Fleisch ja – aber zu welchem Preis?

Von 
Joana Rettig
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Wolfgang Guckert zeigt seinen Bauernhof in Mannheim. Er verkauft einen Teil seiner Erzeugnisse an Supermärkte und ist von Dumpingpreisen betroffen. © Ruffler

Mannheim. Ihre Neugier können sie nicht verstecken. Wieso sollten sie auch? Sie rennen wild umher – innerhalb ihrer Zelle. Kommen ans Törchen. Rümpfen den Rüssel. Grunzen. Und sie drängen einander weg, wollen die größtmögliche Aufmerksamkeit. Höchstens sieben Schweine leben in den 20-Quadratmeter-Zellen in Wolfgang Guckerts Stall. Auf Stroh, mit etwas Sonnenlicht. Besuch im Stall – so scheint es – macht ihnen Freude. Bringt Abwechslung. Bei Guckert leben sie unter besseren Bedingungen, als es das Gesetz vorschreibt. „Eigentlich sogar besser als bio“, sagt der Bauer. Nur rausgehen – das können sie nicht.

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Der Verkauf von Schweinefleisch ist nicht der Hauptverdienst des Bauern Guckert. Er betreibt konventionelle Landwirtschaft im Mannheimer Norden. Zum Teil. Seine Rinder hält er im Odenwald, in Grasellenbach bei Fürth. Und die tragen das Bio-Siegel. Das heißt, es gibt eine größere Stallfläche für jedes Tier, sie haben Auslauf ins Freie. Das Futter ist gentechnisch nicht verändert, „aber das ist bei Rindern auch nicht schwer“, sagt er. „Die fressen eh nur Heu und Gras.“

Problem in der Gesellschaft?

Auch bei seinen konventionellen Erzeugnissen legt Guckert großen Wert auf Qualität. Selbst die Schweine bekommen kein genmanipuliertes Futter, Soja kauft er nur aus Deutschland zu. Getreide nimmt er aus seiner eigenen Herstellung. Sein Schweinefleisch verkauft Guckert in seinem Hofladen. Die Bio-Rinder nur zu 75 Prozent. Der Rest wird als konventionelles Produkt an Großhändler abgegeben. Bio-Qualität sei hier in der Region nicht in großem Maß nachgefragt. So wirtschaftet der Landwirt auch unter extremen Niedrigpreisen. Denn in Supermärkten und Discountern werden landwirtschaftliche Erzeugnisse zu besonders niedrigen Preisen angeboten. Was zunächst positiv für den Verbraucher ist, trifft die Bauern hingegen hart. Außerdem: Artgerechte Tierhaltung, klimafreundliches Wirtschaften, sagt Landwirt Guckert, seien unter den momentan herrschenden Bedingungen gar nicht möglich.

Die Schweine in Guckerts Stall merken davon wenig. Sie haben Platz. Springen umher. Lassen sich streicheln. Und wackeln dabei mit ihren Ohren. Wäre der Bauer voll auf den Verkauf an Supermarktketten wie Rewe, Edeka, Aldi oder die Schwarzgruppe mit Lidl und Kaufland angewiesen, sähe es anders aus. „Die Schweine würden auf Spaltenboden liegen. Ich hätte mindestens doppelt so viele Tiere auf derselben Fläche.“ Der Kot, der Urin – sie würden durch die Spalten hindurchfallen. Stroh hätten sie keines im Stall. Und Beschäftigung? Fehlanzeige. Weil die intelligenten Tiere kaum Platz für Bewegung hätten, würden Ketten von der Decke hängen – zum Spielen. „Viel mehr ist es nicht.“

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Seine Kritik richtet Guckert, der Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Rhein-Neckar ist, einerseits an die großen Supermärkte und Lebensmitteldiscounter. Aber auch das Verhalten der Konsumenten hätte Einfluss. „Die Ernährung hat heutzutage keinen Stellenwert mehr.“ Der Anteil des Einkommens, der für Lebensmittel ausgegeben werde, sei viel zu gering. Laut dem Statistischen Bundesamt gaben Menschen im Jahr 1960 noch 38 Prozent ihres Geldes für Essen aus. Heute sind es 14 Prozent (2018). Hinzu kommt: „Wir müssen immer mehr für unsere Arbeit bezahlen, während die Lebensmittelpreise stagnieren.“ Wenn ein Kilogramm Schweinefleisch im Angebot nur noch ein Euro koste, könnten Bauern eine gute Qualität nicht bieten.

Guckert sieht in der Diskussion um Dumpingpreise ein gesamtgesellschaftliches Problem. „Es wäre mir lieber, die Menschen würden weniger Fleisch essen“, sagt er. „Wir müssen keine Tausende Tiere produzieren.“ Lieber weniger, dafür mit besserer Haltung und einem dafür angemessenen Preis.

Händler unter Druck

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Trotzdem: Die Preise machen die großen Abnehmer, also die Supermärkte und Discounter. „Natürlich sind sie aber auch vom Markt abhängig“, erklärt der Landwirt. Diese Unternehmen würden zudem die Großhändler, die die Erzeugnisse beim Bauer kaufen und sie an die Ketten weiterreichen, unter Druck setzen. Das bestätigt Johann Leichtfried, Beauftragter der Geschäftsleitung des Bensheimer Großhändlers Fripa. „Es ist bekannt, dass die Großen den Markt beherrschen“, sagt er. Am schlimmsten seien Discounter. „Sie sind die Hechte im Karpfenteich.“ Sie würden die Preise mit der Industrie vereinbaren – der Großhändler müsse sich daran halten. „Und wer nicht spurt, wird aussortiert.“ Selbst die Supermärkte passten ihre Preise an Aldi oder Lidl an. „Sonst kauft dort ja keiner.“

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Rewe-Chef Lionel Souque argumentiert damit, dass in Deutschland rund 13 Millionen Menschen an der Armutsgrenze leben. „Günstige Lebensmittelpreise ermöglichen diesen Menschen eine gesunde und sichere Ernährung“, sagt er. „Ein Ammenmärchen“, findet der Großhändler Leichtfried. „Jeder Grundschüler läuft heutzutage mit einem Smartphone herum. Nur ein Beispiel.“ Der Fokus der Menschen – der solle wieder auf den wichtigen Dingen des Lebens liegen.

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