„Hier sind wir also“

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Alexander Jungert
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Auf dieser Fotomontage sind die neuen Chefs Jennifer Morgan und Christian Klein an einem Tisch mit dem SAP-Logo zu sehen. © Pichler

Walldorf. Begonnen hat alles mit einem Anruf von Hasso Plattner, dem Aufsichtsratschef von SAP. Anfang dieser Woche bittet er die Vorstandsmitglieder Jennifer Morgan und Christian Klein zu einem Gespräch. Das Thema ist groß: Es geht um die Zukunft von SAP, Europas größtem Softwarekonzern. „Also sind wir – jeder von einem anderen Ort, aber beide extrem gespannt – nach Kalifornien geflogen. Natürlich ohne irgendeine Vorstellung, was genau uns dort erwarten würde“, schreiben Morgan und Klein am Freitag in einer E-Mail an die Belegschaft.

Frauenverbände ermutigt

  • Die Initiative Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR) lobt die Ernennung Jennifer Morgans bei SAP als „Signal an alle Unternehmen: Es geht!“.
  • Der Walldorfer Konzern sei „ein Paradebeispiel für einen großen Konzern, der systematisch Frauen in die Führungsspitze geholt und so das Potenzial von Frauen entwickelt“ habe, betont FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow in einer Stellungnahme.
  • Von einer „sehr positiven und ermutigenden Nachricht“ spricht Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.
  • Die Gewerkschaft Verdi in Baden-Württemberg teilt auf Anfrage dieser Zeitung mit: „Verdi begrüßt, dass mit Jennifer Morgan eine Frau an der SAP-Führungsspitze gemeinsam mit Christian Klein steht. Das stärkt den Frauenanteil in Dax-Unternehmen und Frauen in der männlich geprägten IT-Branche.“ Die Gewerkschaft erwartet nun eine hohe Innovationskraft vom neuen Duo. (dpa/jung)

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Was sie dann gehört haben, hätten beide nie zu träumen gewagt: „Wir sollten die Nachfolge von Hasso Plattner, Dietmar Hopp, Bill McDermott und den vielen großen SAP-Chefs antreten.“ In der Nacht von Donnerstag auf Freitag gibt SAP die Nachricht heraus, die sich unter den weltweit 100 000 Mitarbeitern wie ein Lauffeuer verbreitet. „Here we are, hier sind wir also“, sagt Klein am Freitag in einer spontan angesetzten Telefonkonferenz für Journalisten.

Ein vergleichbares Duo hat die deutsche Wirtschaft bisher nicht zu bieten. Jennifer Morgan, 48, verheiratet, zwei Kinder, US-Amerikanerin, ist die erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns. „Es ist mir eine große Ehre“, sagt sie. Seit 2004 ist die Vertriebsexpertin bei SAP, seit 2017 im Vorstand. Morgan gehört in einer Rangliste des Magazins „Forbes“ zu den einflussreichsten Frauen der Welt. Sie ist Absolventin der James Madison University in Harrisonburg (US-Bundesstaat Virginia) und sitzt unter anderem im Aufsichtsrat der Bank of New York Mellon, einer Investmentbank.

Aufgewachsen in der Region

Neben ihr steht Christian Klein an der SAP-Spitze, mit 39 Jahren jüngster Vorstandschef im Dax. Und ein Kind der Region. Aufgewachsen in Mühlhausen (Rhein-Neckar-Kreis), zur Schule gegangen in Östringen, Studium in Mannheim. Der Vater, Karl Klein, war früher Bürgermeister in Mühlhausen und sitzt heute für die CDU im baden-württembergischen Landtag.

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Die Karriere von Christian Klein bei SAP beginnt 1999 als Student. Stück für Stück arbeitet er sich hoch, übernimmt die verschiedensten Aufgaben. Seit 2018 ist er Vorstandsmitglied und verantwortet das operative Geschäft, also die weltweite Entwicklung und Auslieferung von SAP-Kernprodukten. Ein Blick in den Geschäftsbericht zeigt seinen Verdienst 2018: rund 3,6 Millionen Euro. Was Klein als Vorstandschef verdient, gibt der Konzern im Frühjahr 2020 im Geschäftsbericht bekannt. In der Belegschaft gilt Klein als bodenständig und uneitel.

Die neuen Chefs sind in der Öffentlichkeit bisher wenig in Erscheinung getreten. Von Klein gibt es ein Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Darin fordert er mehr Mut und Tempo beim digitalen Wandel in Deutschland. Es werde viel diskutiert, aber zu wenig getan, kritisiert er im Juli dieses Jahres.

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Viel ändern will das neue SAP-Führungsduo erst einmal nicht. Morgan sagt, man dürfe erwarten, dass Klein und sie sich auf eine entscheidende Botschaft konzentrierten – und die laute: Kontinuität. Trotzdem gibt es für Morgan und Klein einiges anzupacken. Die zahlreichen Zukäufe müssen in den Konzern integriert werden. Mitte November will das Management in New York erläutern, wie die „operative Exzellenz“ verbessert werden kann, mit anderen Worten die Gewinnspanne.

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Ein Investor wird besonders darauf achten: Paul Singer aus den USA. Über seine Firma Elliot ist er mit 1,2 Milliarden Euro an SAP beteiligt. Gemessen am aktuellen Börsenwert von 125 Milliarden Euro ist das rund ein Prozent. Elliott gilt als umtriebig. Eine Beteiligung allein reicht nicht – der Investor mischt gerne bei Entscheidungen des Managements mit. Und gilt dabei als wenig zimperlich.

Erwartungen des Betriebsrats

Bei der Arbeitnehmerseite kommen die Personalien gut an, sie wecken allerdings auch Erwartungen. „Ich erhoffe mir, dass wieder mehr von dem alten Spirit der SAP zurückkommt, als Hasso Plattner und Dietmar Hopp das Unternehmen geleitet haben“, teilt Betriebsratsvorsitzender Ralf Zeiger mit. Die Belegschaft müsse wieder mehr im Vordergrund stehen. „Denn der große Erfolg von SAP war und ist das Verdienst der Mitarbeiter.“

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Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.