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Börse - Chef-Ökonom der Investmentgesellschaft BlackRock Deutschland, Martin Lück, zu Kapitalmärkten und grünen Anlagen

„Klimarisiken sind Anlagerisiken“

Von 
Rolf Obertreis
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Das Logo der Investmentgesellschaft BlackRock. © dpa

Frankfurt. An der Börse ist es in den ersten sechs Monaten sehr gut gelaufen, der Deutsche Aktienindex Dax hat auf fast 15 600 Zähler zugelegt und mehrere Rekorde verbucht. Es eines der besten Halbjahre an der Börse überhaupt – trotz Corona. Was hat die Kurse getrieben? Wie sind die Aussichten für das zweite Halbjahr? Martin Lück, Leiter Kapitalmarkt-Strategie für den deutschsprachigen Raum bei BlackRock im Interview.

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Erfahrener Marktbeobachter



Martin Lück ist Leiter Kapitalmarkt-Strategie für den deutschsprachigen Raum beim weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock.

Er ist promovierter Volkswirt und arbeitet seit 2015 in seiner heutigen Funktion für BlackRock. Davor war er unter anderem beim Deutschland-Ableger der Schweizer Großbank UBS tätig.

Lück beobachtet die Kapitalmärkte seit mehr als 30 Jahren. Er gilt es einer der erfahrensten Experten in Deutschland. otr (BILD: blackrock)

Herr Lück, Ihre Bilanz für das erste Halbjahr 2021: Sind Sie überrascht, wie gut die Börse gelaufen ist?

Martin Lück: Nein. Wir hatten auch zu Jahresbeginn eine positive Entwicklung erwartet. Ich hatte mit einem Anstieg im Dax im niedrigen zweistelligen Prozentbereich gerechnet.

Was hat die Kurse getrieben? Der Impffortschritt, die sinkenden Corona-Zahlen?

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Lück: Mit der schnellen Verfügbarkeit von Impfstoffen und dem starken fiskalischen Stimulus haben sich die Möglichkeiten eines wirtschaftlichen Neustarts schon am Jahresanfang abgezeichnet. Das sprach und spricht weiter für eine dynamische Erholung der Unternehmensgewinne, entsprechende Erwartungen wurden über die erste Jahreshälfte zu einem guten Teil in den Kursen eingepreist. Bemerkenswert ist dabei, dass negative Nachrichten bezüglich der Pandemie, etwa das Auftauchen von Virusvarianten oder vorübergehendes Zurückgehen in den Lockdown, die positiven Erwartungen nicht maßgeblich beeinflusst haben.

Gab und gibt es angesichts der niedrigen Zinsen derzeit überhaupt sinnvolle Alternativen zum Aktienmarkt?

Lück: Ja, etwa bei inflationsgeschützten Anleihen. Denn die Inflation wird mittelfristig wohl höher sein als in der jüngeren Vergangenheit, was allerdings vor allem für die USA gilt. Wir finden darüber hinaus private Märkte – Private Equity und Private Debt, also Beteiligungen und Fremdkapital – interessant. Diese Assetklassen sind allerdings komplex und nicht für alle Anleger geeignet. Unterm Strich halten wir es auch für Anleger für essenziell, eine relativ hohe Aktienquote im Portfolio zu halten. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um langfristige Anlagen wie etwa zur Altersvorsorge handelt.

Wenn nein, welche Sektoren würden Sie empfehlen und bevorzugen?

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Lück: Mit Blick auf die Performance etwa der nächsten zwölf Monate, sehen zyklische Sektoren, also etwa europäische Industrie- und Finanzunternehmen, attraktiv aus. Längerfristig bleiben Technologie- oder generell Qualitätsunternehmen unsere Favoriten. Dazu ist zu berücksichtigen, dass klimaneutrale Anlagen zunehmend im Fokus des Interesses stehen, was sowohl den Erzeugern klimafreundlicher Energien und deren Zulieferern zugutekommt als auch solchen Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle auf nachhaltiges Wirtschaften umstellen.

Wie lange werden die Zinsen noch im Keller bleiben? Von der US-Notenbank Fed gibt es vorsichtige Signale für eine Änderung der lockeren Geldpolitik. Was macht die Europäische Zentralbank EZB?

Lück: Es dürfte noch lange dauern, bis die EZB die Zinsen anhebt. Zunächst dürfte sie im Spätsommer ein Ende der pandemiebedingten Anleihekäufe, also des Sonderprogramms PEPP, zum März 2022 in Aussicht stellen. Mit einer Zinserhöhung rechne ich nicht vor dem ersten Schritt der amerikanischen Notenbank Fed, also im Jahr 2023. Generell dürften sehr lockere Finanzierungsbedingungen noch lange gewährleistet und die Zinsen niedrig bleiben, um den wirtschaftlichen Neustart nach der Covid-Krise nicht zu gefährden.

Ein wichtiges Thema in diesen Wochen ist die anziehende Inflation. Die Bundesbank befürchtet hierzulande zeitweise einen Anstieg auf bis zu vier Prozent. Müssen sich Verbraucher und Unternehmen dauerhaft Sorgen machen?

Lück: Eher nicht. Der gegenwärtige Inflationsanstieg hierzulande ist in erster Linie durch Einmaleffekte, etwa den rekordniedrigen Ölpreis vor gut einem Jahr und den wirtschaftlichen Neustart nach Ende des Lockdowns zu erklären und damit wohl vorübergehend. Signale dafür, dass uns eine Lohn-Preis-Spirale und damit dauerhaft höhere Inflation ins Haus steht, kann ich derzeit nicht erkennen. Bundesbank und EZB tun gut daran, hier ganz entspannt zu bleiben.

ESG – also Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung – und dabei vor allem die Herausforderungen des Klimawandels spielen eine immer wichtigere Rolle in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und auch am Kapitalmarkt. Sollten Anlegerinnen und Anleger verstärkt auf „saubere“ Unternehmen setzen?

Lück: Ja. Inzwischen ist breit akzeptiert, dass Klimarisiken auch Anlagerisiken sind, etwa weil klimaschädlich agierende Unternehmen stärkerer Regulierung oder höheren Kosten, etwa durch CO2-Bepreisung, ausgesetzt sind. Darüber hinaus setzt sich immer mehr die Überzeugung durch, dass die Bekämpfung des Klimawandels auch enorme Investitionsmöglichkeiten bietet. Für Privatanleger können zum Beispiel Investitionen in grüne Technologie Chancen auf Wertzuwächse eröffnen.

Zum Schluss: Wo sehen Sie den Dax am Jahresende? Können wir erneut ein gutes Halbjahr erwarten?

Lück: Der Ausblick für Aktien bleibt positiv, ich erwarte aber geringere Kurszuwächse bis Jahresende als im bisherigen Jahresverlauf. Treiber dürften weiter steigende Unternehmensgewinne sein, während auf der Risikoseite die Gefahr von Rücksetzern zunimmt. Insgesamt dürfte die Volatilität in der zweiten Jahreshälfte eher höher sein als im bisherigen Jahresverlauf. Die Kurse dürften also stärker schwanken.

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Korrespondent Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich für den Mannheimer Morgen und für andere wichtige Regionalzeitungen wie den Tagesspiegel/Berlin, die Badische Zeitung/Freiburg, die Südwest Presse/Ulm und den Münchener Merkur als Wirtschaftskorrespondent in Frankfurt. Banken, Europäische Zentralbank, Bundesbank, Börse und in Frankfurt ansässige Unternehmen wie Lufthansa und auch Verbände wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA zählen zu meinen Schwerpunkten. Daneben auch die Luftfahrt. Zudem befasse ich mich über die KfW Bankengruppe und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit Fragen der Entwicklungszusammenarbeit.

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