Kunststoffe - Weltweit fallen bis zu zehn Prozent der Verwaltungsjobs weg / Mannheimer Gruppe spürt Branchenflaute Röchling baut Autosparte um

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Alexander Jungert
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Blick in die Produktion von Röchling am Standort Worms. Dort sind insgesamt rund 800 Mitarbeiter beschäftigt. © röchling

Mannheim/Worms. „Driving future“ kann soviel bedeuten wie: „Die Zukunft gestalten“. Unter diesem Motto will der Mannheimer Kunststoffhersteller Röchling seine Autosparte umkrempeln. „Wir müssen auf die weltweit sinkende Nachfrage reagieren und unser Unternehmen auf die veränderten Marktbedingungen einstellen“, wird Hanns-Peter Knaebel, Vorstandsvorsitzender der Röchling-Gruppe, in einer Mitteilung zitiert. „Dies ist ein wichtiger Schritt, um das profitable Wachstum für die nächsten Jahre sicherzustellen.“

Traditionsreiches Familienunternehmen

  • Kunststoffe der Mannheimer Röchling-Gruppe sind in Autos zu finden, in technischen Anwendungen für die Industrie und in Medikamentenpackungen. Entsprechend heißen die drei Sparten Auto, Industrie und Medizin.
  • Die Geschichte des Unternehmens reicht bis ins Jahr 1822 zurück, als Friedrich Ludwig Röchling eine Kohlehandlung in Völklingen (Saarland) gründete.
  • Bis heute sind Familienmitglieder in achter Generation als Gesellschafter an Bord.
  • Röchling hat rund 11 000 Mitarbeiter an 90 Standorten in 25 Ländern.
  • 2018 lag der Umsatz bei 2,1 Milliarden Euro, das Ergebnis vor Steuern (EBT) bei 106 Millionen Euro. Das Ergebnis ging wegen der schwächelnden Autobranche im Vergleich zu 2017 um rund 21 Prozent zurück.
  • Standorte in der Region befinden sich in Mannheim (Zentrale), Worms (Auto) und Brensbach/Odenwald (Industrie). Insgesamt sind an den drei Standorten etwa 1000 Mitarbeiter beschäftigt. jung
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Konkret soll die Verwaltung der Autosparte (Röchling Automotive) noch beweglicher und flexibler werden. Es ist geplant, Abteilungen zusammenzulegen, Hierarchien abzubauen. Dabei sollen weltweit bis zu zehn Prozent der Jobs wegfallen. Wie viele genau, ist noch unklar. „Der Stellenabbau kann alle Standorte in Europa und in den USA betreffen“, erklärt eine Röchling-Sprecherin.

Nach Angaben des Unternehmens soll der Umbau bis Ende 2020 abgeschlossen sein. Am Ende müssten die Lösungen vernünftig und seriös sein, erklärt Patrick Schall von der Mainzer Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Am Mittwoch sind die Mitarbeiter informiert worden, es gab zudem eine außerordentliche Betriebsratssitzung. Nun wird verhandelt.

Flachere Hierarchien

Die Autosparte von Röchling hat in Worms einen großen Standort. Dort wird unter anderem Unterbodenverkleidung für Pkw hergestellt. Nach Angaben der Sprecherin sind dort rund 800 Mitarbeiter beschäftigt, davon 376 in der Verwaltung und 428 in der Produktion.

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Gemessen am Umsatz ist die Autosparte das wichtigste Standbein der Röchling-Gruppe. Der Anteil soll aber sinken, dafür soll die Sparte Medizin ausgebaut werden. Das Unternehmen hat beispielsweise eine Schutzbrille mit integrierter Strahlenmesseinheit mitentwickelt, die Ärzte beim Röntgen tragen.

Autozulieferer haben derzeit immer heftiger mit der Branchenflaute zu kämpfen. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China bremst die Konjunktur. Zölle machen Autos teurer, entsprechend geht die Nachfrage zurück. Und für jedes Fahrzeug, das nicht produziert wird, werden auch die Teile nicht hergestellt. Das trifft die Zulieferer. Hinzu kommen die Angst vor einem Brexit ohne Abkommen, hausgemachte Probleme der Autokonzerne wie der Dieselskandal – und der technologische Wandel.

Mitarbeiter sollen sich beteiligen

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In Europa seien die Schwankungen am größten, „da hier durch die öffentliche, teilweise rein emotional geführte und nicht auf Fakten basierte Diskussion die Vorausplanung bezüglich der Antriebsart schwer durchführbar ist“, hatte der Vorstandsvorsitzende Hanns-Peter Knaebel im Frühjahr gesagt.

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Den Arbeitnehmervertretern fehlen noch Informationen. Wie genau sollen die Abteilungen künftig zusammengelegt werden? Wie wirkt sich das auf einzelne Standorte aus? Fragen würden gebündelt an das Unternehmen gerichtet, sagt Gewerkschafter Schall von der IG BCE.

Röchling hebt hervor, Mitarbeiter in das Umbauprogramm einzubinden – durch Arbeits- und Projektgruppen. Dies sei ein „wichtiges Kriterium“, um das Unternehmen wieder fit für die Zukunft zu machen, erklärt Raphael Wolfram, Finanzchef von Röchling Automotive.

Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.