Merck - Spanierin Belén Garijo übernimmt die Leitung des Darmstädter Konzerns und wird erste Chefin eines Dax-Konzerns

„Diversität ist gut fürs Geschäft“

Von 
Alexander Sturm
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Darmstadt. Als erste Frau an der Spitze eines Dax-Unternehmens führt Belén Garijo ab Mai den traditionsreichen Merck-Konzern. Das mehr als 350 Jahre alte Pharma- und Chemieunternehmen aus Darmstadt beruft mit der Spanierin als erster Dax-Konzern eine Frau allein nach ganz oben. Garijo, die bis zuletzt die Pharma-Sparte bei Merck leitete, löst zum 1. Mai Stefan Oschmann ab. Zuletzt hatte der Softwarekonzern SAP mit Jennifer Morgan und Christian Klein eine Doppelspitze, doch Morgan musste den Posten nach kurzer Zeit räumen.

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Die zweifache Mutter Belén Garijo arbeitet seit 2011 bei Merck. Zuvor war sie unter anderem für Abbott und Sanofi tätig. © dpa

Garijo, 1960 in der spanischen Kleinstadt Almansa geboren, soll den Familienkonzern Merck auf Wachstumskurs halten. Das Unternehmen ist – auch durch milliardenschwere Zukäufe – außergewöhnlich breit aufgestellt: Merck vertreibt Arzneien gegen Krebs, Unfruchtbarkeit und Diabetes ebenso wie Laborausrüstung für Forscher, Lacke für Autos und Pigmente für Kosmetik sowie Flüssigkristalle für Smartphone- und TV-Displays.

Frauen in Vorständen sind in Deutschland selten. Der Anteil weiblicher Vorstände in den Führungsgremien der 160 Konzerne aus dem Dax, MDax und SDax lag zuletzt bei 11,5 Prozent, errechnete die Beratungsgesellschaft EY (Stand 1. Januar 2021).

Bei Merck will Garijo mehr Frauen in Managementpositionen bringen und Diversität fördern. „Diversität ist wichtig, weil es gut für das Geschäft ist“, meint sie nüchtern. 35 Prozent der Führungspositionen bei Merck seien bereits mit Frauen besetzt. Von gesetzlichen Frauenquoten hält Garijo nichts. „Ich bin gegen jede Diskriminierung, positive wie negative“, sagt die Managerin, die im vergangenen Jahr fast 6,3 Millionen Euro verdiente.

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Die Medizinerin Garijo, die Englisch mit hartem spanischem Akzent spricht, arbeitete in einem Madrider Krankenhaus, bevor sie zum Pharmakonzern Abbott wechselte. Nach mehreren Stationen unter anderem beim französischen Branchenriesen Sanofi kam Garijo 2011 zu Merck. Dort leitete die zweifache Mutter zunächst das Biopharma-Geschäft, bevor sie 2015 Chefin der Pharma-Sparte wurde. Um die Kindererziehung während der zahlreichen Umzüge kümmerte sich viel ihr Mann.

Unter Führung der Managerin schloss Merck Allianzen mit Branchenriesen wie Pfizer und richtete das Arznei-Portfolio auf die Krebsforschung und Krankheiten wie Multiple Sklerose aus. Aus dem Geschäft mit rezeptfreien Arzneien zog sich Merck dagegen zurück. Der sachliche, bestimmte Managementstil von Garijo trug Früchte: Mercks Pharmasparte, die jahrelang keine einzige Arznei-Zulassung erreicht hatte, hat wieder Medikamente in der Pipeline.

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Zudem kann Garijo auf die Arbeit von Oschmann bauen. In den vergangenen Jahren kaufte Merck für Milliarden den Laborausrüster Sigma-Aldrich und den Halbleiterzulieferer Versum. Nun profitiert Merck von der Forschung an Corona-Impfstoffen und der hohen Nachfrage nach Chips. Keine schlechten Startbedingungen für Garijo.

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In ihrer Zeit an der Spitze werde Merck ein „sehr aktives Portfoliomanagement“ betreiben, kündigte Garijo an. „Wir schließen große, transformative Zukäufe ab 2022 nicht aus, werden uns aber wahrscheinlicher auf kleinere bis mittelgroße ergänzende Akquisitionen von innovativen Technologien konzentrieren.“ Seit 2007 hat das Unternehmen, das zu gut 70 Prozent in Besitz der Merck-Familie liegt, fast 50 Milliarden Euro bei Käufen und Verkäufen von Geschäften bewegt und den Börsenwert stark gesteigert.

In der Corona-Krise beliefert Merck mehr als 50 Impfstoffentwickler weltweit mit Laborbedarf wie Einwegmaterialien oder Filtern. Den Mainzer Impfstoffhersteller Biontech stellt Merck Lipide bereit, die den mRNA-Botenstoff beim Transport in den Körper umhüllen. Seine Produktion hat der Darmstädter Konzern zuletzt ausgedehnt.

„Wir haben bereits im zweiten Quartal Aufträge vorgezogen und werden in der zweiten Jahreshälfte unsere Lieferungen weiter ausbauen, um den hohen Bedarf an dringend benötigten Lipiden für Biontech und unsere anderen Kunden zu decken“, sagt Garijo. „Wir haben das Haus dafür auf den Kopf gestellt.“

Merck habe seine Lipide-Produktion am Stammsitz Darmstadt und in Schaffhausen (Schweiz) erheblich ausgebaut. Teams aus Experten beider Unternehmen stünden in ständigem Kontakt. Merck und Biontech hatten die vertiefte Partnerschaft im Februar bekannt gegeben.

Merck will unterdessen auch schon bald die eigene Belegschaft impfen, sobald genügend Impfstoff verfügbar ist. Am 3. Mai werde ein Pilotprojekt der hessischen Landesregierung am Standort Darmstadt starten, sagt Garijo. „Wir sind bereit, basierend auf unserer Erfahrung aus der Verabreichung der jährlichen Grippeimpfung an Tausende unserer Mitarbeiter.“ Merck beschäftigt gut 58 000 Menschen weltweit, davon rund 12 000 im Raum Darmstadt.