Christof Hettich kritisiert deutsche Förderlandschaft und "naive Diskussionen"

Von 
Joana Rettig und Bettina Eschbacher
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Kritik an der Impf-Branche hält ChristofHettich für ungerechtfertigt. © SHR

Curevac wird wohl im April einen Corona-Impfstoff auf den Markt bringen. Christof Hettich führt die Gesellschaft, die einen Großteil der Curevac-Anteile hält. 

Rechtsanwalt und Topmanager

Der promovierte Rechtsanwalt, Christof Hettich, ist Senior Partner bei der Kanzlei Rittershaus (Mannheim, Frankfurt, München).

Geboren ist Hettich 1959 in Singen/Hohentwiel. Seit Februar 2015 ist er Vorstandsvorsitzender der Heidelberger SRH Holding.

Mit SAP-Mitgründer Dietmar Hopp und Friedrich von Bohlen hat er die Beteiligungsgesellschaft dievini Hopp BioTech Holding & Co. KG, gegründet und führt sie auch.

Dievini hält fast 50 Prozent der Anteile am Corona-Impfstoff-Entwickler Curevac. Wie bei den Konkurrenten Biontech und Moderna basiert der Curevac-Impfstoff auf Boten-RNA. be

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Herr Hettich, als Curevac neue Aktien ausgegeben hat, wurden Gespräche mit Investoren geführt. Wurde darüber gesprochen, dass das Unternehmen mit der Impfstoff-Zulassung hintendran ist?

Christof Hettich: Ich bin immer wieder erstaunt, dass und wie dieser Aspekt diskutiert wird. Die normale Entwicklungszeit eines Impfstoffes beträgt viele Jahre und die Entwicklung der mRNA-Technologie reicht bei allen drei mRNA-Unternehmen (Curevac, Biontech und Moderna, Anm. d. Red.) in die Zeit vor 2008 zurück. Da ist ein Unterschied von vier Monaten nicht die relevante Größe. Wichtig ist, dass alle drei mRNA-Unternehmen in einer Geschwindigkeit einen Impfstoff entwickelt haben, die vorher nicht vorstellbar war.

Es spielte also erst eine Rolle, wenn es um zehn Jahre ginge?

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Hettich: Nur, damit Sie ein Gefühl dafür bekommen: Curevac hat in diesen Zeiten viele Dinge parallel gemacht, die man normalerweise nacheinander macht – alle Beteiligten, also auch Biontech und Moderna. Deshalb ist diese Zeitachse der Entwicklung extrem verkürzt. Relevant ist allein: Jeder Tag ohne genügend Impfstoff kostet Menschenleben.

Noch einmal: Investoren sehen das entspannter als die Öffentlichkeit?

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Hettich: Auch Investoren sehen das in diesen Zeiten nicht gelassen. Klar ist aber doch, dass in den kommenden Monaten und Jahren noch riesige Mengen an Corona-Impfstoffen gebraucht werden – in Deutschland, der EU und auch in anderen Ländern. Allein die EU hat etwa 450 Millionen Einwohner. Gehen wir mal davon aus, jeder würde sich impfen lassen: Jeder braucht zwei Impfdosen – das wären dann schon 900 Millionen Impfungen. Dann wissen wir nicht, wie lange der Schutz hält. Vielleicht müssen in einem halben Jahr wieder alle geimpft werden. Und Europa ist ja nicht alles. Wir alle haben auch Verantwortung für schwächere Länder.

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Aber Herr Hettich, Hand aufs Herz: Hatte man nicht den Ehrgeiz, der Erste zu sein?

Hettich: Das ist doch kein Sportwettbewerb. Ich störe mich sehr an dieser Sichtweise. Das klingt fast zynisch. Wir entwickeln hier einen Impfstoff präventiv für Menschen, die gesund sind. Das bedingt einen absolut sicheren Impfstoff. Einzig relevant ist, dass möglichst schnell möglichst viele Menschen die Chance haben, durch sichere, verträgliche, wirksame Impfstoffe geschützt zu werden vor einer Erkrankung, gegen die es derzeit kein Medikament gibt.

Hätten Sie sich früher und mehr Unterstützung von der Bundesregierung gewünscht?

Hettich: Es ist tatsächlich so, dass die Politik dem Bereich Biotechnologie und Pharmaentwicklung über Jahrzehnte nicht den notwendigen Stellenwert gegeben hat. Wir müssen uns vor Augen führen, dass beispielsweise die mRNA-Technologie erst beachtet wurde, als die Krise da war. Bis dahin hatten alle Entwickler aber schon 15 Jahre nahezu ausschließlich mit privatem Geld – und das sind riesige Beträge – geforscht und entwickelt. Das wird in der ganzen aktuellen Diskussion vergessen.

Sie kritisieren also die Förderung für Life-Science insgesamt?

Hettich: Ja, das tue ich schon seit mehr als zehn Jahren. Wir haben keine gute Förderlandschaft. Gleichzeitig ist es schockierend, wie naiv und durch Unwissenheit geprägt viele Diskussionen sind. Kürzlich führte der Chef des Instituts der Weltwirtschaft Kiel in der Talksendung „Lanz“ aus, diese nun in der Corona-Impfstoffentwicklung maßgeblichen deutschen Unternehmen hätten viele Milliarden für die Entwicklung erhalten, und vergleichbar sagte dort ein Vertreter der respektablen „Ärzte ohne Grenzen“, diese Unternehmen hätten eine „maximale staatliche Förderung“ erhalten. Das ist einfach nicht wahr und blieb unwidersprochen. Diese Unternehmen haben erst mit den Lieferzusagen staatliche Gelder zur Produktionsförderung erhalten. Das war nach Juli 2020! Alles Wesentliche davor war privates Geld.

Im Juni hat der Staat über die KfW gefördert.

Hettich: Das war ein mutiger und richtiger Schritt. Der Minister wurde dafür vollkommen ungerecht angegriffen. Das waren keine Förderzuschüsse. Und der Staat erhielt dafür Aktien wie andere Investoren. Aber eben erst im Juni. Wäre man den ordnungspolitischen Warnrufen gefolgt, hätte es auch diese notwendigen Investitionen einschließlich des Börsenganges möglicherweise nicht gegeben. Die USA hatten schon vor Jahren über deren staatliches Förderprojekt BARDA (Biomedizinische Behörde für fortgeschrittene Forschung und Entwicklung, Anm. d. Red.) viele Milliarden in die Forschung investiert. Und allein in die Corona-Impfstoffentwicklung hatten die USA im März/April etwa acht Milliarden Dollar an Zuschüssen gesteckt; die EU hatte weitaus später und nur einen Teil davon investiert.

Es wirkt, als fühlten Sie sich von der Öffentlichkeit ungerecht behandelt…

Hettich: Nein, das überhaupt nicht. Aber die derzeitige Diskussion zeigt, dass über einen sehr langen Zeitraum kein Verständnis für diese wichtige, gute Branche vorhanden war. Ob Biontech, Moderna oder Curevac – deren Investoren haben alle über nahezu zehn bis 15 Jahre das volle Risiko getragen, in der Hoffnung, dass diese neuartige Technologie funktioniert. Und sie haben das ja nicht nur bei einem einzelnen Unternehmen getan, sondern in verschiedenste Unternehmen der Branche investiert. Man müsste richtigerweise den Erfolg eines Unternehmens aufteilen auch auf die ganzen anderen Investments, die eben aus der Natur der Sache nicht alle erfolgreich sind. Ich denke, wir sollten als Gesellschaft mal in den Spiegel schauen und uns fragen: Was heißt das nun für uns? Wie viel ist uns die Gesundheit wert?

Und? Was heißt das nun für uns?

Hettich: Ich bin überzeugt, wir müssen als Gesellschaft mehr Geld für Themen wie Gesundheit und Umwelt investieren, unsere Prioritäten anders setzen. Die Krise ist für uns alle ein Weckruf. Ich selbst hatte mir nicht vorstellen können, dass so eine Pandemie stattfinden könnte. Meine feste Überzeugung ist: Eine Gesellschaft, die sich nicht den Innovationen – auch mit all ihren Rückschlägen – stellt, kann nicht dauerhaft erfolgreich, wohlhabend und auch nicht sozial sein.

Und was würden Sie sich vom Staat wünschen? Oder glauben Sie, dass es jetzt sowieso zu spät ist?

Hettich: Ich bin ein Optimist, gar nicht fatalistisch. Ich glaube, dass die Dinge gerade schon ganz vernünftig laufen, viel besser, als uns all die Tageskritik meinen lässt. Es gibt in der Öffentlichkeit viel Ärger, der aber oft auf Unverständnis fußt. Ich sehe aber auch, dass es jetzt Produktionsstätten gibt. Dass in Marburg für Pfizer/Biontech eine Produktionslinie aktiviert und in Rekordzeit genehmigt wird – und das Land Hessen unterstützt die Validierung dieses Standorts, das ist gut. Auch dass die Bayer AG sich mit Dienstleistungen und Produktionskapazitäten zusammen mit Curevac engagiert, und Curevac mit dem vorhandenen Partnernetzwerk die Kapazitäten geschaffen hat. Und dass die Genehmigungsbehörden sehr schnell arbeiten.

Wieso hat die Aktie kürzlich stark an Wert verloren? Weil es eine Kapitalerhöhung gibt?

Hettich: Vorab: Curevac ist im August 2020 mit einem Ausgabekurs von 16 Dollar gestartet. Es wurden dieser Tage fünf Millionen Aktien herausgegeben – zu einem Wert von je 90 Dollar, also fast dem sechsfachen. Es ist ganz üblich, dass der Kurs vor einer Kapitalerhöhung nachgibt. Und aktuell ist er ja wieder bei etwa 100 Dollar.

Wie wird sich der Kurs entwickeln?

Hettich: Dazu kann und möchte ich mich nicht äußern. Ich sehe aber, dass Curevac eine Marktkapitalisierung von etwa 17 Milliarden Dollar hat, Biontech von etwa 27 Milliarden, Moderna von etwa 60 Milliarden; die Deutsche Bank hat eine Marktkapitalisierung von etwa 17,5 Milliarden Euro. Sie sehen, worauf ich hinaus will …

Redaktion Weltreporterin mit Wirtschaftsschwerpunkt

Redaktion Bettina Eschbacher ist die Koordinatorin Wirtschaft und Wirtschaftsredakteurin.