Industrie - Lastwagen- und Busgeschäft soll an die Börse / Künftig zwei eigenständige Unternehmen / Mannheimer IG Metall: Umbau nicht zulasten der Beschäftigten Daimler erfindet sich neu

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Alexander Jungert
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Das Lkw-Motorenwerk in Mannheim. Hier arbeiten mehr als 5000 Beschäftigte. © Daimler AG

Stuttgart/Mannheim. Mit einem radikalen Umbau des gesamten Konzerns will sich der Auto- und Lastwagenbauer Daimler für die Zukunft rüsten und sich wieder stärker auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. „Projekt Fokus“ heißt das Vorhaben, mit dem Vorstandschef Ola Källenius den Konzern aufspalten und die Daimler AG auf lange Sicht verschwinden lassen wird. Nur zwei eigenständige, dafür jeweils börsennotierte Unternehmen soll es künftig noch geben – Mercedes-Benz für die Autos und Vans sowie Daimler Truck für Lastwagen und Busse.

„Chance für die Zukunft“

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Auch die Truck-Standorte in Mannheim und Wörth sind von der Aufspaltung betroffen (siehe Infokasten). Arbeitnehmervertreter loben vor allem, dass die Zukunftssicherung – die betriebsbedingte Kündigungen bis Ende dieses Jahrzehnts ausschließt – weiterhin gilt und dass es einen zusätzlichen Innovationsfonds über 1,5 Milliarde Euro geben soll. „Das ist eine Chance für die Zukunft, um in neue Technologien zu investieren“, sagt der Mannheimer IG-Metall-Chef Thomas Hahl. In den nächsten Wochen wolle man sich intern beraten, um zu sehen, welche Chancen sich böten und wie man sich aktiv beteiligen könne. Eines wäre für Hahl inakzeptabel: „Diese Entscheidung zur Aufspaltung darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden.“

Größter Arbeitgeber

Bei Daimler in Mannheim arbeiten rund 8600 Menschen – damit ist der Konzern der größte Arbeitgeber der Stadt. Am Standort werden Lkw-Motoren und Busse für den öffentlichen Nahverkehr hergestellt.

Die Lkw-Motoren, die in Mannheim hergestellt werden, werden im Montagwerk von Mercedes-Benz im pfälzischen Wörth verbaut. Dort sind rund 10 300 Mitarbeiter beschäftigt.

Der elektrisch angetriebene Lastwagen E-Actros wird in Wörth in Serie produziert. Die Batteriepakete dafür kommen aus Mannheim. jung

Der Mannheimer Betriebsratsvorsitzende Joachim Horner äußert sich ähnlich. Er sei sicher, dass der Standort einen wichtigen Teil zur Transformation beitragen könne, erklärt er. Mit Transformation sind alternative Antriebe und die zunehmende Digitalisierung gemeint.

„Dies ist ein historischer Moment für Daimler und der Anfang für eine tiefgreifende Umgestaltung des Unternehmens“, erklärt derweil Daimler-Konzernchef Källenius. Noch keine zwei Jahre im Amt, ist es für den Schweden schon der zweite Umbau. Nach Källenius’ Amtsantritt im Mai 2019 hatte sich Daimler die jetzige Struktur gegeben: drei eigenständige Sparten unter dem Dach und in komplettem Besitz der Daimler AG.

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Damit soll nun schon wieder Schluss sein. Die Daimler Mobility AG verschwindet, die Finanz- und Mobilitätsdienstleistungen gehen in den beiden anderen Sparten auf. Und auch die Holding wird auf lange Sicht nicht mehr gebraucht. Dafür bringt Daimler die Truck-Sparte wohl noch in diesem Jahr an die Börse und zielt auch auf den Leitindex Dax. Die Mehrheit der Anteile soll in die Hände der heutigen Aktionäre gegeben werden – zu welchen Konditionen, steht noch nicht fest. Daimler selbst behält nur eine Minderheit.

Für den aus der Pfalz stammenden Branchenexperten Ferdinand Dudenhöffer ist der Schritt nur folgerichtig. „Es passt in die Zeit“, sagt er und verweist auf ähnliche Tendenzen in anderen großen Autokonzernen. Die Geschäfte der verschiedenen Sparten hätten wenig miteinander zu tun, zudem habe man erkannt, dass es besser sei, sich auf das Kerngeschäft zu besinnen und nicht nach dem allumfassenden Mobilitätskonzern zu streben.

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Tatsächlich hatte auch Daimler zuletzt einige kostspielige Projekte etwa beim autonomen Fahren auf Eis gelegt oder sich mit Partnern zusammengetan – nicht zuletzt auch wegen des enormen Kostendrucks und der Sparvorgaben, mit denen Källenius den Wandel stemmen will. Im Zuge des „Projekts Fokus“ werden die Dienstleistungen nun ihre Eigenständigkeit verlieren und direkt entweder an das Auto- oder das Lastwagengeschäft angebunden.

Hauptversammlung geplant

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„Mercedes-Benz und Daimler Truck gehen mit enormer Stärke in diese Transformation“, sagt Aufsichtsratschef Manfred Bischoff, der seinen Posten im Frühjahr an Bernd Pischetsrieder abgeben wird. „Wir sind überzeugt, dass sie als unabhängige Unternehmen noch stärker sein werden und ihre jeweiligen Kunden noch besser bedienen können.“ Das letzte Wort haben wie üblich die Aktionäre. Sie sollen ihr Placet bei einer außerordentlichen Hauptversammlung im dritten Quartal dieses Jahres geben. Ziel der Pläne der Stuttgarter ist auch, für den Aktienmarkt mehr Transparenz zu schaffen und für Investoren attraktiver zu werden. In beiden künftigen Teilen rechne das Management mit einer Erholung der Marktbewertung, sagt Finanzchef Harald Wilhelm. (mit dpa)

Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.