Industrie - Kurzarbeit am Standort Neckarsulm / Auch Daimler alarmiert / Asiatische Lieferanten überrascht von hoher Nachfrage Halbleiter-Engpass bremst Audi

Von 
Alexander Jungert
Lesedauer: 
Blick in die Lackiererei des Audi-Werks Neckarsulm. Zum Schutz vor Corona tragen Mitarbeiter Masken. © Audi AG

Mannheim/Neckarsulm. Der Engpass bei Halbleiter-Modulen macht der Autoindustrie immer mehr zu schaffen. Hersteller aus Asien kommen kaum damit nach, die wichtigen Bauteile zu liefern. Es gebe „erhebliche Störungen“ in der weltweiten Fahrzeug-Produktion, erklärt ein Sprecher von Audi.

Unverzichtbare Bauteile

Halbleiter-Module sind das Herz aller elektronischen Systeme und Mikrochips.

Diese Gruppe von Bauteilen ist in der Produktion eines Autos unverzichtbar. Halbleiter stecken beispielsweise in Fensterhebern oder in der Airbag- und Klima-Steuerung.

Weltgrößtes Erzeugerland ist China, vereinzelt gibt es auch deutsche Hersteller.

Simples Umschwenken auf andere Lieferanten ist für Unternehmen oft nicht drin, weil die verfügbare Gesamtmenge schon so äußerst knapp ist. jung

AdUnit urban-intext1

Am Standort Neckarsulm bei Heilbronn ist schon seit Montag und voraussichtlich noch bis Ende Januar die Produktion der Modelle A4 Limousine und A5 Cabriolet ausgesetzt. Auch wenn alle anderen Baureihen nach jetzigem Stand ohne Einschränkungen weiter produzieren – Audi hat bereits Kurzarbeit beantragt. Potenziell sind rund 800 Mitarbeiter in Neckarsulm davon betroffen. „Momentan werden fortlaufend Gegenmaßnahmen und Alternativen geprüft, um die Auswirkungen des Lieferengpasses zu begrenzen“, teilt der Sprecher mit. Mit einer Entspannung der Lage auf dem Markt für Halbleiter rechnet er zwischen April und Juni.

Gespräch mit Bundesregierung

Wie Audi hat auch Autohersteller Daimler mit Problemen zu kämpfen. An den Pkw-Standorten Rastatt und Bremen ist die Produktion gedrosselt worden, Schichten sind ausgefallen. Die Autobranche ist mittlerweile sogar im Gespräch mit der Bundesregierung. Es werde „intensiv daran gearbeitet, die Versorgung mit Halbleitern sicherzustellen“, teilt der Verband der Automobilindustrie (VDA) mit.

Andere Sparten von Daimler – Lkw und Busse – spüren den Halbleiter-Engpass bisher nicht. Sowohl im Lkw-Montagewerk Wörth (Pfalz) als auch bei Evobus in Mannheim gebe es keine Einschränkungen, erklärt eine Konzernsprecherin. Gleichzeitig sagt sie: „Wir kennen die aktuell kritische Versorgungssituation und befinden uns im ständigen Austausch mit unseren Lieferanten.“

AdUnit urban-intext2

Warum der Engpass? Die hohe Nachfrage nach Halbleitern kommt für einige Chip-Produzenten vor allem aus Asien überraschend. Das Autogeschäft zieht wieder früher an als erwartet, während andere Branchen wie Unterhaltungselektronik oder Medizintechnik ebenfalls versorgt werden wollen. Hinzu kommen unterausgelastete Kapazitäten beim Rohstoff Silizium im wichtigen Erzeugerland China. Zwar gibt es Silizium in Hülle und Fülle – aber 20 große Schmelzanlagen, die für seine Aufbereitung nötig sind, sind in der Volksrepublik zuletzt stillgelegt gewesen. Ein Grund dafür soll eine zu geringe Stromproduktion aus Wasserkraft nach längerer Trockenheit in einigen Regionen sein.

Der Schweizer Pharmakonzern Roche bezieht die Komponenten kleiner diagnostischen Testgeräte wie beispielsweise der Blutzuckermessgeräte überwiegend aus dem asiatischen Raum. Durch den Lockdown an den Produktionsstätten hat es vereinzelt Engpässe bei bestimmten Komponenten gegeben, die jedoch auf die Mannheimer Produktion keinen Einfluss hatte. „In unseren Geräten kommt ein speziell für uns entwickelter Chip zum Einsatz, so dass wir hier nicht im Wettbewerb stehen“, sagt eine Sprecherin.

AdUnit urban-intext3

So ergeht es nicht allen Unternehmen. Gerade weil die Lage in der Autoindustrie so angespannt ist, betont der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), Europas Chiphersteller müssten noch mehr eigene Produktionsmöglichkeiten aufbauen.

Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.