Zucker - Schädlingsbefall und Regenmangel setzen Feldfrüchten zu / Notzulassung für Pflanzenschutzmittel Ernteausfälle bei Rübenbauern

Von 
Alexander Jungert
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Der Mannheimer Südzucker-Konzern verfügt über Zuckerrüben-Anbaugebiete in ganz Süddeutschland (hier das Werk Plattling in Bayern). Je nach Region gibt es aktuell beim Ernte-Ertrag große Unterschiede. © dpa/VSZ

Ochsenfurt/Rhein-Neckar. Die Zuckerrübenernte fällt in diesem Jahr schwach aus. Die Bilanz der jetzt im Januar zu Ende gehenden Saison 2020/21 dürfte in Deutschland bei rund 4,1 Millionen Tonnen Zucker liegen, schätzt Fred Zeller (Bild), Geschäftsführer des Verbandes Süddeutscher Zuckerrübenanbauer (VSZ). In der Vorsaison waren es demnach rund 4,2 Millionen Tonnen Zucker. Gründe für die schlechtere Ernte seien Trockenheit und Virenbefall. „In der EU rechnen wir mit einer Zuckererzeugung von 14,7 Millionen Tonnen. Im Spitzenjahr 2017 waren es deutlich über 20 Millionen Tonnen Zucker“, sagt Zeller. Für Deutschland bedeute das, dass mehr Zucker aus Drittländern importiert werden müsse.

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Die Anbaugebiete des Mannheimer Südzucker-Konzerns erstrecken sich über ganz Süddeutschland. Regional gebe es bei der Kampagne große Unterschiede, erklärt ein Sprecher. Demnach läuft die Rübenernte am bayerischen Standort Plattling noch, während sie in Offstein bei Worms, Offenau bei Heilbronn und Ochsenfurt (Bayern) schon beendet ist. Insgesamt wird die durchschnittliche Dauer der Rübenernte mit voraussichtlich 106 Tagen etwa eine Woche unter dem Vorjahr liegen. Vor allem die Vergilbungskrankheit, eine von Blattläusen übertragene Viruskrankheit, macht den Landwirten zu schaffen. Betroffen waren zahlreiche Rübenpflanzen unter anderem in südpfälzischen Anbaugebieten.

Die deutschen Pflanzenschutzmittel-Vorgaben gelten als die strengsten in Europa. Schon lange monieren die Landwirte erhebliche Wettbewerbsverzerrungen auf dem europaweiten Zuckermarkt. Denn ihre Kollegen in anderen Ländern dürfen weitaus mehr Pflanzenschutzmittel gegen Schädlinge einsetzen. Die eigentlich EU-weit verbotenen Neonikotinoide sind in zahlreichen Staaten per Notfallzulassung erlaubt – und das seit mehreren Jahren. So könne man andernorts wirksamer gegen die Vergilbung vorgehen, sagt Zeller.

Naturschützer enttäuscht

Immerhin gibt es nun eine Notzulassung, die seit 1. Januar regional für bestimmte Anbaugebiete in Deutschland gilt. Sie erlaubt den Einsatz von neonikotinoid-gebeiztem Rübensaatgut – befristet bis 30. April. Mit diesem Saatgut sollen Missernten bei der nächsten Kampagne verhindert werden.

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2018 war das Beizmittel europaweit verboten worden, weil es Bienen und andere Insekten in ihrem Bestand gefährden könnte. Laut Zeller werden die Rüben geerntet, ehe sie zur Blüte kommen, so dass keine Gefahr für die Bienen besteht. Seit dem Verbot sei die Population der Blattläuse, die die Vergilbungskrankheit übertragen, jedenfalls massiv gewachsen, erklärt der VSZ-Geschäftsführer weiter.

Naturschützer sehen das anders. Eine Sprecherin des Nabu in Stuttgart kritisiert die Notfallzulassung. Neonikotinoide seien „extrem schädlich“ für Insekten und damit für Vögel. Die Wirkstoffe seien von der EU „aus gutem Grund“ verboten worden. Zuckerrübenanbau sei ohne Neonikotinoide möglich, etwa über die richtige Fruchtfolge und Sortenwahl.

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Auch die Corona-Krise – mit der monatelangen Schließung von Kinos und Gastronomie – und ein allgemeiner Trend zu weniger Zucker in der Ernährung wirken sich negativ auf den Markt aus. Die Preise sind im Keller. Zuckerfabriken schreiben Verluste und können den Landwirten keine guten Preise mehr zahlen.

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Die Rübenanbauer sind in einer Genossenschaft organisiert, diese ist größter Anteilseigner von Südzucker. Generell hängt der Rübenpreis direkt am Zuckerpreis. Landwirte und Südzucker sind also immer gleichermaßen betroffen. Wenn einer leidet, leidet der andere auch. Der Konzern erwartet im gesamten Geschäftsjahr einen operativen Verlust von bis zu 150 Millionen Euro im Kerngeschäft mit Zucker. (mit dpa)

Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.