Gamestop - Aktie des Videospiele-Händlers stürzt nach Rekordjagd ab / Große Gesellschaften grenzen Verluste ein Anleger verlieren Milliarden

Von 
Alexander Klay
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Die Gamestop-Filiale in der Mannheimer Innenstadt. © Christoph Blüthner

Berlin. Auf die rauschende Party folgt ein Erwachen mit heftigen Kopfschmerzen und der bitteren Frage: Was genau ist da eigentlich passiert? Diese Frage dürften sich gerade zigtausend Kleinanleger stellen, die es an der Börse erst mit den mächtigen Hedgefonds aufnehmen wollten, sich dann an einem gigantischen Kursfeuerwerk berauschten und nun viel Geld verloren haben.

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Im Forum „Wall Street Bets“ auf der Plauder-Plattform Reddit hatten sich im Januar Kleinanleger verabredet, den angeschlagenen Videospiele-Händler Gamestop vor Kurswetten der milliardenschweren Hedgefonds zu schützen – und den umstrittenen Investmenthäusern das Geschäft zu vermiesen. Zunächst ging der Plan auf: Die hohe Nachfrage trieb den Aktienkurs von knapp 15 Euro auf bis zu 419,90 Euro in die Höhe. Die Hedgefonds, die auf sinkende Kurse gewettet hatten, verloren rund 20 Milliarden Dollar (17 Milliarden Euro), ein Investor musste gar mit einer besonders großen Geldspritze gerettet werden.

Aktien nur noch wenig wert

„Handel ist kein Spiel“

  • Die Verbraucherzentrale Hamburg spricht nach dem Hype um die Gamestop-Aktie eine deutliche Warnung aus: „Trading-Apps verführen zum Zocken.“
  • Unerfahrene Anleger würden hier Gefahr laufen, von den spielerischen Mechanismen zu unbedachten Transaktionen verführt zu werden. „Doch der Handel mit Aktien und Optionen ist kein Spiel“, lautet die eindringliche Warnung. „Der Handel mit Einzelaktien ist etwas für Zocker und Profis.“
  • Und eine einseitige Kaufbeschränkung für einzelne Werte, wie es sie bei Trade Republic gab, sei schlicht „nicht akzeptabel“. 

Nun zog das Kursfeuerwerk immer mehr Anleger in Erwartung eines großen Gewinns an. Das eigentliche Geschäft der Ladenkette, die auch in Deutschland rund 200 Filialen betreibt und unter der Digitalisierung leidet, interessierte kaum jemand. Ein Schneeballsystem, das am Ende fast nur Verlierer kennt. Für sie folgte das böse Erwachen: Gamestop-Aktien waren Ende vergangener Woche nur noch 50 Euro wert. Über 25 Milliarden Euro Anlegergeld sind vernichtet. Auch die Aktien des Netzwerkausrüsters Nokia und der US-Kinokette AMC und einiger anderer Firmen erlebten einen kurzzeitigen Höhenflug. Zuletzt hatten es die Anleger auf Silber abgesehen. Auch der Kurs des Edelmetalls konnte seinen Höhenflug nicht halten.

Im Internet häufen sich Beiträge wie der eines US-Sportbloggers, der mit Gamestop- und AMC-Aktien 700 000 Dollar verloren haben will. Nicht wenige haben den Aktienkauf offenbar auch mit Krediten finanziert, wie in den Foren zu lesen ist. Der milliardenschwere amerikanische Investor Marc Cuban hinterließ den Anlegern auf Twitter eine eindringliche Warnung: „Wenn du kaufst, weil du den Kursanstieg brauchst, um dein finanzielles Loch zu stopfen, ist das der exakt falsche Zeitpunkt.“

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Hinter dem großen Ansturm auf die Aktien von Gamestop und Co. stehen Kleinanleger, die vor allem sogenannte Neobroker wie Robinhood aus den USA oder das deutsche Pendant Trade Republic nutzen. Die neuen Anbieter ermöglichen mit Smartphone-Apps einen unkomplizierten und vergleichsweise kostengünstigen Weg an die Börse. Kleinanleger können mit Aktien oder auch hochkomplexen Finanzprodukten handeln. Die Gebühren sind deutlich niedriger als bei klassischen Banken. Trade Republic verspricht Aktienhandel für einen Euro. Die sagenhaften Gewinne, die mancher mit Gamestop einstreichen konnte, beschert dem Berliner Start-up viele neue Kunden. Wer sich bei der Plattform anmeldet, muss wegen der hohen Nachfrage mit stundenlangen Wartezeiten rechnen. „Das Interesse ist ungebrochen hoch“, sagt eine Sprecherin unserer Redaktion. Genaue Zahlen nennt das Unternehmen jedoch nicht.

Zum Höhepunkt des Hypes hat Trade Republic den Kauf von Gamestop-Aktien ausgesetzt. Der Handelsplatz LS Exchange, das elektronische System der Börse Hamburg, war überlastet. An anderen Börsen konnte die Aktie aber weiter frei gehandelt werden. Damit zog das Start-up den Zorn enttäuschter Anleger auf sich. Womöglich hat der Vorgang auch rechtliche Folgen. Nutzer berichten von stornierten Kaufaufträgen, die ihnen trotzdem abgebucht worden sind. Die Gründer von Trade Republic bitten die Anleger inzwischen um Entschuldigung: „Wir haben hier keinen guten Job gemacht“, schreiben sie.

Kurs von Dogecoin schnellt hoch

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Die Hedgefonds konnten ihre massiven Verluste unterdessen eingrenzen. Marktbeobachtern von S3 Partners zufolge haben sie schon in der vorvergangenen Woche das Minus auf zehn Milliarden Dollar halbiert. Und aus dieser Reihe stammt wohl auch der größte Gewinner des Gamestop-Hypes. Laut „Wall Street Journal“ hatte der Hedgefonds Senvest Management schon im vergangenen Jahr im großen Stil Aktien gekauft – und strich nun 700 Millionen Dollar ein.

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Wie groß die Hoffnung auf das schnelle Geld ist, zeigte sich erneut Ende vergangener Woche. Nach einem Tweet von Tesla-Gründer Elon Musk über die Spaß-Digitalwährung Dogecoin schoss dessen Kurs um bis zu 65 Prozent in die Höhe. Innerhalb von 24 Stunden wurden Dogecoins im Wert von über neun Milliarden Euro gehandelt.

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