Arbeit Vom Flugzeug in den ICE

Von 
Christian Ebner
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Nadine Perlinger dos Santos ist ehemalige Stewardess der Lufthansa-Tochter Germanwings und jetzt Zugbegleiterin bei der Deutschen Bahn. © dpa

Frankfurt. Dass ihre Airline nie wieder abheben würde, hat Nadine Perlinger dos Santos im vergangenen Corona-Frühjahr aus der Zeitung erfahren. „Das war schrecklich, ich hab sogar geweint“, erzählt die 45-Jährige aus Siegburg einige Monate später. Nach den Tränen hat sich die Stewardess der Lufthansa-Tochter Germanwings aber umgehend einen neuen Job gesucht, obwohl sie sich erst einmal bei vollem Grundgehalt hätte zurücklehnen können. Stattdessen büffelte sie drei Monate lang Sicherheitsvorschriften, Tarifbestimmungen und Eisenbahn-Gesetze, um nun ab Januar als Zugbegleiterin der Deutschen Bahn unterwegs zu sein.

18 000 neue Kräfte gesucht

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Von Jet in den ICE: Nadine Perlinger dos Santos ist bei weitem nicht die einzige, die sich einen neuen Job außerhalb der Fliegerei suchen muss. Boten sich nach der Pleite und Zerschlagung der Air Berlin im Jahr 2017 noch etliche Ausweichjobs in der Branche, wird es nach dem Corona-Schock dauerhaft weniger Arbeitsplätze im Luftverkehr geben. Allein der Lufthansa-Konzern schließt seine Flugbetriebe Germanwings und SunExpress Deutschland mit rund 1300 Flugbegleitern, Dienstleister wie die insolvente Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW) sind ebenfalls dauerhaft am Boden.

Die Deutsche Bahn will allein in diesem Jahr konzernweit mindestens 18 000 neue Kräfte einstellen und hat die unerwartete Gelegenheit genutzt. Perlinger los Santos war gemeinsam mit einer Kollegin nur die Speerspitze beim Wechsel, den danach noch rund 70 weitere Kollegen von Germanwings und SunExpress im Rahmen einer Kooperation zwischen DB und den abgebenden Gesellschaften gewagt haben.

Die Gewerkschaften sind froh über jeden, der bei soliden Arbeitgebern unterkommt. „Für viele ist die Vergütung bei der Deutschen Bahn absolut vergleichbar“, sagt der Verdi-Luftverkehrsexperte Marvin Reschinsky. Auch die Arbeitsbedingungen stimmten. Da auf der anderen Seite klar sei, dass im Fluggeschäft auf Jahre hinaus die Jobs fehlten, sei es eine sehr gute Initiative der Germanwings gewesen, auf die Bahn zuzugehen. Weitere Möglichkeiten würden bei der Bundeswehr und im Berliner Krankenhaus Charité gesucht.

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Neben den Flugbegleitern sind auch Piloten grundsätzlich für andere Arbeitgeber attraktiv. „Wir können viel mehr als das handwerkliche Führen eines Flugzeugs“, sagt die Lufthansa-Pilotin und Führungskräftetrainerin Leila Belaasri, die für die Vereinigung Cockpit Kollegen beim Jobwechsel berät. Die Arbeit in einem Hochrisikoumfeld, Stressresistenz, technisches Verständnis und Personalverantwortung sind nur einige Fähigkeiten, die im Kästchen-Denken vieler Personalabteilungen und der Arbeitsverwaltung nicht präsent sind – und daher nicht anerkannt würden.

Piloten als Bewerber

„Die Kollegen müssen teilweise um Chancen betteln“, kritisiert Belaasri. Aus ihrer Sicht sei eine Lizenz als Verkehrspilot gleichwertig mit einem Bachelorabschluss. „Wir können mit unseren Fähigkeiten Mehrwert schaffen, beispielsweise im Projekt- oder Krisenmanagement“, ist sie überzeugt.

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Der junge Co-Pilot Patrick Reich aus Berlin hat das Jet-Cockpit gegen den Führerstand eines ICE der Deutschen Bahn getauscht und dabei Gehaltsabschläge in Kauf genommen. Dem Portal „Zeit Online“ sagte der junge Vater: „Gehalt ist für mich nicht das Ausschlaggebende. Die Rahmenbedingungen sind wichtiger. (...) Bei der Bahn kann ich von Berlin aus fahren, bin bei meiner Familie. Mein Kind aufwachsen zu sehen – das ist toll.“ Laut Bahn sind aktuell sechs weitere Piloten im Bewerbungsprozess.

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Die Ex-Stewardess Nadine Perlinger dos Santos verdient auf der Schiene sogar besser als in der Kabine und hat während der jüngsten Kältewelle bereits die ersten heiklen Situationen in einem stark verspäteten Zug erfolgreich überstanden. Geholfen habe ihr die Erfahrung in der Kabine: „Die Tätigkeiten sind prinzipiell schon sehr artverwandt. Es kommt vor allem drauf an, freundlich, ruhig und gelassen zu bleiben.“ dpa