„Beim Fliegen haben wir vor nichts Angst“

Von 
Joana Rettig
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Dirk Eggert (l.) und Reinhard Becker vor einer Maschine der Fluggesellschaft Rhein-Neckar Air. © Christoph Blüthner

Mannheim. Der Luftverkehr befand sich in einer Schockstarre. Jetzt bewegt sich wieder etwas - vor allem für kleine Anbieter. Die Geschäftsführer der Rhein-Neckar Air, Dirk Eggert, und des Mannheimer City Airports, Reinhard Becker, erklären im Interview, warum.

Die Geschäftsführer

  • Seit 2003 ist der 62-jährige Reinhard Becker der Geschäftsführer des Mannheimer City Airports. Davor war er als Kaufmännischer Geschäftsführer im Kongresszentrum Rosengarten tätig.
  • Becker hat zunächst eine Ausbildung im Verwaltungsbereich absolviert. Danach studierte er Betriebswirtschaftslehre.
  • Seit ihrer Gründung 2013 ist Dirk Eggert Geschäftsführer der Fluggesellschaft Rhein-Neckar Air. Daneben ist er als stellvertretender Geschäftsführer des Mannheimer City Airports im operativen Bereich tätig – und das seit 2006.
  • Davor arbeitete er dort als Fluglotse. Der 54-Jährige ist seit 20 Jahren beim Mannheimer Flugplatz angestellt.
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Herr Eggert, könnten Sie mir den folgenden Satz vervollständigen? Die Rettung der Lufthansa mit neun Milliarden Euro finde ich …

Dirk Eggert: … grundsätzlich gut, da der Staat den Luftverkehr unterstützt. Dass die Rhein Neckar Air davon aber finanziell nicht profitiert, finde ich eher nicht so toll. Das ist eine Ungleichbehandlung.

Herr Becker, gleiches Spiel bei Ihnen: Ich würde mir für kleine Flugplätze wünschen, dass ...

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Reinhard Becker: ... auch die Länder und der Bund ihrer Verantwortung gerecht werden, weil diese Plätze genauso systemrelevant sind wie große Drehkreuze auch.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ titelte bei einem Themenschwerpunkt mit: „Die Angst fliegt mit“. Vor was haben Sie Angst?

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Eggert: Beim Fliegen haben wir vor nichts Angst - auch nicht in Corona-Zeiten. Das Risiko, sich im Flugzeug anzustecken, geht gegen Null. Anders als bei Bussen oder Bahnen wird die Luft in Fliegern durchgehend ausgetauscht. Das liegt daran, dass die Luftdruckkabine, die dafür sorgt, dass der Druck im Flugzeuginneren gleich bleibt, nur funktioniert, wenn sie permanent frische Luft von außen bekommt. Diese Luft strömt von oben nach unten - also nicht durch den ganzen Raum hindurch. Im Schnitt kann man sagen: Alle drei Minuten hat sich die komplette Luft in der Kabine ausgetauscht.

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Becker: Gleichwohl haben wir aber Bedenken, dass es doch relativ lange dauern wird, bis auch unsere Branche wieder die Zahlen der Vor-Corona-Zeit erreichen wird. Wir sind optimistisch, denn möglicherweise sind kleinere Flugplätze etwas weniger betroffen. Die großen Urlaubsströme finden ja bei uns nicht statt.

Weil in Mannheim eher die Business-Flüge starten und landen?

Becker: Ja, also Business oder eben der Urlaub nach Sylt. Der Urlaubsverkehr ist aber im Vergleich mit den großen Hubs sehr gering. Für uns ist es also nicht so interessant, ob Länder ihre Grenzen oder Hotels wieder öffnen. Für die kleineren Plätze wird der Aufschwung wohl etwas schneller kommen.

Der Deutsche Airbus-Chef, Michael Schöllhorn sagte: „Die Corona-Krise kann sich als Beschleuniger auf dem Weg zur Nachhaltigkeit erweisen.“ Hätte das Auswirkungen auf den hiesigen Flugverkehr?

Becker: Es kommt darauf an… Wenn nachhaltigere Flugzeuge entwickelt werden, die hier in Mannheim starten und landen könnten, dann hätte das für uns positive Auswirkungen. Und es hat in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden, so dass jetzt wieder neue Geschäftsreiseflugzeuge produziert werden, die auch sehr gute Eigenschaften haben - und zwar für kurze Start- und Landebahnen. Wenn der Weltmarkt das interessant findet, dann wird die Entwicklung auch da hin gehen.

Und glauben Sie, dass passiert?

Becker: Ich bin mir nicht sicher, ob die Corona-Pandemie solche Auswirkungen haben wird. Möglicherweise wird man sich auf bessere Flugkraftstoffe konzentrieren. Eine solche Entwicklung wird aber nicht von heute auf morgen angestoßen und erledigt. Sowas dauert Jahre oder Jahrzehnte.

Eggert: Eine Chance bei Neuentwicklungen der Antriebe gibt es allerdings gerade für kleine Flughäfen. Etwa beim Elektroantrieb. Die physikalischen Grenzen, einen Jumbojet mit Strom zu betreiben, erscheinen derzeit einfach noch unüberwindbar. Man beginnt also hier erst einmal mit den kleineren Flugzeugen. Den dezentralen Verkehr könnte man dabei natürlich dann stärken - etwa mit einem elektrisch betriebenen 20-Sitzer, der von Mannheim nach Köln oder Nürnberg fliegt. Das könnte man sehen, wie ein großes Flugtaxi. Für uns ist es demnach keine Frage, dass ein kleinerer Flughafen wie Mannheim in Zukunft eine große Bedeutung haben wird.

Was unterscheidet die Luftfahrt-Krise von den anderen Branchen?

Becker: Unsere Branche ist mehr oder weniger von einem zum nächsten Tag von 100 auf Null gegangen. Ende März hatten wir zwischen 75 und 80 Prozent weniger Flugbewegungen. Bei den Geschäftsreisefliegern war der Einbruch bei weit über 90 Prozent. In anderen Branchen ging das vielleicht etwas langsamer.

Buchen die Menschen wieder?

Eggert: Ja. Für Sylt, die einzige Strecke, die wir als Rhein Neckar Air wieder anbieten, ging es direkt wieder los mit den Buchungen, als klar war, dass die Insel wieder angeflogen werden darf.

Wie sieht es mit den Verlusten aus?

Becker: Wir als Flugplatz haben zunächst prognostiziert, dass wir einen Verlust von 1,4 Millionen Euro haben werden. Momentan sieht es aber so aus, als kämen die Einnahmen doch stärker zurück, als wir erwartet hatten. Auf der anderen Seite hatten wir mit einer sehr langen Kurzarbeitsphase gerechnet - und der damit verbundenen Erstattungen durch die Arbeitsagentur. Die werden wieder geringer ausfallen. Aber fragen sie mich Ende Juli noch einmal. Da haben wir den neuen Quartalsbericht vorliegen.

Und die Airline, Herr Eggert?

Eggert: Wir können keine belastbaren Zahlen nennen - das ändert sich täglich. Das wäre Kaffeesatzleserei.

Haben sich die Preise geändert?

Eggert: Nein.

Wie viel ist auf dem Flugplatz los, seit die Rhein Neckar Air wieder fliegt?

Becker: Das ist weniger die Rhein Neckar Air, die die Flugbewegungen ausmacht. Der Privat- und der Schulungsverkehr schlagen deutlich mehr ins Gewicht. Seit das wieder zugelassen ist, ist hier wieder gut was los. An den letzten zwei Wochenenden haben wir festgestellt, dass die Verkehrszahlen im Vergleich zum Vorjahresmonat wieder auf etwa gleicher Höhe waren.

Die Lufthansa musste insgesamt 24 Start- und Landeslots in Frankfurt und München abgeben - eine Chance für die Rhein Neckar Air?

Eggert: Nein. Das sehen wir im Moment nicht. Wir schauen zunächst, dass wir wieder zum alten Geschäft zurückkommen. Ein neuer Bereich ist mit Risiken verbunden. Sobald es abzusehen ist, dass wir Berlin und Hamburg wieder ansteuern können, möchten wir erst diesen Bereich wieder auf den Weg bringen, bevor wir über neue Strecken nachdenken.

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