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Studie - Vor allem Unternehmen aus dem Technologiebereich sitzen in Deutschland auf dem Trockenen – und wählen ausländische Börsenstandorte

Und ewig lockt das Kapital in den USA

Von 
Walter Serif
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Die New Yorker Wall Street ist vor allem für Unternehmen, die Wagniskapital brauchen, eine gute Adresse. © dpa

Frankfurt/Mannheim. Die Bundesrepublik ist ein „Land der Ideen, aber bei der Finanzierung leider nur ein Entwicklungsland“, meint Christine Bortenlänger. Klingt ziemlich übertrieben, aber die Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts untermauert am Mittwoch in Frankfurt ihre steile These mit einer Studie, deren Titel aufzeigt, wohin die Reise gehen soll. „Auslandslisting von Biontech, Curevac und Co.“ Das Aktieninstitut hat die Untersuchung zusammen mit der Mannheimer Kanzlei Rittershaus durchgeführt. Sie basiert vor allem auf Interviews mit Vertretern von Unternehmen, die an einer Börse im Ausland notiert sind.

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Auslöser der Studie ist die – wie es gleich am Anfang heißt – „große Aufregung“ um den US-Börsengang der deutschen Impfstoffhersteller Biontech und Curevac, die sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit Kapital versorgen. Warum wählten diese Unternehmen nicht die Heimatbörse, immerhin wurden sie doch mit „deutschen Staatsgeldern finanziert“, zitieren die Autoren die damalige Kritik am Verhalten der zwei Biotech-Unternehmen.

Auch Christof Hettich, der Partner bei Rittershaus ist, hat an der Studie mitgeschrieben. Er agiert aber auch als einer der Geschäftsführer der Biotech-Beteiligungsgesellschaft Dievini, die SAP-Mitgründer Dietmar Hopp gehört. Dievini hält als Hauptgesellschafter – so Hettich – „weniger als 50 Prozent“ der Anteile von Curevac. Diese lässt natürlich die Frage aufkommen, ob Hettich zu sehr Partei ist und deshalb als Ergebnis ein Rechtfertigungsgutachten herausgekommen ist, das der Kritik am US-Börsengang den Wind aus den Segeln nehmen soll. Zumal in der Studie auch noch Dietmar Hopp als einzigem der Befragten Platz für ein Interview auf zwei Seiten eingeräumt wird.

Trotz dieser personellen Verflechtungen gibt es an der Studie wenig auszusetzen, weil die Bestandsaufnahme stichhaltig ist. Die Zahl der Börsengänge in Deutschland ist demnach mit 42 zwischen den Jahren 2016 bis 2020 extrem bescheiden, das belegt der internationale Vergleich: Deutschland kann einigermaßen mit Frankreich (59) mithalten, doch selbst kleinere Länder wie Schweden (190) oder Großbritannien (228) schaffen es viel besser, Unternehmen an ihren heimischen Börsenplätzen zu positionieren. Der Vorsprung der USA (884) und Chinas (2103) ist selbst gemessen am Bruttoinlandsprodukt überproportional groß. „Seit 2013 wählten 24 deutsche Unternehmen einen Börsenplatz im Ausland, vor allem in den USA, das sind rund ein Fünftel der Aktiengänge“, erklärt Bortenlänger.

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Warum gehen diese Unternehmen – zu denen ja nicht nur Biontech und Curevac zählen – aber ins Ausland? „Weil es vor allem in den USA im Vergleich zu Deutschland eine Unmenge an Kapital gibt“, sagt Hettich. Dort heißt die Devise: Wer wagt, gewinnt. Oder wie es in der Studie wörtlich steht: „Wir brauchen in Deutschland eine Chancenkultur, statt einer Kultur der Risikoscheu.“ Solange sich daran nichts ändert, werden die Unternehmen aus dem Technologiebereich eher Börsenstandorte im Ausland wählen, spekulieren die Autoren. Hettich: „Unternehmen, die sich auf die Biotechnik, Robotik, KI oder Elektromobilität spezialisiert haben, brauchen viel Kapital – vor und nach dem Börsengang, weil sie auch dann noch keine Gewinne erzielen.“ Ein Interviewter drückt das so aus: „Der Börsengang in den USA ist der Beginn einer langen Freundschaft, weil man immer neues Kapital bekommen kann.“ Der lange Atem zahlt sich dort aus, weil die US-Investoren die Geschäftsidee verstehen. In Deutschland seien die Kapitalgeber eher Generalisten und keine Spezialisten.

Und was soll die Politik tun? Die Autoren schlagen ein Ansparverfahren mit Aktien in der Altersvorsorge vor, das heißt, Betriebsrenten oder auch private Vorsorgemodelle sollen auch mit Wertpapieren finanziert werden. Dadurch könnten wie in Schweden oder den USA kapitalstarke Pensionsfonds entstehen, die den inländischen Börsengängen mehr Schub verleihen würden. Außerdem soll der Aktienverkauf nach einem Jahr wieder steuerfrei werden.

Dass die Politik auf diese Vorschläge schnell und positiv reagiert, ist in einem Bundestagswahljahr unwahrscheinlich. Zündstoff enthält die dritte Forderung der Autoren. Sie wollen eine Reform des Aktienrechts. Das ist natürlich vermintes Gelände. Vor allem, weil die Änderungen nur für die Wachstumsunternehmen gelten sollen. Sie sollen die Bezugsrechte der Aktienbesitzer bei Kapitalerhöhungen beschneiden dürfen. Auch soll es bei der Höhe des genehmigten Kapitals mehr Flexibilität geben. Und die Aufsichtsräte sollen Aktienoptionen als Vergütung erhalten. Das wollen die US-Investoren so. Alles dicke Bretter.

Redaktion Reporter für Politik und Wirtschaft

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