tests daher Thema werden.

Zahlen gehen auseinander

Bei der Frage, wie viel in den Unternehmen tatsächlich getestet wird, präsentieren Arbeitgeber und die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung unterschiedliche Zahlen.

Laut mehrerer Spitzenverbände sind es aktuell 64 Prozent der Betriebe, die Corona-Tests anbieten. Dazu kämen viele Betriebe, die das in Kürze tun wollten. Die Autoindustrie präsentiert sich als stolzer Vorreiter – 75 Prozent der Unternehmen würden Schnell- und Selbsttests anbieten.

Die Bilanz der Böckler-Stiftung fällt anders aus: Nur 23 Prozent der Beschäftigten hätten in einer Befragung berichtet, dass alle Präsenzbeschäftigten in ihrem Betrieb mindestens einmal pro Woche einen Schnelltest machen könnten. ZRB

Die Politik will den Druck auf die Unternehmen erhöhen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat angekündigt, man müsse das Testen in den Betrieben „wahrscheinlich“ verpflichtend machen, da die Beteiligung der Unternehmen bisher zu gering sei. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) setzte vor wenigen Tagen nach: „Sollte sich in der Woche nach Ostern zeigen, dass in der Arbeitswelt nicht ausreichend getestet wird, werden wir es rechtlich verbindlich machen.“

Die Bundesregierung erstellt eine eigene Erhebung, um zu bewerten, ob gesetzliche Vorgaben nötig sind. Dazu befragen Arbeits- und Wirtschaftsministerium Tausende Beschäftigte sowie eine repräsentative Auswahl an Unternehmen. Vor der nächsten Corona-Schalte von Bund und Ländern am Montag sollen die Ergebnisse vorliegen, teilte das Arbeitsministerium mit. Die Bewertung solle die Grundlage bilden für eine Entscheidung der Bund-Länder-Runde, ob eine Testpflicht für Betriebe kommt.

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Wirtschaftsvertreter machen klar, dass sie weiter auf Freiwilligkeit setzen wollen. „Bevor Frau Merkel nach Gutsherrinnenart den Unternehmern neue Vorschriften macht, sollte sie sich über die Folgen im Klaren sein“, sagt der Chef des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), Markus Jerger, dieser Redaktion. Unklar sei etwa, wo schätzungsweise 60 Millionen Schnelltests pro Woche herkommen sollen. „Die wichtigste Frage aber ist, wer trägt die Kosten von schätzungsweise einer Milliarde Euro im Monat?“, sagt Jerger. „Wir sind gespannt auf die Antworten aus dem Kanzleramt.“ Gerade die mittelständischen Betriebe hätten massiv in Hygiene und Arbeitsschutz investiert.

Gewerkschaften und Sozialpolitiker sind dagegen eindeutig für die Pflicht. „Das Testen in den Unternehmen sollte zu einer gesetzlichen Verpflichtung werden, solange die Pandemie nicht bekämpft ist“, fordert etwa Uwe Schummer, Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe der Union im Bundestag. Die meisten Firmen kümmerten sich zwar um die Gesundheit ihrer Beschäftigten, „aber es gibt immer Ausnahmen, die sich nicht an die Testempfehlungen halten“, sagt er unserer Redaktion. Dadurch könnten rasch neue Ansteckungsrisiken entstehen. „Deshalb müssen wir die Zügel anziehen für diese Minderheit der Unternehmen, die den Empfehlungen nicht folgt“, fordert der CDU-Abgeordnete.

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„Totschlagargument Bürokratie“

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht es ähnlich. „Die Selbstverpflichtung allein reicht nicht. Testangebote müssen verpflichtend sein, und die Kosten müssen von den Arbeitgebern getragen werden“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel auf Anfrage. Es könne nicht sein, dass sich die Arbeitgeber „mit dem Totschlagargument von zu viel Bürokratie herausreden wollen“.

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Beim Gipfel würden die Wirtschaftsvertreter freilich lieber über andere Themen sprechen. Das Gastgewerbe drängt nach sechs Monaten Lockdown auf Maßnahmen, um Hotels und Restaurants im Mai zu öffnen. Zudem würden zehn Prozent der Unternehmen im April noch immer auf die November- und Dezemberhilfen warten, klagt Guido Zöllick, Präsident des Branchenverbands Dehoga.

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