Konjunktur - Unternehmerverbände drängen auf mehr Planungssicherheit unter dem neuen Präsidenten Joe Biden / USA starker Exportpartner für hiesige Betriebe Der wichtigste Markt weltweit

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Alexander Jungert
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Große US-Konzerne wie der Landmaschinenhersteller John Deere haben Standorte in Deutschland – hier ein Blick in die Produktion in Mannheim. © Thomas Tröster

Mannheim. „Unberechenbar“, „chaotisch“ – die deutsche Wirtschaft stellt der Trump-Regierung ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus. Folgend die wichtigsten Fragen und Antworten rund um die wirtschaftlichen Beziehungen.

Wie lässt sich das Verhältnis zu den USA derzeit aus Sicht deutscher Unternehmen beschreiben?

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Störfeuer der Regierung unter Präsident Donald Trump haben den Beziehungen aus Sicht der deutschen Wirtschaft geschadet. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat vor Kurzem kritisiert, „statt einer chaotischen US-Politik mit Zollspiralen und Abschottung“ benötigten Firmen Planungssicherheit und klare Rahmenbedingungen. Deutsche Unternehmen hätten in den USA, Mexiko und Kanada in Milliardenhöhe investiert und über Jahre umfassende Lieferketten aufgebaut, erklärt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Sie seien daher auf freien Handel und ein stabiles Investitionsumfeld angewiesen.

Hat Trump denn die wirtschaftlichen Beziehungen wirklich geschwächt?

Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW): nein. Vor dem Hintergrund der Handelskonflikte ist das bemerkenswert. Im Warenhandel zwischen Deutschland und den USA haben sich seit dem Amtsantritt Trumps außer bei den direkt betroffenen Produkten keine gravierenden Veränderungen ergeben. Zwischen den Jahren 2016 und 2019 sind die deutschen Warenexporte in die USA demnach von rund 107 auf rund 119 Milliarden Euro gestiegen, die Importe von 58 auf 71 Milliarden Euro (siehe Grafik).

Wie wichtig ist das US-Geschäft für Firmen aus der Region – und welche Rolle spielt Corona?

Für Firmen aus Baden-Württemberg sind die USA der wichtigste Exportmarkt. Wie die Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar mit Verweis auf das Statistische Landesamt mitteilt, lieferten Unternehmen aus dem Südwesten zwischen Januar und September 2020 Waren im Wert von insgesamt rund 16,5 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten. Auf Platz zwei lagen Ausfuhren nach China in Höhe von rund 12,3 Milliarden Euro. Auch für die südhessische Wirtschaft stehen die USA an der Spitze der Exportländer. Laut IHK Darmstadt gingen von Januar bis Oktober 2020 Waren im Wert von insgesamt 6,17 Milliarden Euro dorthin – ein Minus von 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Einfuhren aus den USA hätten hingegen zugelegt: In den ersten zehn Monaten 2020 wurden Waren im Wert von 9,84 Milliarden Euro importiert, ein Plus von 4,8 Prozent. „Trotz Corona ist der US-amerikanische Markt sehr stabil und für die südhessischen Unternehmen unangefochten weiter der wichtigste Markt weltweit“, sagt Axel Scheer, Experte für Außenhandel bei der IHK Darmstadt.

Welche US-amerikanische Produkte sind denn in Deutschland besonders gefragt?

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Deutschland bezieht viele Maschinen inklusive Computer aus den USA. Diese kommen meist aus dem Silicon Valley in Kalifornien, wo sich Start-ups und weltweit tätige Technologiekonzerne wie Apple angesiedelt haben. Überraschend: Zuletzt haben die Deutschen mehr als 13 Millionen Zahnbürsten aus den USA importiert. Auch bei Produkten zum Rasieren greifen die Verbraucher hierzulande gerne auf Anbieter aus den Vereinigten Staaten zurück. Ebenso ist amerikanischer Wein beliebt.

Wie sieht es mit Direktinvestitionen von Unternehmen in beiden Ländern aus?

Deutsche Firmen investieren kräftig in den USA und umgekehrt. Nach Angaben des DIHK haben sie einen Kapitalstock von 430 Milliarden Euro in dem Land aufgebaut. Die Vereinigten Staaten seien damit der mit Abstand wichtigste Markt für deutsche Direktinvestitionen. VW und BMW etwa produzieren in Übersee. Umgekehrt haben große US-Konzerne Standorte in Deutschland. Hunderttausende Jobs hängen jeweils daran. In der Region etwa unterhält Amazon in Frankenthal ein Logistikzentrum mit rund 1000 Mitarbeitern – und der Landmaschinenhersteller John Deere hat in Mannheim seine Europa-Zentrale mit mehr als 3300 Mitarbeitern.

Wie wird es nach der Wahl weitergehen mit dem Verhältnis zwischen Deutschland und den USA?

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Experten gehen nicht davon aus, dass der Freihandel unter dem neuen Präsidenten Joe Biden eine Renaissance erleben und die Hinwendung zu reinen nationalen Interessen enden wird. Wahrscheinlich wird sich nur der Ton im Umgang ändern. Studien zeigen allerdings, dass deutsche Unternehmen den Wirtschaftsstandort USA ungeachtet allen Getöses Trumps weiter als attraktiv betrachten. Die Deutsch-Amerikanischen Handelskammern betonen: Das US-Geschäft ist für deutsche Konzerne äußerst relevant – und profitabel. (mit dpa)

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Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.