Handel - Mindestens einem Drittel der 172 Filialen droht die Schließung / Verdi Rhein-Neckar: Auswirkungen auf Region noch unklar „Beschäftigte sind entsetzt, empört – und haben Angst“

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Miray Caliskan
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Die Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof am Mannheimer Paradeplatz. © Christoph Blüthner

Mannheim. Tausende Beschäftigte der Galeria-Karstadt-Kaufhof-Warenhäuser verbindet seit gut einer Woche wohl ein einziger Gedanke: Was wird mit mir passieren? Der Konzern gab bekannt, dass gut ein Drittel der insgesamt 172 Warenhäuser nicht zu retten seien. „Wir haben allen Beteiligten klar gemacht, dass 80 Häuser ,im Feuer’ stehen“, sagte der vorläufige Sachwalter der Warenhauskette Frank Kebekus der „Wirtschaftswoche“.

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Was die Schließungspläne für die bundesweit rund 28 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet? Bangen um ihre Existenz. „Die Beschäftigten hier in der Region sind entsetzt. Empört. Sie haben Angst“, erklärte Sabine Möller, Gewerkschaftssekretärin im Fachbereich Handel bei Verdi Rhein-Neckar dieser Redaktion. Rund 300 Beschäftigte sind an den vier Standorten in Mannheim und Heidelberg angestellt. „Wir wissen nicht, ob Filialen in der Region schließen werden. Seitens der Unternehmensführung heißt es ja, dass die Standorte erst einmal geprüft werden. Weiterführen oder nicht weiterführen? Diese Frage müssen Beschäftige nun aushalten – was bleibt ihnen auch anderes übrig?“

Probleme schon vor Corona

Kummer – den ist Galeria Karstadt Kaufhof gewohnt: Immer wieder waren die Warenhäuser ins Wanken geraten, immer wieder kämpften sie ums Überleben. Im Zuge der Fusion der beiden Unternehmen wurden im vergangenen Jahr bereits tausende Stellen gestrichen. Die Gewerkschaft hatte daraufhin mit dem Konzern einen Sanierungstarifvertrag abgeschlossen, der unter anderem eine Standort- und Beschäftigungssicherung enthielt – dieser ist nun überholt. „Jetzt sind plötzlich alle Standorte und alle Stellen bedroht“, erklärte Möller. Die Corona-Krise setze der Warenhauskette nochmals zu, woraufhin sie Anfang April eine Sanierung in Eigenverwaltung vorbereitet und deshalb ein Schutzschirmverfahren eingeleitet hat. Dieses bewahrt das Unternehmen drei Monate lang vor dem Zugriff der Gläubiger, ohne dass die Betriebe bereits Insolvenz anmelden müssen. Die Geschäftsführung kann das Unternehmen weiter verantwortlich lenken und sanieren.

Wegen der Corona-Krise rechnet der Warenhaus-Riese bis Ende 2022 mit Umsatzeinbußen von rund 1,4 Milliarden Euro. Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz ergänzte, dass der Konzern, der der Signa-Holding des österreichischen Immobilien-Investors René Benko gehört, auch nicht damit rechne, dass die Kunden nächstes Jahr wieder so einkaufen werden wie vor Corona.

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„Es wurden aber schon vor Corona viele Fehler gemacht“, sagte Sabine Möller. „Freigewordene Stellen wurden jahrelang nicht wiederbesetzt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten zusätzliche Aufgaben übernehmen. Und das wiederum hat dazu geführt, dass der Service, also das Beraten und Bedienen, was für Warenhäuser so immens wichtig ist, zurückgegangen ist.“ Die Unternehmensführung hätte auch beschlossen, die Arbeitnehmer in drei Teams zu unterteilen: Verkauf, Waren-Service und Kasse. „Die Beschäftigten, die für die Auffüllung der Regale verantwortlich waren, durften sich plötzlich nicht mehr um Kunden kümmern. Das versteht der Kunde natürlich nicht und das interessiert ihn auch nicht. Das führte früher oder später dazu, dass die Kundschaft sich nicht mehr aufgehoben gefühlt hat.“

Dass die Warenhäuser über Jahre hinweg an Attraktivität verloren haben, liege auch an der Tatsache, dass von „Nord nach Süd fast exakt dasselbe Warensortiment angeboten wird“, so Möller. „Die Regionalität, sei es in der Mode- oder in der Lebensmittelabteilung, wird überhaupt nicht berücksichtigt.“ Attraktionen – wie der regionale Spargelbauer oder Winzer, der vor Galeria am Paradeplatz einen Stand aufbaut – würden Kundschaft anziehen. „Menschen würden stehenbleiben, und eben auch in das Warenhaus gehen. Eine Idee wären auch Autogrammstunden mit Spielern der Rhein-Neckar Löwen oder der Adler. Das wäre was für Familien und Jugendliche.“ Auch sie würden Zeit in der Filiale verbringen und shoppen. „Übrigens sind das Vorschläge der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um aus der Misere herauszukommen.“ In den Augen der Unternehmensführung hätten sie jedoch kein Mitbestimmungsrecht, sollen den Laden trotzdem am Laufen halten.

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Nun geht es um die Frage, welche Filialen schließen müssen. Bereits Ende Juni soll nach den Plänen von Kebekus und Geiwitz feststehen, wer welche Beiträge – die Vermieter, aber auch Eigentümer Benko – zur Sanierung leistet und im Anschluss ein Insolvenzplan erstellt werden, über den die verschiedenen Gläubigergruppen im Juli abstimmen.

Anker der Innenstadt

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„Ob bei den Plänen Doppelstandorte stärker betroffen sind, wissen wir auch nicht“, erklärte Möller. Bei einer möglichen Standortschließung würde sich nicht nur für Mannheim, sondern für alle Städte in Deutschland die Frage stellen, „wie die Immobilien neu genutzt werden sollen“, ergänzte Swen Rubel, Geschäftsführer des Handelsverbands Nordbaden. Die allgemeine zentrale Lage der Warenhäuser sei durchaus attraktiv, weshalb auch die Stadt Mannheim vitales Interesse haben werde, schnellstmöglich einen Nachmieter zu finden.

„Kaufhäuser sind Anker der Innenstädte. Und Mannheim hat gleich zwei – zu Beginn der Planken und am Ende“, sagte Möller. Das Schutzschirmverfahren reiche nicht aus. „Ich wünsche mir, dass die Unternehmensführung gemeinsam mit der Bundesregierung nach Lösungen sucht und versucht, die Warenhäuser mit Krediten zu retten. Der Staat muss Verantwortung für die rund 30 000 Beschäftigten übernehmen – und sie vor Existenzängsten bewahren.“ (mit dpa)

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