Corona-Impfstoff: Warum braucht Curevac so lange, Herr Hoerr?

Von 
Joana Rettig
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Urheber der mRNA-Impftechnik und Curevac-Gründer Ingmar Hoerr. © dpa

Impfstoffe müssen auch für afrikanische Länder funktional sein, sagt der Urheber der mRNA-Impftechnik und Curevac-Gründer Ingmar Hoerr. Die Verantwortung liege bei allen - nicht nur bei der Pharmaindustrie.

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Herr Hoerr, Sie sind bekannt als der Vater des mRNA-Impfstoffes - das ist etwa 20 Jahre her. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie so einen Einfluss haben werden?

Ingmar Hoerr: (lacht) Das ist eine witzige Frage. Aber ja, ich habe damit gerechnet. Und ich habe mir damit auch immer wieder blutige Nasen bei Investorengesprächen geholt, bei denen ich extrem enthusiastisch war. Immer wieder wurde da versucht, mich auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Aber ich hatte die Vision, sonst hätte ich das alles nicht ausgehalten. Die Gründung war nicht einfach, und wir waren über Jahre hinweg völlig unterfinanziert. Wir hatten Existenzängste. Auch als ich meiner Frau, die ich damals gerade kennengelernt hatte, sagte, dass ich gegründet habe, fragte sie: „Ok, und wann möchtest du denn mal was Richtiges machen?“ Es war nur durch diese Vision möglich, Curevac durch viele Durststrecken hindurch zum Erfolg zu bringen.

Und wie fühlt sich das heute an?

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Hoerr: So ein Hype, wie er jetzt durch die Corona-Krise existiert, war natürlich nicht abzusehen. Es ist aber bezeichnend, dass erst so etwas wie diese fürchterliche Pandemie kommen musste, um diese Technologie voranzubringen. In dem Sinne ist es also keine Befriedigung. Aber natürlich freut es mich, dass meine Vision jetzt endlich wahr wird: den Menschen durch die mRNA-Technologie zu helfen.

Die Impfstoff-Debatte wird mit dem Begriff des Wettlaufs befeuert. Curevac wird hier oft als Verlierer angesehen. Was halten Sie davon?

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Hoerr: Ich sehe das gelassen. Man muss ja erst einmal das Rennen definieren. Geht es um die Geschwindigkeit oder ist auch die Qualität ein Indikator? Wie steht man zu den unterschiedlichen Impfstoff-Eigenschaften? Man muss hinterfragen: Ein bei minus 80 Grad gelagerter Impfstoff (Anspielung auf das Vakzin des Herstellers Biontech, Anm. d. Red.), der mag für die westliche Welt funktionieren. Aber das ist ein Unding für Entwicklungsländer. Die gehen bei der Debatte, wie so häufig, einfach unter. In diesem Sinne gibt es, meiner Meinung nach, bislang keine Gewinner und Verlierer.

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Was meinen Sie damit?

Hoerr: Was Curevac auszeichnet, ist, dass in der präklinischen Entwicklung ein ganz großer Wert auf die Temperaturstabilität gelegt wurde. Für diese Forschung ging natürlich Zeit ins Land. Aber es ist doch nur gut, dass es trotzdem daneben auch schon so schnell Impfstoffe gibt. Es ist doch in unser aller Interesse, dass man bereits jetzt überhaupt anfangen kann, durchzuimmunisieren. Genauso wichtig ist es aber, dass es Impfstoffe gibt, die auch letztlich in Ländern wie Angola verabreicht werden können.

Die Kapitalisierung der Pharmabranche wird heftig kritisiert. Ein Beispiel: Der Influencer Sebastian Hotz schreibt zynisch: „Kapitalismus ist ein perfekt funktionierendes System, in dem sich die Entwicklung eines lebensrettenden Impfstoffes ,lohnen’ muss, er mit Patenten geschützt wird, und sich seine Produktion deshalb verzögert. Das ist komplett normal und es muss so sein.“ Was geht Ihnen hierbei durch den Kopf?

Hoerr: Was soll ich da sagen? Am liebsten würde ich das nicht kommentieren, weil es Blödsinn ist. Mit Patenten hat die Verzögerung gar nichts zu tun, eher mit der Knappheit an Ressourcen und Kapazitäten. Genau daran arbeitet Curevac, wie etwa die Partnerschaften mit Wacker und Bayer zeigen. Jeder Mitarbeiter ist elektrisiert und gibt sein Bestes, um diese Sache voranzubringen. Es ist immer einfach, komplexe Sachverhalte von der Seitenlinie aus zu kommentieren. Das ist wie im Fußball: Es gibt immer Tausende „Trainer“, die es besser machen würden als der eigentliche Coach, Leute, die sich in den sozialen Netzwerken mit kruden Meinungen positionieren und schmücken. So etwas nehme ich nicht ernst.

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte eine Freigabe von Lizenzen der bestehenden Impfstoffe.

Hoerr: Noch mal: Es passiert doch schon so viel. Auch ohne Einflussnahme der Politik werden doch bereits Partnerschaften mit Distributions- und Produktionsunternehmen geknüpft, um das Problem der Impfstoffknappheit zu lösen. Aber selbst wenn man jetzt Lizenzen einfach im luftleeren Raum willkürlich freigeben würde, würde es mindestens zwei bis drei Jahre dauern, bis ein Unternehmen ohne Erfahrung die hoch komplexen Produktionsbedingungen überhaupt aufbauen könnte. Da sollte man den Unternehmen vertrauen, die sich seit Jahren damit beschäftigen, und diese unterstützen. Man muss Kooperationen und Partnerschaften fördern. Nur so kann es funktionieren. Außerdem: Curevac hat über 20 Jahre lang Verluste eingefahren, ist von vielen Investoren gebeutelt worden, musste so ein Durchhaltevermögen an den Tag legen - und jetzt soll das alles zunichtegemacht werden? Es darf nicht sein, dass man durch Aktionismus undurchdacht solche realitätsfernen Forderungen stellt. Würde es so laufen, gäbe es bald keine Start-ups mehr. Warum sollte man noch gründen, wenn man im Erfolgsfall zum Selbstbedienungsladen erklärt wird?

Schaut man sich einmal die bisher geschlossenen Impfstoff-Lieferverträge anderer Firmen mit unterschiedlichsten westlichen Ländern an, sieht man, dass da ja gar nicht mehr so viel Platz auf dem Markt ist. Sie haben eben schon Länder im afrikanischen Raum erwähnt. Stichwort Liquidität: Gibt es einen Konflikt zwischen Kapitalismus und Philanthropie?

Hoerr: Zuallererst: Curevac hat gerade auch durch die Kooperation mit der Bill und Melinda Gates Stiftung ein großes Bewusstsein für die Probleme in den ärmeren Ländern. Deshalb wurde in der Impfstoff-Entwicklung nicht nur Wert auf die Temperaturstabilität, sondern auch auf geringe Kosten durch eine möglichst niedrige Dosierung geachtet. Keine Frage, das Problem existiert, und es gibt keine einfachen Antworten. Hier sind wir alle als Gesellschaft und als Weltgemeinschaft in der Pflicht, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Es wäre aber zu einfach, das Problem ausschließlich auf die Unternehmen abzuwälzen.

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Redaktion Weltreporterin mit Wirtschaftsschwerpunkt