Lebensmittel - Baden-Württemberg will Öko-Landbau stärker fördern / Wachstum kann mit Boom der Branche nicht Schritt halten

Bio-Nachfrage übertrifft Angebot

Von 
Peter Reinhardt
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Stuttgart. Im Corona-Jahr ist die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln stark gestiegen. Ein Plus von 22 Prozent meldet der Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft für 2020. Die heimische Produktion kann mit diesem Boom nicht Schritt halten. In Baden-Württemberg wuchs die nach ökologischen Standards bewirtschaftete Fläche im letzten Jahr nur um drei Prozent. Grüne und CDU haben sich im neuen Koalitionsvertrag auf eine stärkere Förderung des ökologischen Landbaus verständigt. „Unser Ziel ist es, die heimische Nachfrage nach Bio-Produkten bestmöglich aus Baden-Württemberg zu bedienen“, sagt Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU).

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Bei Bio-Eiern können Erzeuger aus Baden-Württemberg nur 14 Prozent des Bedarfs im Land abdecken. © istock

15 Milliarden Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr für Bio-Lebensmittel ausgegeben. Der Umsatzsprung von 22 Prozent liegt weit über dem Wachstum des gesamten Nahrungsmittelsektors mit acht Prozent. „In Zeiten von Corona essen die Menschen verstärkt zu Hause und machen sich mehr Gedanken über die Herkunft ihrer Lebensmittel“, erklärt Hauk. Er denkt schon an die Zukunft und appelliert an die Verbraucherinnen und Verbraucher, dass die „Wertschätzung für unsere Bauern auch nach der Pandemie erhalten bleibt“. Wer höhere Standards einfordert, müsse aber auch bereit sein, die etwas höheren Kosten zu akzeptieren.

  • Mit einem Anteil von 13,2 Prozent Bio-Fläche rangiert Baden-Württemberg zusammen mit dem Saarland und Hessen im Ländervergleich des ökologischen Landbaus an der Spitze. Das Nachbarland Bayern kommt aktuell auf eine Quote von zwölf Prozent. In ganz Deutschland sind es nur 10,2 Prozent.
  • Insgesamt rund 4500 Land-wirte haben sich in Baden-Württemberg von der konventionellen Bewirtschaftung verabschiedet. Im Durchschnitt sind nach den Erhebungen des Statistischen Landesamtes die Bio-Höfe mehr als 40 Hektar groß.
  • Bei der Vermarktung ökologisch erzeugter Produkte boomt die Direktvermarktung in Hofläden und über Abokisten, die frei Haus geliefert werden. Viele Erzeuger betreiben mittlerweile auch einen eigenen Online-Shop für ihre Lebensmittel. pre

Importe müssen Lücke schließen

Der Boom ist eigentlich eine Steilvorlage für die grün-schwarze Regierung. Die will den Anteil der ökologisch erzeugten Lebensmittel im Südwesten von aktuell 13 Prozent der gesamten Landwirtschaftsfläche auf 30 bis 40 Prozent erhöhen. Dazu müssten pro Jahr 20 500 Hektar auf Bio-Produktion umgestellt werden. Tatsächlich erreicht wurden aber nur 6000 Hektar, deutlich weniger als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Damit hinkt Baden-Württemberg deutlich dem Wachstum der Bio-Flächen in ganz Deutschland um 5,3 Prozent hinterher. Die Supermärkte schließen die Lücken in den Regalen mit verstärkten Importen.

Dabei war in vielen Bereichen schon vor Corona die Nachfrage nach Bio-Lebensmittel höher als die Produktion aus Baden-Württemberg. Bei Eiern decken Erzeuger aus dem Land nur 14 Prozent des Bedarfs ab. Bei Gemüse ist es nicht ganz die Hälfte, bei Milchprodukten sind es nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums immerhin drei Viertel der verkauften Menge. Bei Bio-Fleisch entsprechen sich rechnerisch die heimische Erzeugung und die Nachfrage. Nur bei Obst erzielen die Bauern aus Baden-Württemberg einen Überschuss von 15 Prozent.

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Angesichts der wachsenden Lücke zwischen der schnell steigenden Nachfrage der Verbraucher und dem gebremsten Wachstum der Bio-Produktion muss die grün-schwarze Koalition ihre bisherige Förderpolitik auf den Prüfstand stellen. Für 2020 und 2021 hat die Landesregierung jeweils 4,5 Millionen Euro zur Unterstützung des ökologischen Landbaus bereitgestellt. Gleichzeitig haben sich Grüne und CDU letztes Jahr gesetzlich verpflichtet, innerhalb von zehn Jahren 30 bis 40 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen nach den Grundsätzen des ökologischen Landbaus zu bewirtschaften.

„Ambitioniert, aber erreichbar“

Erreichen will Hauk das ehrgeizige Ziel mit einem „markt- und nachfrageorientierten Ansatz“. Auf die Frage, warum die konventionell wirtschaftenden Bauern die Chance nicht nutzen, gibt es allerdings keine Antwort. Immerhin hat die Regierung einen neuen Aktionsplan aufgelegt. „Bio aus Baden-Württemberg“ soll nach Angaben eines Hauk-Sprechers die „Bedingungen für bereits ökologisch wirtschaftende Betriebe verbessern und den Neueinstieg in den biologischen Landbau erleichtern“.

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Die Arbeitsgruppe von Grünen und CDU hält für die stark erhöhte Förderung jährlich zwölf Millionen Euro für erforderlich. Die Argumente zur Begründung liefert eine von Hauk in Auftrag gegebene Marktstudie. „Das Ökolandbau-Ziel ist ambitioniert, aber erreichbar, wenn ein etwas stärkerer Zuwachs in den nächsten Jahren erfolgt“, fasst der Sprecher den Befund zusammen. Noch ist allerdings unklar, was angesichts der leeren Landeskasse in den nächsten Jahren tatsächlich finanzierbar ist.

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Korrespondent Landespolitischer Korrespondent in Stuttgart