Gamestop - Zwei junge Männer aus dem südhessischen Bensheim erzählen von ihrer Teilnahme an der Börsenspekulation Gamestop-Aktie: Aus Witz wurde Prinzip - zwei Bensheimer berichten

Von 
Joana Rettig
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Der Gamestop-Shop in der Mannheimer Innenstadt. © Blüthner, Lehaire

Bensheim. Für die einen ist es ein riesiger Verlust. Die anderen müssen allein bei dem Gedanken daran lachen. Und zwei Männer aus dem südhessischen Bensheim waren Teil davon. Dem Gamestop-Coup. Die Männer: Gamer. In der IT-Branche tätig. WG-Kumpels. Beste Freunde. Gemeinsam betreiben sie einen Youtube-Kanal, auf dem sie ein Computerspiel programmieren – die „Bensemer Bubis“.

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Die Entwicklung der Gamestop-Aktie war einer der größten Wall-Street-Scherze, die sich eine Online-Gruppe je geleistet hat. Ein Scherz, der eine Milliarden-Gesellschaft kurz vor den Bankrott getrieben hat. Hobby-Investoren, die sich auf der Plattform Reddit organisiert hatten, trieben die Kurse des Computerspielhändlers in den vergangenen zwei Wochen mit Massenkäufen in die Höhe – teils um 2000 Prozent.

Patrick Lehaire (28) und Yannick Schader (27) waren dabei. Waren. Präteritum. Irgendwann wurde es ihnen zu heiß. Doch sie verfolgen das „Spiel“ weiter, schließlich läuft es noch: Über Reddit machen sich Kleinanleger weiter Mut. Bestärken sich, ihre Anteile noch nicht zu verkaufen. „Diamond Hands“, also Diamanten-Hände – so nennen sie es. Bloß nicht die Kontrolle verlieren. Erst verkaufen, wenn der größtmögliche Gewinn erzielt werden kann – und Hedgefonds so viel Verlust wie möglich machen.

Antrieb: Verluste für Hedgefonds

Aber von vorn: Lehaire ist seit Jahren auf Reddit unterwegs. Reddit – eine Plattform, auf der es verschiedenste Unterforen gibt. „Von süßen Tierfotos bis Politik-News ist alles dabei“, erklärt Schader. Eines dieser Foren ist Wallstreetbets. Vor allem junge Menschen, die sich intensiv mit Anlagegeschäften auseinandersetzen, bespaßen sich darin mit sogenannten Memes, geben aber teils auch seriöse Anlagetipps. Lehaires großer Bruder wurde hier auf die sogenannten Short Squeezes aufmerksam. Aber was ist das?

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Dazu muss man wissen, was Hedgefonds machen. Sie wetten auf Aktienkurse. Auf steigende und fallende. Letzteres funktioniert so: Hedgefonds agieren als sogenannte Shortseller. Sie leihen sich Aktien, die sie dann verkaufen, obwohl sie sie nicht besitzen, genannt: Leerverkauf. Weil der Anleger seine Aktie irgendwann wiederhaben will, müssen die Shortseller diese zurückkaufen. Dabei hoffen sie, dass der Kurs gesunken ist – sie also weniger ausgeben, als sie eingenommen hatten. Die Differenz, abzüglich einer Leihprämie, ist ihr Gewinn. Ein „Short Squeeze“ ist genau das, worauf Kleinanleger gerade spekulieren: Shortseller sollen ausgequetscht werden (auf Englisch: „squeeze“). Die Preise sind ja exorbitant gestiegen, Shortseller machen beim Rückkauf also Verluste.

Lehaire und Schader hatten sich bislang kaum mit Anlagegeschäften auseinandergesetzt. Ihre Motivation war, ein bisschen Geld zu machen. „Und wir haben dann angefangen, uns da einzulesen“, erklärt Lehaire. Sie beobachteten die Entwicklungen ein paar Tage. Als der Wert der Gamestop-Aktie bei 45 Euro lag, griffen sie zu. „Jeder von uns hat zehn Aktien gekauft“, erklärt Lehaire. „Das war eine Achterbahn der Gefühle“, sagt Schader – und muss lachen. Ihnen sei schnell klar gewesen: Da können sie nur Gewinn machen. Sie verfolgten den Kurs, schauten sich Posts auf Reddit an. „Da werden so witzige Sachen gepostet – das haben wir uns gegenseitig vorgelesen“, sagt Lehaire. Gleichzeitig informierten sie sich immer mehr über das, was Hedgefonds machen – und aus dem Witz wurde Prinzip. „Wenn man es genau nimmt, betreiben diese Gesellschaften seit Jahren Marktmanipulation“, sagt Schader. „Sie tun sich zusammen, entscheiden, wer wie bewertet wird. Und jetzt werden alle Register gezogen, um den Verlust so gering wie möglich zu halten.“

Käufe blockiert

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Schader meint Beschränkungen, die verschiedene Broker gerade setzen. Der von den Reddit-Usern vornehmlich genutzte Online-Broker Robinhood etwa blockierte am Donnerstag Käufe der Gamestop-Aktie und ließ nur noch Verkäufe zu. Die Kleinanleger fühlten sich ausgebremst und gegenüber den Wall-Street-Investoren benachteiligt.

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Und die „Bensemer Bubis“? Auch sie ärgerten sich – wollten aber sowieso keine weiteren Aktien kaufen. Sie verkauften ihre Anteile, machten jeweils rund 700 Euro Plus. Und: „Das hat unglaublich Spaß gemacht, vor allem haben wir gesehen, dass dadurch viele Menschen an das Thema herangeführt wurden“, sagt Lehaire. Es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sie nun auch an der Börse zocken.

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