Porträt - Wolfgang Keilbach hat fast sein ganzes Arbeitsleben bei Saint Gobain verbracht / Kritik an Schließung des Betriebs „Werden einfach fallengelassen“

Von 
Till Börner
Lesedauer: 
Bis auf eine kurze Unterbrechung arbeitet Wolfgang Keilbach seit 1983 für Saint Gobain. Oft wird er das Werkstor nicht mehr passieren. © Christoph Blüthner

Mannheim. Zunächst hielt Wolfgang Keilbach die Nachricht, die im Juni 2020 die Runde machte, für einen Witz. Die beginnende Corona-Krise im Frühjahr 2020 hatte das Traditionsunternehmen Saint Gobain Glass dazu veranlasst, im Mannheimer Werk Kurzarbeit einzuführen. Auch Wolfgang Keilbach war davon betroffen. „Ich war daheim, als ich angerufen und gefragt wurde, ob ich in den Betrieb kommen könnte“, berichtet der 55-Jährige. Dort angekommen, erfuhr er, dass das Werk schließen wird. „Es war wie ein Schlag, als ich gemerkt hab, dass das kein Scherz ist“, erinnert sich Keilbach.

AdUnit urban-intext1

In einer offiziellen Mitteilung begründete der französische Industriekonzern diesen Schritt mit der „Restrukturierung seines Glasproduktionsbereichs in Deutschland“. Die Herstellung von Gussglas sowie die Produktion von transformatierten Gläsern für die Solar- und Gewächshausindustrie würde sich „nicht mehr wirtschaftlich betreiben lassen“. Insgesamt 140 Beschäftigte am Standort Mannheim waren von dieser Entscheidung betroffen.

1983, nach Beendigung seiner Maurerlehre, unterschrieb Wolfgang Keilbach seinen ersten Arbeitsvertrag bei Saint Gobain. Die sogenannte Spiegelfabrik hatte damals einen guten Ruf und fertigt immerhin seit 1853 Glas in Mannheim. Bis auf eine kurze Unterbrechung blieb der gebürtige Mannheimer seinem Arbeitgeber immer treu und bezeichnet die Fabrik und seine Kollegen als „zweite Heimat“.

Verhandlungen über Sozialplan

Auch im Februar 2021 geht er noch regelmäßig dorthin zum Arbeiten. „Aber nur, um Kleinigkeiten zu erledigen, ausgelastet bin ich nicht“, erzählt er. Die offizielle Kündigung steht bisher aus, was daran liegt, dass die Arbeitgeberseite, der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG BCE noch über einen Sozialplan verhandeln. Inzwischen war auch das Mannheimer Arbeitsgericht eingeschaltet. Patrick Schütze von der Mannheimer Geschäftsstelle der IG BCE kritisierte Mitte Dezember gegenüber dieser Redaktion, dass es keine offene Diskussion mit dem Betriebsrat gegeben habe: „Die Arbeitnehmervertreter wurden in die Entscheidungen in keiner Weise eingebunden.“

AdUnit urban-intext2

Auch Wolfgang Keilbach ist froh, dass Betriebsrat und Gewerkschaft bei den Themen Abfindung und Weiterbildung nicht lockerlassen. „Sonst hätte das Unternehmen uns Arbeiter längst abgezockt.“ Der 55-Jährige ist „tief enttäuscht“, dass Saint Gobain ihn und seine Kollegen „einfach so fallenlässt“. Die allermeisten seien älter als 50 und dürften es bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz nicht leicht haben.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte Keilbach über die Fabrik im Stadtteil Luzenberg noch gesagt, dass es „keinen besseren Arbeitgeber“ geben könnte. Das Gehalt sei immer gut gewesen, die Stimmung unter den Kollegen sowieso. Wenn er an freien Tagen gefragt wurde, ob er spontan aushelfen könne, sei das für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen.

AdUnit urban-intext3

Seine ersten Schritte bei Saint Gobain unternahm Keilbach zunächst im Magazin und sortierte unter anderem kaputtes Glas aus, anschließende wechselte er ins Lager und war im Schichtbetrieb tätig. Die letzten 30 Jahre verbrachte er im Guss, wo er am heißen Ofen stand. Zunächst war er Vorarbeiter, anschließend folgte eine Ausbildung zum Industrieglasfertiger, später zum Meister. „Eigentlich hab ich alles mal gemacht“, fällt Keilbach beim Rückblick auf seine dreieinhalb Jahrzehnte in der Spiegelfabrik auf.

Hoffnung auf Probearbeiten

AdUnit urban-intext4

Wie es weitergeht, hängt von den Verhandlungen zwischen Saint Gobain, Betriebsrat und Gewerkschaft ab. Keilbach hofft, dass er am Ende die Chance bekommt, in einem der Tochterunternehmen des französischen Industriekonzerns in Ladenburg oder Speyer unterzukommen. „Ein neuer Job dort wäre viel besser als eine Abfindung. Statt nur im Betrieb rumzusitzen, könnte man uns wenigstens zum Probearbeiten einladen“, findet der 55-Jährige.

Mehr zum Thema

Schließung der Glasfabrik Mannheimer Saint-Gobain-Mitarbeiter "im Schock"

Veröffentlicht
Von
Tatjana Junker
Mehr erfahren

Saint Gobain Trauer vor dem Werkstor

Veröffentlicht
Von
Annika Pfisterer
Mehr erfahren

Saint Gobain Mitarbeiter völlig überrascht

Veröffentlicht
Von
tat/fas
Mehr erfahren

Mannheimer Stadtgeschichte (mit Fotostrecke) Luzenberger Spiegelfabrik: Kleine Stadt und großes Vorbild

Veröffentlicht
Von
Eva Baumgartner
Mehr erfahren

Kundgebung von Gewerkschaft und Mitarbeitern Saint Gobain: Zeichen gegen Schließung

Veröffentlicht
Von
Anika Pfisterer
Mehr erfahren

Saint-Gobain Aus für Spiegelfabrik

Veröffentlicht
Von
Bettina Eschbacher
Mehr erfahren

Zu geringe Auslastung Kein Glas mehr aus Mannheim: Saint Gobain schließt Fabrik zum Jahresende

Veröffentlicht
Von
Bettina Eschbacher
Mehr erfahren

Mannheimer Glaswerk Ringen um Sozialplan bei Saint-Gobain geht weiter

Veröffentlicht
Von
Frank Schumann
Mehr erfahren

Homeoffice Streit um Präsenzpflicht bei Saint Gobain-Spiegelfabrik in Mannheim

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Volontariat