Studie - Beschäftigte leiden unter zu vielen und stressigen Videokonferenzen / Ludwigshafener Professorin rät zu Lockerheit und Pausen „Man sieht, dass Kopf- und Gliederschmerzen zunehmen“

Von 
Till Börner
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Ein Bildschirm, viele kleine Köpfe – Gestiken und Mimiken der Konferenz-Teilnehmer lassen sich so kaum erkennen. © iStock

Ludwigshafen. Zu viele Videokonferenzen am Tag, eine eintönige Moderation und immer wieder technische Probleme. Eine Studie des Ludwigshafener Instituts für Beschäftigung und Employability hat Geschäftsführer, Personal-Fachleute sowie Betriebs- und Personalräte befragt und dabei herausgefunden, dass viele Beschäftigte unter sogenannter „Zoom-Fatigue“ leiden. Instituts- und Studienleiterin Jutta Rump weiß, was sich dagegen tun lässt.

Expertin für Beschäftigung

Jutta Rump lehrt als Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Ludwigshafen.

Sie ist gleichzeitig Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) in Ludwigshafen.

Für die Studie hat das IBE im September rund 420 Personalfachleute befragt. Im Dezember wurde die Untersuchung wiederholt.

Im September haben 60 Prozent, im Dezember 64 Prozent der Teilnehmer angegeben, unter Zoom-Müdigkeit zu leiden. tbö (Bild: IBE)

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Frau Rump, was verstehen Sie unter dem Begriff Zoom-Fatigue?

Jutta Rump: Zoom-Fatigue bedeutet Online-Müdigkeit oder -Erschöpfung. Eine Besprechungskultur gab es in Deutschland schon immer. Aber vor Corona sind wir von einem Raum in den anderen gegangen, haben uns auf dem Weg noch einen Kaffee geholt und etwas Small Talk gemacht. Jetzt wählt man sich von einem Meeting in das nächste – ohne Pause. Das scheint Menschen zu ermüden. Zoom steht hierbei synonym für alle Videokonferenz-Plattformen.

Was ist der große Unterschied zwischen virtuellen und analogen Konferenzen?

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Rump: Online-Meetings laufen komprimierter ab. Waren vor Corona beispielsweise vier Besprechungen am Tag möglich, sind es jetzt sechs. Es gibt also eine Produktivitätssteigerung. Zudem gibt es in den Meetings eine andere Intensität, es läuft alles stringenter und sachlicher ab. Dazu kommt, dass die Teilnehmer nicht in ihrer Gestik und Mimik wahrnehmbar sind. Die Bilder der Personen sind klein – oder ihre Kameras sind ausgeschaltet und sie sind gar nicht zu sehen. Das alles kann anstrengend und ermüdend sein – zumal nicht selten das Gehör sehr eindimensional beansprucht wird.

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Wie wirkt sich diese Müdigkeit dann aus?

Rump: Wir haben den Studienteilnehmern eine Reihe von Symptomen aus der Gesundheitsliteratur zur Auswahl gestellt – sozusagen ein Pfad von leichter bis schwerer Belastung. In der ersten Stufe ist die Konzentration reduziert, man ist ungeduldig und genervt. Zur zweiten Belastungsstufe zählen Kopfschmerzen, Verspannungen, Augenschmerzen und zunehmende Fahrigkeit. Schlafstörungen, Magenprobleme und das Gefühl, an die Grenze der Work-Life-Balance zu kommen, kennzeichnen die dritte Belastungsphase. Mit diesen dritten Symptomen befindet man sich im Bereich der psychosomatischen Erkrankungen.

Und welche Symptome haben die meisten Teilnehmer der Studie angegeben?

Rump: Die gute Nachricht ist, dass wir uns noch im Kontext von Reduktion der Konzentration, genervt sein und Ungeduld befinden. Wir haben die Studie zweimal gemacht: im September und im Dezember. Man sieht, dass im Dezember Kopf- und Gliederschmerzen zunehmen. Das heißt, wir sehen, dass sich die Symptome langsam, aber sicher in die zweite Stufe bewegen. Aber wir beobachten noch eine Dominanz der ersten Stufe.

Lässt sich also ableiten, dass wir uns stark auf die zweite Stufe zubewegen, vor allem wenn demnächst womöglich noch mehr Leute im Homeoffice arbeiten?

Rump: Ja und nein. Denn die Arbeitgeber lernen auch, das zeigt die Umfrage. Wir haben nach den Belastungstreibern gefragt und was sich dagegen tun lässt. Im September waren das Organisieren von Meetings und die Technik starke Belastungstreiber. Außerdem interpersonelle Themen, wie die fehlenden Kollegen und dass kein Smalltalk mehr möglich ist. Im Dezember sehen wir, dass die Technik besser funktioniert. Die Belastungstreiber ausgehend von der Technik, genervt sein oder Augenschmerzen sind weniger geworden.

Arbeitgeber haben die Probleme also erkannt und steuern dagegen?

Rump: So ist es. Bei der Technik hat sich zwischen September und Dezember einiges getan und auch bei der Organisation der Meetings. Man plant zunehmend Pausen ein, achtet auf die Länge der einzelnen Konferenzen und darauf, dass nicht zu viele an einem Tag stattfinden. Mehr und mehr Arbeitgeber haben die Probleme erkannt.

Gibt es auch Punkte, bei denen Sie festgestellt haben, dass keine Verbesserung eingetreten ist?

Rump: Ja. Und zwar die Art und Weise, wie ein solches Meeting moderiert wird. Das ist ein zentrales Thema. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Befragung heben immer wieder hervor, dass bei der Moderation eine gewisse Leichtigkeit und Humor wichtig sind. Wenn die Führungskraft nicht die Person dafür ist, weil es nicht ihrer Persönlichkeit entspricht, sollte es jemand anderes geben, der das macht. Das wurde in der zweiten Umfrage häufiger genannt.

Letztendlich sehen Sie die Möglichkeit, dass die zweite und dritte Belastungsstufe nicht erreicht werden muss, wenn aus den Fehlern gelernt wird?

Rump: So ist es. Vor der zweiten Studie im Dezember hatten wir die These, dass sich die Zoom-Fatigue deutlich intensiviert. Das hat sich nicht bewahrheitet. Die Belastungen sind etwas intensiver geworden, aber nicht so, wie wir sie erwartet hatten. Wir haben gesehen, dass die Arbeitgeber sich mit dem Thema beschäftigt und daraus gelernt haben.

Was durch die Studie erforscht wurde, dürfte für die Arbeitswelt der Zukunft sehr interessant sein, oder? Wenn die aktuellen Corona-Einschränkungen nicht mehr notwendig sein werden, wird wohl nicht jeder klassisch zurück ins Büro gehen.

Rump: Wir können nicht davon ausgehen, dass wir in die alte Welt zurückkehren. Es wird viele Mischformen geben. Ein Teil der Besprechungen läuft virtuell oder es läuft hybrid. Ein Teil des Teams ist im Büro, der andere Teil im Homeoffice. Zoom-Müdigkeit wird ein Thema bleiben. Wir planen im September 2021 die nächste Befragung dazu.

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