AdUnit Billboard
Brexit - In vielen britischen Branchen fehlen massiv Arbeitskräfte

Gesucht ab sofort: Trucker und Kellner

Von 
Katrin Pribyl
Lesedauer: 

London. Rock’n’Roll gehört bei Robert Hewett eigentlich zum Alltag. Die Lastwagen seines Logistikunternehmens Stagetruck sind dafür verantwortlich, dass das Equipment von Bands während Konzerttourneen stets pünktlich am Ort des Auftritts landet. Doch dann kam der Brexit. „Im Moment ist es für uns eine Katastrophe.“ Auch wenn er in Holland einen neuen Standort aufgebaut hat, um die Lkw weiterhin durch Europa schicken zu können. Britische Fahrer dürfen aufgrund der neuen Regelungen maximal zwei Stopps innerhalb der EU einlegen. Seine Lösung für das Problem: irische Führerscheine für britische Fahrer. Das ist teuer und aufwendig, aber soll Abhilfe leisten und seine Firma retten.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Es werde Stolpersteine auf dem Weg geben, gab Anfang 2020 Premierminister Boris Johnson zu, versprach aber, der Brexit würde ein Erfolg. Für Unternehmer wie Hewett gleichen die Hürden jedoch eher Straßenblockaden. Und so hat Stagetruck in den letzten Monaten aus der Not heraus weniger Soundanlagen oder Bühnen transportiert, sondern alles, was möglich war – Klopapierrollen statt Rock’n’Roll.

Auch andere Logistikfirmen leiden unter den Folgen des Brexit. Neben der zusätzlichen Bürokratie herrscht ein akuter Mangel an Fahrern. Jahrzehntelang kamen viele EU-Bürger vor allem aus osteuropäischen Ländern wie Bulgarien und Rumänien auf die Insel, um hier anzuheuern. Nun fühlen sie sich entweder nicht mehr willkommen oder haben keine Lust auf den zusätzlichen Papierkram, der beim Transport zwischen dem Kontinent und der Insel seit Anfang 2021 anfällt. Den Speditionen fehlen bis zu 100 000 Trucker, wie die Road Haulage Association (RHA), der Verband britischer Logistikunternehmen, schätzt.

Industrie für Einsatz der Armee

Das führt bereits jetzt zu Engpässen in der Lieferkette – und könnte in Zukunft auch die britische Wirtschaft schädigen, weil etwa Rohstoffe oder Bauteile nicht rechtzeitig geliefert werden. Hinzu kommt die Sorge vor Versorgungsproblemen und leeren Supermarktregalen in diesem Sommer. Die Lage sei ernst, sagte Richard Burnett, Chef der RHA. Brexit und Covid zusammen habe den „perfekten Sturm“ für den Sektor kreiert. Nun forderten Vertreter der Lebensmittelindustrie die Regierung gerade auf, den Einsatz der Armee zu erwägen, um einen „unvorstellbaren“ Kollaps der Lieferketten zu verhindern. Dieser würde neben Supermärkten auch Restaurants, Hotels, Läden oder Pflegeheime treffen.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Über den Vorschlag aus Downing Street, einheimische Arbeitskräfte zu rekrutieren, können viele Spediteure nämlich nur höhnisch lachen. Auf dem Arbeitsmarkt im Königreich gibt es nicht genügend Kandidaten. Das spüren auch andere Branchen, wie das Bauwesen, die Gastronomie oder der Pflegesektor. Überall fehlt es an Personal. Zahlreiche EU-Bürger sind mit dem Ende der Personenfreizügigkeit entweder wegen der strengen Visa-Bestimmungen und der Corona-Pandemie in die EU zurückgekehrt – oder sie kommen erst gar nicht mehr, weil sie kein Arbeitsvisum erhalten.

Pub an zwei Tagen dicht

Londons Ausgeh- und Theaterviertel Soho zieht stets Partywütige und Restaurantbesucher an. Doch dieser Tage herrscht manchmal fast schon Stille. Der Traditionspub „The George“ ist an diesem Sonntag geschlossen, eine große Tafel aber wurde vor dem Eingang aufgestellt, auf der in grellgelben Buchstaben „JOBS!!“ geschrieben steht. Arbeitsbeginn wäre „sofort“. Obwohl sich die Trinkwilligen von Dienstag bis Samstag vor und im Pub tummeln, haben die Verantwortlichen beschlossen, zwei Tage pro Woche zuzumachen. Sie finden schlichtweg nicht genügend Servicekräfte, um die Arbeit zu stemmen.

Neben der Pandemie, in der viele die Industrie komplett verlassen haben, sei das Hauptproblem der Brexit, sagte Baz Butcher, Chef des Pubs „White Hart“ in Wytham in der Grafschaft Oxfordshire. „Es ist allgemein bekannt, dass die Gastronomie-Branche zu 70 Prozent von EU-Bürgern abhängig war.“ Nun suchen Tausende Restaurant-, Café- und Barbetreiber nach Arbeitskräften, während ihnen von der Politik ebenfalls nur geraten wird, Briten einzustellen. Auch wenn die Regierung die Probleme noch zu ignorieren versucht, die Umstellung vom EU-Binnenmarkt auf die neue Brexit-Wirtschaft gestaltet sich weitaus komplizierter, als Boris Johnson das letztes Jahr vermittelt hat.

Korrespondent

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1