Mehrwertsteuer - Die großen Händler der Region wollen die Senkung weitergeben, kleinere sehen Probleme „Aufwand ist brutal hoch“

Von 
Bettina Eschbacher
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Rhein-Neckar. Die Einzelhändler in der Region haben in den kommenden Wochen jede Menge zu tun: Wenn ab 1. Juli die Senkung der Mehrwertsteuer in Kraft tritt, müssen sie ihre Systeme umstellen. Nicht alle wollen oder können die Preise anpassen.

Wie ist der Zeitplan bis zum endgültigen Beschluss?

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Der Beschluss der Bundesregierung soll auf einer außerplanmäßigen Kabinettssitzung am kommenden Freitag gefasst werden. Die Mehrwertsteuer wird dann zum 1. Juli für ein halbes Jahr von 19 auf 16 Prozent gesenkt. Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz soll im gleichen Zeitraum von sieben auf fünf Prozent zurückgehen. Bundestag und Bundesrat müssen aber noch zustimmen.

Geben die Einzelhändler der Region die Senkung direkt an die Kunden weiter?

Selbstverständlich, sagen große Handelsunternehmen wie die Pfälzer Baumarktkette Hornbach. Auch Lebensmittelhändler wie Edeka Südwest oder die Darmstädter Biomarktkette Alnatura haben das vor, wie sie bei einer Anfrage dieser Redaktion bestätigen. In der Krise wolle Alnatura seine Kundinnen und Kunden entlasten, sagt Geschäftsführer Rüdiger Kasch.

Und wie sieht es bei kleineren Händlern aus?

Für die sei es fast unmöglich, das umzusetzen, erklärt Tatjana Steinbrenner. Vor allem weil sie zum Jahresende schon alles wieder rückgängig machen müssten. Steinbrenner ist Vorsitzende des südhessischen Handelsverbands und führt das Kaufhaus Ganz in Bensheim. „Wir haben 30 000 Artikel bei uns, wie sollen wir die alle neu auszeichnen – und das nur für ein halbes Jahr?“ Kleinere Unternehmen könnten das anders als große Ketten nicht leisten: „Der administrative Aufwand dafür ist brutal hoch.“

Warum ist die Umsetzung so aufwendig?

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Zum einen, weil jetzt alles schnell gehen muss, es geht ja voraussichtlich schon in drei Wochen los. Zum anderen, weil dafür viele Systeme umgestellt werden müssen, wie eine Alnatura-Sprecherin erklärt: „Unter anderem müssen die Mehrwertsteuersätze im Warenwirtschaftssystem angepasst und die Kassensysteme neu programmiert beziehungsweise umgestellt werden.“ Die Infos auf den Kassenbons müssten angepasst und die Aktionsangebote neu gestaltet werden, so die Sprecherin. Alnatura hat rund 6000 Produkte, deren Preise umgestellt werden müssen. Bei großen Supermärkten sind es bis zu 40 000. Neben der Auszeichnung neuer Preisschilder haben die Händler auch die Möglichkeit, den Rabatt erst an der Kasse zu berechnen.

Werden die Kunden die niedrigere Mehrwertsteuer beim Einkauf überhaupt zu spüren bekommen?

„Beim alltäglichen Einkauf eher nicht“, sagt Tatjana Steinbrenner. Bei kleineren Beträgen sei die Reduzierung ja kaum spürbar. Branchenexperten verweisen auch darauf, dass Händler in der Regel auf sogenannte Schwellenbeträge – zum Beispiel 4,99 Euro – setzen und diese Praxis kaum aufgeben werden. Und in Bereichen mit hohem Wettbewerbsdruck, zum Beispiel im Elektro- oder Möbelhandel, bestimmt sowieso der Markt die Preise, sie wechseln ständig. Das geschieht auch über spezielle Programme, die online die Marktpreise vergleichen und entsprechend anpassen.

Wie handhaben das Einkaufszentren mit vielen Einzelgeschäften?

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Für Hendrik Hoffmann, der das Mannheimer Einkaufszentrum Q6 Q7 führt, spielt das Thema Mehrwertsteuer kaum eine Rolle – angesichts massiver Rabatte. „Es gibt ja jetzt schon Nachlässe von 30 oder 50 Prozent, da fallen drei Prozent weniger nicht ins Gewicht.“ Nach acht Wochen Schließung gehe es darum, den Absatz anzukurbeln. Gerade die Textilbranche leide wegen der Corona-Krise unter einem großen Überhang an Ware, sagt Fabian Engelhorn, Geschäftsführer der gleichnamigen Mannheimer Modegruppe. Daher kalkuliere die Branche bereits sehr scharf, das werde in der Herbst/Winter-Saison so bleiben – egal, ob mit oder ohne Steuersenkung.

Was hilft den von der Krise gebeutelten Händlern stattdessen?

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„Dass sich die Kunden wieder trauen, in die Innenstadt zu kommen“, das ist der größte Wunsch von Engelhorn und Hoffmann. Die Angst vor dem Coronavirus, und die als lästig empfundene Maskenpflicht schrecke viele Menschen vom Einkaufsbummel ab, bedauert Engelhorn.

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Redaktion Bettina Eschbacher ist die Koordinatorin Wirtschaft und Wirtschaftsredakteurin.

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