Industrieservice - 110 Stellen sollen gestrichen werden / Gewerkschaft spricht von „Verschlankung ohne Sinn und Verstand“ Bilfinger-Kahlschlag in der Zentrale – Aktie stürzt ab

Von 
Bettina Eschbacher
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Die Zentrale des Industriedienstleisters Bilfinger. © Rinderspacher

Mannheim. Es sollte ein Aufbruch sein, der Startschuss für bessere Zeiten, als im vergangenen Jahr 220 Bilfinger-Mitarbeiter in die schicke neue Zentrale im Stadtteil Almenhof einzogen. Ein Zeichen für den Kulturwandel sollte das neu gebaute Gebäude sein, für das Ende der langen Krise, die den Mannheimer Industrie-Dienstleister ins Wanken gebracht hatte. Die enthusiastischen Worte zur Eröffnung dürften den meisten Beschäftigten inzwischen wie ein Hohn vorkommen: Am Mittwoch gab Bilfinger bekannt, dass fast die Hälfte der Belegschaft in der Zentrale abgebaut wird.

Chronik

  • Juli 2011: Der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch hat den ersten Tag als Vorstandsvorsitzender. Er will den Kurs seines Vorgängers Herbert Bodner fortsetzen: den Bau zurückfahren, das Servicegeschäft – das höhere Margen verspricht und als weniger konjunkturanfällig gilt – stärken. Das Unternehmen hat zu diesem Zeitpunkt weltweit rund 58 000 Mitarbeiter.
  • Mai 2012: Ab sofort nennt sich der Service- und Baukonzern Bilfinger Berger nur noch knapp Bilfinger. Auch das Logo wird erneuert.
  • September 2013: Roland Koch trimmt das Unternehmen auf Effizienz, gleichzeitig treibt er den Umbau mit hohem Tempo voran.
  • Dezember 2013: Nach einem Fall von Bestechung in Nigeria 2003 muss Bilfinger rigorose Kontrollen einführen und mit dem Anwalt Mark Livschitz einen externen Aufpasser engagieren, der die Verbesserung des Compliance-Systems für mindestens 18 Monate überwacht.
  • Mai 2014: Der Konzern kappt die eigenen Wurzeln – die Ingenieurbausparte soll verkauft werden.
  • August 2014: Die zweite Gewinnwarnung in Folge wird Roland Koch (Bild) zum Verhängnis. Er tritt zurück. Als Interimschef springt Vorgänger Herbert Bodner ein.
  • Oktober 2014: Aufsichtsratsvorsitzender Bernhard Walter kündigt seinen vorzeitigen Abschied an. Der frühere Daimler-Manager Eckhard Cordes übernimmt.
  • Mai 2015: Wegen anhaltend schwacher Geschäfte bläst Bilfinger einen geplanten Neubau der Zentrale im Glückstein-Quartier ab.
  • Januar 2016: Eigentlich sollte Bilfinger schon aus der Überwachung des US-Justizministeriums entlassen sein. Der Konzern muss aber in die Verlängerung.
  • Mai 2016: Der neue Chef Tom Blades soll Bilfinger aus der Krise und den roten Zahlen führen.
  • Juni 2016: Bilfinger wird zerschlagen. Der Konzern verkauft die Sparte Hochbau und Immobilienservice. Vom traditionsreichen Baugeschäft ist fast nichts mehr übrig.
  • Februar 2018: Der Aufsichtsrat entscheidet, gegen zwölf Ex-Vorstandsmitglieder Schadenersatzansprüche wegen Pflichtverletzungen bei Korruptionsfällen geltend zu machen.
  • Oktober 2018: Bilfinger feiert die Eröffnung der neuen Zentrale. 220 Mitarbeiter sind von der Oststadt in ein neues Bürogebäude im Stadtteil Almenhof gezogen – zur Miete.
  • Dezember 2018: Die US-Justizbehörde beendet die Überwachung in der Korruptionsaffäre.
  • November 2019: In der Zentrale ist ein massiver Stellenabbau geplant. Weltweit hat Bilfinger aktuell rund 35 000 Mitarbeiter und verglichen mit 2011 etwa 23 000 Beschäftigte weniger. (jung)
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Insgesamt zählen 280 Beschäftigte dazu, ein kleiner Teil davon arbeitet an anderen Standorten. Von diesen 280 müssen rund 110 Mitarbeiter gehen. Insgesamt werden bundesweit 200 Stellen in der Verwaltung gestrichen, eine Führungsebene in einer Konzernsparte soll wegfallen.

Gedrückte Stimmung

Über einen Sozialplan wird bereits verhandelt, er soll Ende November stehen. Das erklärte Vorstandschef Tom Blades bei der Telefonkonferenz zu den Zahlen für das dritte Quartal. „Harte Entlassungen sind nicht vorgesehen“, so Blades. In einem – gesetzlich vorgeschriebenen – Sozialplan geht es unter anderem darum, welche Abfindung die betroffenen Mitarbeiter bekommen.

Entsprechend gedrückt war am Mittwoch die Stimmung vor der Bilfinger-Zentrale. Zur Mittagspause suchten einige Mitarbeiter fast schon fluchtartig das Weite, andere liefen schweigend weiter, als sie auf die aktuelle Situation angesprochen wurden. Viele dürften sich fragen, warum sie ausgerechnet jetzt der Kahlschlag trifft. Schließlich hat Bilfinger schon einen massiven Jobabbau hinter sich, um sich gesundzuschrumpfen. In der Konzernzentrale arbeiteten 2015 noch 350 Menschen – auch weil nach dem Verkauf der Bausparten entsprechend weniger Personal in den Steuer-Einheiten benötigt wurde.

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Inzwischen schreibt der Konzern wieder passable Zahlen, der Vorstandschef spricht von einer erfolgreichen Stabilisierung. In den kommenden Wochen werden einige Großaufträge erwartet, darunter millionenschwere Projekte für den Neubau des englischen Kraftwerks Hinkley. Aber Tom Blades muss auch Abstriche bei seinen ehrgeizigen Zielen machen: Das Margenziel wird Bilfinger nicht vor Ende 2020 erreichen – damit fast ein Jahr später als ursprünglich geplant. Fünf Prozent soll der Anteil des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) am Umsatz des Unternehmens betragen, derzeit sind es 3,1 Prozent.

Das Ziel hatte Blades 2016 als Teil seiner Strategie zur Rettung von Bilfinger verkündet. Damit sollte auch das verlorengegangene Vertrauen der Investoren zurückgewonnen werden. Am Mittwoch verlor die Bilfinger-Aktie bis Börsenschluss um 7,32 Prozent. Möglicherweise waren die Aktionäre enttäuscht darüber, dass Bilfinger seine Margenziele nach hinten verschiebt.

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30 Millionen Euro Einsparungen will Bilfinger schon im nächsten Jahr durch den Personalabbau erreichen. Diese sollen Blades zufolge dazu beitragen, profitabler zu werden und die Margen zu verbessern. Die Verschlankung der Verwaltung entspreche der Größe des Konzerns, sagte der Vorstandsvorsitzende. „Bilfinger ist im Vergleich zur Konkurrenz eher luxuriös ausgestattet“, erklärte er. Bisher habe man die Mitarbeiter gebraucht, um die massive Umstrukturierung des Konzerns zu managen.

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Auch die Einführung eines funktionierenden Compliance-Systems, mit strengeren Regeln für eine gute Unternehmensführung, habe viel Personalaufwand mit sich gebracht. „Heute, mit der zunehmenden Reife des Unternehmens“, könne die Größe der Verwaltung angepasst werden. Im Gegenzug bekämen die operativen, kundennahen Einheiten mehr Verantwortung und Befugnisse, um das Geschäft voranzubringen.

Bedauern bei Gewerkschaften

Der Bilfinger-Betriebsrat äußerte sich am Mittwoch nicht zu dem Personalabbau. Der Regionalleiter der IG Bau für Baden-Württemberg, Andreas Harnack, erklärte, nach Darstellung des Betriebsrates sei die Verschlankung der Verwaltungsstrukturen „ein Stück weit nachvollziehbar“. Sorge bereitet ihm aber, dass Mannheim in den vergangenen Jahren verstärkt von massiven Stellenstreichungen auch bei anderen großen Unternehmen betroffen sei. Der Mannheimer IG-Metall-Chef Klaus Stein sprach dagegen von „Verschlanken ohne Sinn und Verstand“. Statt einer unternehmerischen Strategie herrsche nur „das Diktat der Zahlen“. Er bedauere, was aufgrund von Management-Versagen aus dem früher so erfolgreichen Unternehmen geworden sei.

Um die Verwaltungskosten zu senken, wird auch der Vorstand von vier auf drei Mitglieder verkleinert. Arbeitsdirektor Michael Bernhardt verlässt Bilfinger zum Jahresende. Der Personalvorstand unterstützte die Stellenstreichungen, sagte Blades. Er führe auch die Verhandlungen zum Sozialplan. (mit see)

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Redaktion Bettina Eschbacher ist die Koordinatorin Wirtschaft und Wirtschaftsredakteurin.