In Mannheim wehen bald Alstom-Fahnen

Von 
Alexander Jungert
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Am ehemaligen Mannheimer Bombardier-Standort, der jetzt zu Alstom gehört, wird Technik für Züge entwickelt. © Bombardier, Arnaud Février/Alstom

Ändert Alstom etwas an seiner Organisation?

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Ja. Neu entstanden ist die Alstom-Region Deutschland, Österreich und Schweiz. Dazu zählt der ehemalige Mannheimer Bombardier-Standort mit einer großen Forschungs- und Entwicklungsabteilung, etwa 900 Menschen arbeiten dort. Zuvor hat es bei Alstom bloß die Region Europa gegeben. Das Unternehmen beschäftigt in Deutschland, Österreich und der Schweiz insgesamt 11 000 Mitarbeiter - genau so viele wie im Heimatland Frankreich. Bei Alstom wurde bislang Französisch und Englisch gesprochen. Nun zähle auch Deutsch offiziell zur Unternehmenssprache, erklärt ein Sprecher. Publikationen sollen künftig in drei Sprachen verfasst werden. Präsident der neuen Region Deutschland, Österreich und Schweiz ist Müslüm Yakisan.

Wie soll die Integration von Bombardier geleistet werden?

Es gibt unzählige Gespräche, um sich und die Produkte besser kennenzulernen. Das Management um Yakisan führt nach Angaben des Alstom-Sprechers Videokonferenzen mit Vertretern früherer Bombardier-Standorte. Auch mit Mannheim ist Yakisan schon „verbunden“ gewesen. Über Gesprächsinhalte ist nichts bekannt. Eigentlich waren Besuche vor Ort geplant, doch wegen Corona konnten diese nicht stattfinden.

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Wann werden Alstom- Schriftzüge am Mannheimer Werk angebracht?

Die Planungen für die großen Schriftzüge an den Gebäuden beginnen gerade. Wie der Alstom-Sprecher erklärt, soll für die Übergangszeit mit Flaggen gearbeitet werden, die in den kommenden Tagen an allen neuen Standorten gehisst werden - also auch in Mannheim. In Hennigsdorf bei Berlin ist schon eines von mehreren Bombardier-Logos abmontiert worden.

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Warum lässt man den Namen Bombardier nicht stehen?

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Das hat rechtliche Gründe. Denn Bombardier ist nach wie vor auf dem Markt aktiv: als Hersteller von Flugzeugen. Alstom hat lediglich die Zugsparte des kanadischen Konzerns übernommen.

Welchen Stellenwert werden einzelne Standorte künftig haben?

Leitbilder für die Standorte werden erst in den kommenden Monaten erwartet. Arbeitnehmervertreter sehen die Übernahme mit Sorge, auch wenn Bombardier von vollen Auftragsbüchern berichtet hatte. In den Geschäftsfeldern beider Unternehmen gibt es zahlreiche Überschneidungen. IG Metall und Betriebsräte fordern daher, dass die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten Priorität hat.

Welche Ziele verfolgt Alstom mit der Übernahme?

Große Bahnhersteller in Europa bemühen sich schon länger um ein Zusammengehen, damit sie dem starken chinesischen Staatskonzern CRRC Marktanteile abjagen können. Der Wunsch: ein europäischer Champion. Während Alstom bereits einen festen Kundenstamm in Frankreich, Italien, Spanien, Indien, Südostasien, Nordafrika und Brasilien hat, soll die Übernahme von Bombardier zu einer stärkeren Kundennähe in strategischen Märkten wie Großbritannien, Deutschland, den nordischen Ländern, China und Nordamerika führen. Alstom war im Jahr 2019 wegen Bedenken der EU-Wettbewerbshüter daran gescheitert, mit der Zugsparte von Siemens zu fusionieren.

Was charakterisiert die neue Alstom-Gruppe?

Sie hat einen Umsatz von rund 15,7 Milliarden Euro, ein Auftragsbuch im Wert von 71,1 Milliarden Euro und beschäftigt in 70 Ländern rund 75 000 Menschen. Nach Branchenangaben ist der neue Konzern die weltweite Nummer zwei (siehe Grafik). Für die seit längerem vorbereitete Übernahme wurden 5,5 Milliarden Euro fällig.

Wie bewertet die Allianz pro Schiene den Deal?

„Die Fusion von Alstom und Bombardier ist eine Chance für die Bahnindustrie in Europa“, erklärt Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene. Es sei wichtig, angesichts mächtiger Konkurrenz die Kräfte zu bündeln. Nur so könnten auch in Zukunft Innovationen schnell vorangetrieben werden. „Der klimafreundliche Schienenverkehr wird im 21. Jahrhundert weiter an Bedeutung gewinnen. Er braucht aber leistungsfähige Anbieter“, sagt Flege.

Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.