Europäische Zentralbank - Leitzins trotz steigender Inflation und Konjunkturerholung unverändert bei null Prozent / Experten skeptisch

EZB-Geldpolitik der „ruhigen Hand“

Von 
Friederike Marx, Jörn Bender
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EZB-Präsidentin Christine Lagarde hält auch an den milliardenschweren Anleihekäufen der Zentralbank fest – die Geldschleusen bleiben weit geöffnet. © dpa

Frankfurt/Mannheim. Die Corona-Zahlen sinken, das wirtschaftliche Leben normalisiert sich, die Inflation zieht an. Dennoch geben Europas Währungshüter weiterhin Vollgas. „Jede Diskussion über einen Ausstieg aus dem Notkaufprogramm PEPP wäre verfrüht“, betonte die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, am Donnerstag in Frankfurt. Die Notenbank ändert nicht ein Jota an ihren milliardenschweren Anleihenkäufen, die die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abmildern sollen. Auch das Zinstief im Euroraum hält an.

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1,85 Billionen Euro Volumen

Den jüngsten Teuerungsschub betrachten die Währungshüter als vorübergehend. Lagarde verwies auf den Preiseinbruch in der ersten Corona-Welle vor gut einem Jahr. „Wir sind noch weit entfernt von unserem Ziel“, sagte sie. „Wir glauben, dass eine ruhige Hand die richtige Entscheidung ... ist.“

Das eigens in der Pandemie aufgelegte, besonders flexible Notkaufprogramm für Staatsanleihen und Wertpapiere von Unternehmen (Pandemic Emergency Purchase Programme/PEPP) hat inzwischen ein Volumen von 1,85 Billionen Euro und soll bis mindestens Ende März 2022 laufen. Wie schon im zweiten Quartal will die EZB mit hohem Tempo kaufen, um die Kapitalmarktzinsen niedrig zu halten. Denn höhere Zinsen könnten die Finanzierung von Haushalten und Unternehmen verteuern und die wirtschaftliche Erholung belasten.

Das EZB-Kaufprogramm hilft Staaten wie Unternehmen: Diese müssen für ihre Wertpapiere nicht so hohe Zinsen bieten, wenn eine Zentralbank als großer Käufer am Markt auftritt. Insbesondere für Staaten ist das wichtig, weil sie in der Corona-Krise milliardenschwere Rettungsprogramme aufgelegt haben, die es zu finanzieren gilt.

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Volkswirte warnen vor Übertreibungen an den Finanzmärkten und bei Immobilienpreisen wegen des vielen billigen Geldes. Zugleich stimuliert der Geldflut aber auch die Konjunktur. Die EZB beurteilt die Konjunkturaussichten für den Euroraum inzwischen deutlich optimistischer als noch vor drei Monaten.

Zugleich zieht die Inflation an. Die Teuerung in den 19 Eurostaaten dürfte nach Einschätzung der Zentralbank in diesem Jahr bei 1,9 Prozent liegen. Im März war die Notenbank von einem Anstieg von 1,5 Prozent ausgegangen. Für 2022 rechnen die Währungshüter mit einer jährlichen Preissteigerung von 1,5 Prozent (1,2 Prozent).

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„Es stimmt vermutlich, dass der aktuelle Inflationsschub dem Ende der Pandemie geschuldet und kurzfristig ist“, sagte Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschungsforschung (ZEW). „Allerdings wachsen mit der Fortsetzung der aktuellen Geldpolitik die Risiken für eine dauerhafte Inflationsdynamik.“

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Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer mahnte jüngst, „das Herunterspielen der Inflationsrisiken ist riskant, auch wenn die Inflation im Euroraum anders als in den USA noch niedrig ist“. Die EZB könne ihre äußerst expansive Geldpolitik nur dann langsam und mit wenig Nebenwirkungen zurückfahren, wenn sie rechtzeitig damit anfange. „Unverändert hohe Anleihenkäufe im Sommer passen dazu nicht“, warnte Krämer.

Ein Ende des Zinstiefs im Euroraum ist nicht in Sicht. Den Leitzins im Euroraum halten die Währungshüter auf dem Rekordtief von null Prozent. Geschäftsbanken müssen zudem weiterhin 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken. dpa