MVV-Chef Georg Müller: „Wärmewende wird gelingen“

Von 
Martin Geiger
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Der Vorstandsvorsitzende der MVV Energie AG, Georg Müller (r.), im Gespräch mit Redakteur Martin Geiger. © Rinderspacher

Mannheim. 165 000 Haushalte in der Rhein-Neckar-Region heizen mit Fernwärme, die bis vor Kurzem fast ausschließlich vom Grosskraftwerk Mannheim (GKM) erzeugt wurde - das wegen des Kohleausstiegs aber spätestens 2033 schließen muss. Wo die Wärme künftig herkommen soll, erklärt MVV-Chef Georg Müller.

Georg Müller

  • Georg Müller wurde 1963 in Höxter (Westfalen) geboren.
  • Nach dem Abitur hat er in Köln Jura studiert. Auf die Promotion folgte ein Master-Studium in Cambridge (Großbritannien).
  • Anschließend hat Müller als Rechtsanwalt in Düsseldorf gearbeitet, ehe er zum Energiekonzern RWE wechselte. Dort war er zuletzt Vorsitzender des Vorstands der Konzerntochter Rhein-Ruhr AG.
  • Seit Januar 2009 ist er Vorstandsvorsitzender der MVV.
  • Müller ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.
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Herr Müller, Sie haben gerade in Berlin mit Spitzenpolitikern gesprochen, um beim Kohleausstieg Verbesserungen für Steinkohlekraftwerke wie das GKM zu erreichen. Waren Sie erfolgreich?

Georg Müller: Nach dem Gespräch mit dem Bundeswirtschaftsminister, Spitzen von Umwelt- und Finanzministerium sowie Energiepolitikern der Regierungsfraktionen bin ich durchaus zuversichtlich. An den Eckpfeilern des Gesetzes wird sich nichts ändern. Aber ich habe die Botschaft und Bereitschaft mitgenommen, dass es bei der Ausgestaltung für die Steinkohle noch Spielräume in die richtige Richtung gibt.

Welche sind das?

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Müller: Das ist jetzt Sache des Parlaments und muss im Gesetzgebungsverfahren entschieden werden.

Es bleibt aber wohl dabei, dass das GKM spätestens 2033 stillgelegt werden muss. Viele Menschen fragen sich darum, wo die Fernwärme künftig herkommen soll.

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Müller: Deshalb arbeiten wir seit Jahren daran, die Wärmeerzeugung Schritt für Schritt auf erneuerbare Energien umzustellen. Am Ende dieses Weges wird unsere Fernwärme zu 100 Prozent „grün“ sein.

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Wie soll das gehen?

Müller: Den ersten Schritt haben wir mit der Anbindung unserer thermischen Abfallverwertung auf der Friesenheimer Insel bereits erreicht. Damit erzeugen wir nun rund 30 Prozent des jährlichen Wärmebedarfs auf erneuerbarer Basis. Der nächste Schritt wird voraussichtlich 2024 der Anschluss des Biomassekraftwerks, auch auf der Friesenheimer Insel. Dann sind wir bei rund 40 Prozent.

Fehlen aber immer noch 60 …

Müller: … für die wir ebenfalls rechtzeitig Lösungen haben werden. Wo bleibt unser Optimismus? Das wird wie beim Strom auch gelingen. Die Fernwärmeversorgung ist und bleibt auch als „grüne“ Wärme sicher.

Wie wollen Sie das erreichen?

Müller: Es gibt mehrere Optionen, die wir prüfen - unter anderem eine erweiterte Nutzung von Biomasse oder industrieller Abwärme, der Einsatz von Flusswärmepumpen oder der Geothermie.

Auf was wird es hinauslaufen?

Müller: Es wird nicht die eine große Lösung geben, sondern einen Mix von Maßnahmen. Die Details hängen von technischen Fragen und den regulatorischen Rahmenbedingungen ab; beide sind für die Wirtschaftlichkeit bestimmend.

Biomasse und Abwärme kennt man, aber können Wärmepumpen Tausende Bürger versorgen?

Müller: Es geht um Anlagen in einem industriellen Maßstab. Sie nutzen natürliche Temperaturdifferenzen, beispielsweise von Wasser. Wir wollen das in den nächsten Jahren im Rahmen eines vom Bundeswirtschaftsministerium ausgelobten Reallabors untersuchen.

Beim Stichwort Geothermie, also der Nutzung der Erdwärme, werden viele nach den Erfahrungen in Landau, wo es zu Erdbeben gekommen ist, zunächst mal zucken.

Müller: Es ist eine Option, die wir prüfen. Ein vielleicht angeschlagenes Image einer Technik darf doch nicht dazu führen, dass man noch nicht einmal ihr Potenzial ernsthaft prüft. Wenn wir vor allen neuen Technologien a priori zurückschrecken, werden wir unsere Klimaschutzziele nie erreichen.

Geothermie ist aber auch aufwendig und teuer. Sind die Voraussetzungen hier überhaupt gegeben?

Müller: Genau das wollen wir ja untersuchen. Grundsätzlich ist der Oberrheingraben ein geeignetes Gebiet dafür. Darum bewerben wir uns um eine Aufsuchungserlaubnis im Großraum südlich von Mannheim.

Spielt der Standort GKM in Ihren Überlegungen noch eine Rolle?

Müller: Ja, aber nicht die einzige. Erneuerbare Energien sind kleinteiliger als konventionelle. Sie sind dezentraler und müssen dort realisiert werden, wo die Bedingungen am besten sind. Das GKM mit seinen qualifizierten Mitarbeitern hat bleibende Verdienste. Und der Standort mit seiner hervorragenden Infrastruktur, seiner Lage am Rhein und der Anbindung an das Strom- und Wärmenetz kann auch in einer Zukunft ohne Kohle eine Rolle spielen - etwa für Biomasse, Gas oder Flusswärmepumpen.

Wie wird sich die Wärmewende auf die Verbraucher auswirken?

Müller: Die Energiewende ist sicher nicht zum Nulltarif zu haben. Aber ohne sie werden die Kosten für die Gesellschaft und den Einzelnen noch höher. Eine Glaskugel habe auch ich nicht, aber „grüne“ Wärme aus einem Verbundnetz wird günstiger bleiben als eine Umrüstung vieler einzelner Heizungsanlagen.

Sie kooperieren bei der Wärmewende mit den Stadtwerken Heidelberg und den Technischen Werken Ludwigshafen. Könnte daraus mehr entstehen?

Müller: Wenn es der Wärmeversorgung und allen Unternehmen nützt, wollen wir Möglichkeiten der regionalen Zusammenarbeit ausbauen.

Redaktion Reporter im Bereich "Welt"