Statistik - Nach jahrelangen Anstiegen sind die Verdienste während der Corona-Krise zurückgegangen – Grund ist die Kurzarbeit Löhne sinken erstmals wieder

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Beate Kranz, Alessandro Peduto
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Berlin. Höhere Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit: Die Corona-Krise hinterlässt auch im Lohngefüge negative Spuren. Erstmals seit 2007 sind die Nominallöhne in Deutschland wieder gesunken. Die Unternehmen zahlten ihren Beschäftigten im ersten Pandemie-Jahr 0,6 Prozent weniger Bruttomonatslöhne inklusive Sonderzahlungen als noch im Vorjahr.

Vor allem Minijobber leiden unter Einkommensrückgängen in der Krise. © dpa
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Da gleichzeitig die Verbraucherpreise um knapp 0,5 Prozent anstiegen, hatten die Bürgerinnen und Bürger im Schnitt 1,0 Prozent weniger Reallohn in der Tasche. Anders als bei der letzten Finanzmarktkrise 2008/2009 mussten die Arbeitnehmer damit Verdiensteinbußen hinnehmen, teilte das Statistische Bundesamt nach vorläufigen Auswertungen mit.

Kurzarbeitergeld hilft

Ob die Menschen damit auch weniger Geld in ihren Portemonnaies hatten, können die Statistiker noch nicht sagen. Denn: Bei den Nominallöhnen wird das ausgezahlte Kurzarbeitergeld nicht mit eingerechnet. Die Unterstützung durch Kurzarbeitergeld federt jedoch bis heute für fast jeden zwölften Beschäftigten dessen Einkommensverluste ab.

Zuletzt waren nach einer Schätzung des ifo-Instituts im Januar 2,6 Millionen Menschen in Deutschland auf Kurzarbeit – 400 000 mehr als noch im Dezember. Betroffen sind 7,8 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Am härtesten sind die Hotels und Gaststätten betroffen – in der Branche arbeiten 55,9 Prozent, also insgesamt 594 000 Mitarbeiter, kurz. In der Industrie hat sich die Lage etwas entspannt – dort sind 611 000 Beschäftigte auf Kurzarbeit.

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In den vergangenen Jahren stiegen die Nominallöhne nicht zuletzt durch gute Tarifabschlüsse um jeweils mehr als 2,5 Prozent. Dass die Nominallöhne nun erstmals sinken, sei eine „bittere Nachricht“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell dieser Redaktion und warnte vor weitreichenden Folgen für die Wirtschaft. Die grundsätzlich gute Lohnentwicklung, die es bis zur Krise gab, müsse verstetigt werden.

Körzell forderte Maßnahmen, „damit die Binnenkonjunktur als wichtigste Stütze der Wirtschaft nicht auch noch einbricht“. Zudem seien eine weitere Aufstockung des Kurzarbeitergeldes und ein höherer Mindestlohn notwendig.

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Auch der IG-Metall-Chef setzt in Zeiten sinkender Löhne auf Tariferhöhungen. „Umso wichtiger ist es für uns, auch in den kommenden Tarifrunden die Einkommen und damit auch die Kaufkraft zu stärken“, sagte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall. „Der private Konsum hat in den letzten Jahren erheblich zum Wachstum der Wirtschaft beigetragen. Jetzt, wo wir uns aller Voraussicht nach langsam aus der Krise bewegen, ist das ein wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche Erholung.“

„Vor dem Nichts“

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Laut Statistischem Bundesamt sind die Nominallöhne – nach neuesten Zahlen aus dem dritten Quartal 2020 – bei angelernten Arbeitnehmern am kräftigsten zurückgegangen, die Verdienste von Beschäftigten in leitenden Positionen dagegen am geringsten.

„Wirtschaftlich am härtesten getroffen hat es vor allem Menschen mit geringen Einkommen“, weiß der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. „Neben einer halben Million Menschen, die ihre reguläre Arbeit verloren, standen 850 000 Minijobber – nicht durch Verträge und Kurzarbeitergeld geschützt – schon in der ersten Welle vor dem Nichts.“ Die Politik sollte deshalb jenen helfen, die am stärksten leiden. „So wäre ein temporärer Zugang von Soloselbstständigen und Minijobbern zum Kurzarbeitergeld ein guter Weg aus dieser Not“, sagte Fratzscher.

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