Serie - Wegen der harten Smartphone-Konkurrenz nimmt die Zahl seit Jahren ab / Telekom beklagt hohe Unterhaltskosten Was macht … die Telefonzelle?

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Alexander Jungert
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Nahe Michendorf (Brandenburg) lagert die Deutsche Telekom etwa 3000 alte Telefonzellen – sowohl im klassischen Gelb als auch im moderneren Magenta. © dpa

Mannheim. Im brandenburgischen Michendorf gibt es einen Platz, der von oben aussieht wie ein Meer aus Rosa und ein paar Tupfen Gelb. Hunderte ausrangierte Telefonzellen der Deutschen Telekom stehen dort. Ständig kommen weitere hinzu. Denn im Alltag werden sie immer seltener genutzt.

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Waren es im Jahr 2006 bundesweit noch 110 000 öffentliche Münz- und Kartentelefone, sind es mittlerweile nur rund 18 000 (siehe Grafik). Im vergangenen April wurde in Südbayern das einzig verbliebene gelbe Telefonhäuschen abgebaut, weil die Instandhaltungskosten zu hoch ausfielen. Es war das letzte seiner Art, nun gibt es nur noch das Nachfolgemodell in weiß-grau-magenta. Aber wie lange?

Schwache Nachfrage

„Mit Telefonzellen ist kein großes Geschäft mehr zu machen“, sagt Florian Stahl, Marketing-Professor an der Universität Mannheim. Dafür seien Handys und Smartphones mittlerweile zu mächtig. Es ist nicht mehr notwendig, zum Telefonieren einen bestimmten Ort aufzusuchen. Zudem gibt Stahl zu bedenken: Kaum noch jemand weiß Nummern von Verwandten oder Freunden auswendig. „Alle Kontakte sind im Smartphone gespeichert.“ Wenn der Akku zuneige geht, sucht man also eher eine Steckdose als ein öffentliches Telefon.

Der Ökonom ist sich sicher: Kein Marketing-Konzept der Welt könnte eine Telefonzelle wieder „angesagt“ machen. Auch wenn sie als Zugangspunkt für drahtloses Internet (WLAN) oder durch andere zusätzliche Dienste aufgewertet wird, wie es mancherorts schon jetzt der Fall ist.

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Öffentliche Telefone gibt es in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts. Zunächst nur als hölzerne Zellen in Postfilialen, Hotels oder an der Börse. Wettergeschützte Häuschen tauchten auf Straßen und Plätzen erst in den 1910er und 1920er Jahren auf.

Betreiber ist heute meist die Deutsche Telekom. Durch das Telekommunikationsgesetz (TKG) ist das Unternehmen verpflichtet, eine „Grundversorgung mit öffentlichen Telefonen“ zu gewährleisten. Allerdings existiert an vielen Orte fast keine Nachfrage mehr. „Die Telekom darf Städte und Gemeinden wegen eines Abbaus ansprechen, wenn auf deren Gebiet extrem unwirtschaftliche öffentliche Fernsprecher mit einem Umsatz von weniger als 50 Euro im Monat stehen“, erklärt eine Konzernsprecherin. „Der Umsatz ist ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung durch die Bevölkerung an dieser Stelle offensichtlich nicht mehr besteht.“ In der Regel stimmen die Kommunen einem Abbau zu. Sollte es doch anders laufen, ersetzt die Telekom die Telefonzelle oft durch ein für sie günstigeres „Basistelefon“, das sich nur mit Karte nutzen lässt.

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Der Unterhalt einer Telefonzelle kostet Geld für Strom, Standortmiete, Wartung – oder Beseitigung von Vandalismus-Schäden. Allein für Letzteres gibt die Telekom nach eigenen Angaben pro Jahr rund eine Million Euro aus.

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Bestandszahlen für die Region hat das Unternehmen nicht. Ohnehin werden öffentliche Telefone nicht komplett verschwinden. An Bahnhöfen, an Flughäfen und auf Messen werden sie weiter stark genutzt. Auch ausrangierte Modelle landen nicht zwangsläufig auf dem Schrottplatz. Einige bleiben stehen und werden anders verwendet – als Bücherbox etwa, in der man Bücher tauschen kann.

Übrigens: Wer sich für eine ausgemusterte Telefonzelle interessiert, kann nach Angaben der Telekom-Sprecherin eine E-Mail an die Adresse info@telekom.de schicken. Die Häuschen müssen selbst in Michendorf bei Potsdam abgeholt werden. Preis pro Stück: ab 450 Euro.

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Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.