Digitalisierung - IT- und Automobilbranche fassen neues Selbstbewusstsein / SAP, BASF sowie Merck an Konsortium für Bau von Quantencomputern beteiligt

Deutsche Tech-Aufholjagd hat begonnen

Von 
Tobias Kisling
Lesedauer: 
Ein Quantencomputer von IBM – auch deutsche Konzerne wollen nun einen solchen Superrechner bauen. © dpa

Berlin. Deutschland und die Digitalisierung – diese Kombination steht meist für Spott, für immer neue Studien, in denen die Bundesrepublik weiter und weiter zurückfällt, in denen kein Vergleich ausgelassen wird, dass Deutschland bei der Internetgeschwindigkeit hinter Ländern wie Rumänien oder Panama landet. Faxende Gesundheitsämter und lange Schlangen vor den Bürgerämtern verstärken in der Pandemie den Eindruck noch.

AdUnit urban-intext1

„Silicon Saxony“

Die größte Halbleiterfabrik Europas mit mehr als 3000 Beschäftigten betreibt in Dresden der US-Konzern GlobalFoundries, der seine Produktion in der sächsischen Landeshauptstadt verdoppeln möchte.

Deutschlands größter Chiphersteller Infineon will in den kommenden Jahren bis zu 2,4 Milliarden Euro in seinen Standort Dresden investieren.

Schon heute stammt jeder dritte europäische Chip aus Sachsen, die Informations- und Kommunikationstechnik bietet dort mehr als 70 000 Beschäftigten Arbeit. Als „Silicon Saxony“ bezeichnet sich die Region, in Anspielung auf das kalifornische Silicon Valley, Heimat von Unternehmen wie der Google-Mutter Alphabet, Facebook oder Apple. ZRB

Auch der deutschen Wirtschaft wurde lange vorgeworfen, den Wandel zu verschlafen, digital abgehängt zu sein. Doch aktuell drängt sich ein anderer Eindruck auf. Gerade erst kündigte der iPhone-Gigant Apple an, mehr als eine Milliarde Euro in Deutschland zu investieren und den Großraum München zum größten unternehmenseigenen Entwicklungszentrum in Europa zu machen.

„Wir können Hightech“

Zu Wochenbeginn eröffnete dann der Automobilzulieferer und Technikkonzern Bosch in Dresden Europas modernste Halbleiterfabrik. Ein „Paradebeispiel für eine Fabrik der Zukunft“ nannte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das voll vernetzte Werk. Man wolle keine „kleinen Brötchen“ backen, stellte die Kanzlerin klar, man wolle Maßstäbe als Technologiestandort setzen. „Wir können Hightech, wir können Innovation – und damit können wir positiv in die Zukunft blicken“, sagte Merkel.

Folgen den Worten Taten? Zumindest scheint der Technologiehunger der deutschen Konzerne geweckt. Am Donnerstag schlossen sich mit BASF, BMW, Boehringer Ingelheim, Bosch, Infineon, Merck, Munich Re, SAP, Siemens und Volkswagen zehn Großkonzerne zu einem Konsortium zusammen. Ihr Ziel: Quantencomputing in der Industrie zur Marktreife zu bringen. Das lässt aufhorchen. Denn bisher sind es vor allem die US-Techkonzerne IBM und Google, die die Forschung an den Superrechnern der Zukunft vorantreiben.

AdUnit urban-intext2

Quantencomputer sollen dank enormer Rechenleistung Probleme lösen können, an der herkömmliche Systeme scheitern, sie gelten als hochkomplex. Die deutsche Wirtschaft und auch die Politik strotzen allerdings vor Selbstbewusstsein. „Was wir wollen, ist technologische Souveränität“, stellte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) klar. Der Bund lässt sich diesen Anspruch zwei Milliarden Euro an Förderung kosten. Laut Achim Berg, Chef des Digitalbranchenverbandes Bitkom, ist Deutschland dafür in der neuen Technologie aber vorn dabei. „Der Aufstieg dieser Schlüsseltechnologien bietet die Chance, den Trend der letzten Jahre umzukehren und Deutschland im europäischen Schulterschluss an die Spitze zu stellen“, sagte Berg dieser Redaktion.

„Der Technologiestandort Deutschland gehört zu den innovativsten weltweit, wie die rasche Entwicklung von Corona-Impfstoffen gezeigt hat“, sagte Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), dieser Redaktion. Überall im Land entstehen derzeit hochmoderne Fabriken für Zukunftstechnologien. Der US-Elektroautobauer Tesla baut vor den Toren Berlins in Rekordgeschwindigkeit seine Gigafactory, die er mit einer Batteriezellfabrik erweitern will.

AdUnit urban-intext3

Aufgeschreckt vom Erfolg der Elon-Musk-Firma ziehen die deutschen Autobauer nach, setzen voll auf Elektromobilität. Allein Volkswagen will sechs Gigafactories in Europa bauen, unter anderem in Salzgitter. Opel treibt sein Batteriewerk in Kaiserslautern voran, der Chemieriese BASF zieht in der Lausitz eine Fabrik für die Fertigung von Batteriematerialien in die Höhe.

AdUnit urban-intext4

Zur Abwechslung geht es schnell voran. Auch wenn Tesla die deutsche Bürokratie beklagt und die ursprünglich im Juli geplante Werkseröffnung auf „Ende 2021“ verschoben hat, so soll die Gigafactory nach nicht einmal zwei Jahren Bauzeit funktionsfähig sein. In Leipzig begann im Mai BMW mit der Produktion eigener Batteriemodule – nur acht Monate nach der Ankündigung.

„Europäische Souveränität bei Halbleitern und weiteren zentralen Technologien ist wichtig, um künftig flexibler auf Brüche in den Lieferketten und auf krisenbedingt veränderte Konsummuster zu reagieren“, sagt auch BDI-Chef Russwurm. Zugleich mahnt der frühere Siemens-Vorstand, dass die Innovationsdynamik in Asien immer noch höher sei als hierzulande, was vor allem an der deutschen Bürokratie liege. „Deutschland muss seine Innovationskraft steigern, um wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Autor