Fabriken zwischen Volldampf und totalem Stillstand

Von 
Tatjana Junker und Frank Schumann
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Beim Traktorenhersteller John Deere in Mannheim geht momentan nichts – es fehlen Motoren aus Frankreich. © Ralf Mager

Mannheim. In den Produktionshallen der regionalen Firmen wirkt sich die Corona-Krise ganz unterschiedlich aus: Während bei Daimler und John Deere in Mannheim die Bänder stillstehen und Tausende Mitarbeiter zu Hause bleiben, läuft die Produktion bei Essity, Südzucker oder Roche auf Hochtouren. Nur eins ist in allen Betrieben gleich: das Bemühen, die Ansteckungsgefahr für Mitarbeiter so gering wie möglich zu halten. Ein Überblick:

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BASF

Bei dem Chemiekonzern in Ludwigshafen arbeitet einer Sprecherin zufolge im Moment schätzungsweise etwa die Hälfte der knapp 35 000 Mitarbeiter im Homeoffice, der Rest ist im Werk, wo die Produktion weiterläuft. Zur Auslastung einzelner Bereiche und Anlagen äußert sich das Unternehmen auf Anfrage nicht. Ein starker Nachfragerückgang durch die Corona-Krise sei in einzelnen Branchen nicht auszuschließen, heißt es aber, beispielsweise in der Autoindustrie. Gleichzeitig kämen viele BASF-Produkte in der Gesundheitsvorsorge zum Einsatz - etwa Klebstoffe für Schutzmasken. Dort ist die Nachfrage entsprechend hoch. Kurzarbeit gibt es im Stammwerk Ludwigshafen bislang nicht, vorsorglich haben Arbeitnehmervertreter und Vorstand allerdings Betriebsvereinbarungen getroffen, die einen solchen Schritt bei Bedarf ermöglichen würden. Um die Mitarbeiter, die nicht im Homeoffice arbeiten können, vor einer Ansteckung zu schützen, gelten unter anderem spezielle Abstandsregeln bei der Schichtübergabe. Produktionsmitarbeiter können sich bei Bedarf zudem Mittagessen aus der Kantine liefern lassen.

Daimler

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Der Autobauer hat wegen der Corona-Krise die Produktion in seinen Werken schon seit mehr als einer Woche ausgesetzt, inzwischen ist die Unterbrechung bis 17. April verlängert worden. „Wir wollen damit explizit auch verhindern, dass sich das Coronavirus weiter ausbreitet“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. Auch am Mannheimer Standort mit dem Lkw-Motorenwerk und dem Bushersteller Evobus steht der Betrieb still. Die betroffenen Mitarbeiter leeren derzeit noch Arbeitszeitkonten, ab 6. April sind dann mehr als 8000 Beschäftigte in Kurzarbeit.

Ebm-Papst

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Der Ventilatorenhersteller mit Sitz im fränkischen Mulfingen hat sich nach eigenen Angaben schon früh mit Corona befasst: Das Unternehmen hat drei Werke in China, von denen zwei inzwischen wieder unter Volllast laufen. „Von dort haben wir in Sachen Infektionsschutz viel für unsere anderen Standorte gelernt“, sagt ein Sprecher. Besonders sensibilisiert ist man zudem, weil der Hohenlohekreis, in dem Mulfingen liegt, ein Corona-Hotspot in Deutschland ist: Hier gibt es besonders viele Infizierte. Auch fünf Mitarbeiter von Ebm-Papst seien positiv getestet worden - innerhalb des Betriebs habe es aber keine Ansteckung gegeben. Damit das so bleibe, gebe es verschiedene Vorkehrungen: Unter anderem testeten Betriebsärzte Beschäftigte auf dem Werksgelände, wenn ein Verdacht auf eine Coronainfektion bestehe. Zudem würden die Mitarbeiter flächendeckend Mundschutz tragen. Die Produktion, in der in Mulfingen rund 2000 Beschäftigte arbeiten, laufe derzeit auf etwa 80 Prozent. Weil das Auftragsvolumen durch die Corona-Krise gesunken sei, soll es auch am Stammsitz ab 1. April Kurzarbeit in der Verwaltung geben.

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Essity

Der Mannheimer Hygienepapier-Hersteller Essity (ehemals SCA) berichtet von einer „ungebrochen hohen“ Nachfrage. Das gelte für Toilettenpapier ebenso wie für Küchentücher, Haushaltstücher oder Papierhandtücher. „Deshalb produzieren wir auch weiterhin rund um die Uhr unter Volldampf“, teilt das Unternehmen mit. Um die Produktionskapazitäten so weit wie möglich zu erhöhen, sei unter anderem das Sortiment vereinfacht worden - Essity biete beispielsweise nicht mehr so viele verschiedene Verpackungsgrößen an. Wo möglich, arbeiten die Beschäftigten des Mannheimer Werks im Homeoffice, auch in der Produktion. Unter anderem kleinere sowie voneinander getrennte Teams, Schichtübergaben im kleinsten Kreis, digitale Kommunikationswege wie Skype und eingeschränkter Zugang zum Standort sollen den Gesundheitsschutz der Belegschaft gewährleisten.

Fuchs Petrolub

Auch der Schmierstoffhersteller in Mannheim spürt durch die Corona-Krise einen Nachfragerückgang, vor allem aus der Autoindustrie und bei den Zulieferern. Kurzarbeit gibt es am Standort zwar noch nicht, Betriebsrat und Geschäftsführung seien allerdings in Gesprächen über eine entsprechende Betriebsvereinbarung, heißt es auf Anfrage. Um eine Ansteckung in der Produktion zu verhindern, gibt es unter anderem keine persönlichen Schichtübergaben mehr.

John Deere

Bei dem Traktorenhersteller in Mannheim stehen die Bänder schon seit Anfang letzter und noch bis Ende dieser Woche still. Von den rund 1900 gewerblichen Beschäftigten sind während dieser Zeit einem Sprecher zufolge rund 80 Prozent in Kurzarbeit. Grund für den Produktionsstopp sind fehlende Motoren aus Frankreich. Dort sitzt in der Nähe von Orléans die europäische Motorenfabrik von John Deere - wegen Corona wurde dort aber zuletzt nicht mehr gefertigt. In der kommenden Woche sollen neue Motoren verfügbar sein und die Produktion in Mannheim wieder anlaufen. Um das Ansteckungsrisiko in der Fabrik gering zu halten, wird unter anderem dann nicht mehr im Einschichtbetrieb, sondern mit zwei Schichten gearbeitet - dadurch sind weniger Beschäftigte in den Hallen.

Röchling

Die Autoindustrie ist die wichtigste Kundengruppe des Mannheimer Kunststoffspezialisten Röchling, entsprechend ist das Unternehmen davon betroffen, dass mehrere Hersteller wie Daimler oder Audi ihre Produktion derzeit unterbrochen haben. Kurzarbeit gibt es im Moment noch nicht, nach Angaben einer Sprecherin ist sie aber für alle deutschen Standorte beantragt. In der Region hat Röchling unter anderem einen großen Produktionsstandort in Worms mit circa 800 Mitarbeitern. Neue Laufwege, Händedesinfektion und Arbeit in Mikroteams sollen das Ansteckungsrisiko minimieren.

Roche

Der Pharmakonzern verzeichnet nach eigenen Angaben „weltweit eine sehr hohe und teilweise steigende Nachfrage nach unseren Arzneimitteln und diagnostischen Tests, Reagenzien, Verbrauchsmaterialien und Instrumenten“. Die Produktion in Mannheim laufe sowohl in der Abfüllung von Arzneimitteln als auch bei den Diagnostika uneingeschränkt weiter. Wo möglich, werde die Produktion erhöht, um die Lieferkette „robust“ zu halten, teilt Roche auf Anfrage mit. Ein Großteil der insgesamt knapp 8400 Mannheimer Roche-Beschäftigten arbeite derzeit im Homeoffice, lediglich in „geschäftskritischen Produktions- und Forschungsbereichen“ seien die Mitarbeiter präsent. Neben den bereits geltenden hohen Arbeitsschutzmaßnahmen seien weitere Vorkehrungen getroffen worden - unter anderem gelten sehr strenge Zugangsregelungen an den Roche-Standorten.

Südzucker

Der Mannheimer Konzern zählt als Lebensmittelhersteller und mit der Tochter CropEnergies als Ethanol-Produzent - letzteres wird zur Herstellung von Desinfektionsmitteln verwendet - zur kritischen Infrastruktur. Inzwischen produziert Südzucker nach eigenen Angaben sogar selbst Desinfektionsmittel, das an Krankenhäuser und Apotheken abgegeben wird. Um die gestiegene Nachfrage nach Ethanol aber auch im Lebensmittelbereich zu bewältigen, fahre die Belegschaft teilweise zusätzliche Schichten, auch am Wochenende. Um die Infektionsgefahr in den Werken zu minimieren, habe man zum Beispiel in den Leitständen Plexiglasscheiben zwischen den Arbeitsplätzen aufgebaut.

Unilever

Bei dem Konsumgüterhersteller mit seinen Standorten in Mannheim (Dove-Seife) und Heppenheim (Langnese-Eis) gibt es nach Angaben eines Sprechers bislang keine Einschränkungen in der Produktion. „Wir sind über das gesamte Sortiment hinweg vollumfänglich lieferfähig“, heißt es auf Anfrage. Die Mitarbeiter in den Werken und Logistikzentren schütze man unter anderem durch kontaktloses Fiebermessen vor Betreten des Werksgeländes und Mundschutz vor einer Ansteckung.

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Redaktion Wirtschaftsreporterin

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