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Schöne, neue Formel-1-Welt

Von 
Andreas Reiners
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mid Groß-Gerau - Formel-1-Stars zum Anfassen: Lewis Hamilton in Miami. © Daimler

Am Ende hauten die Veranstalter noch einmal einen raus. Motorrad-Cops eskortierten Max Verstappen zur Siegerehrung, die Sirenen kreischten in den Gängen des Hard Rock Stadiums, schneller als im Schritttempo ging es dadurch allerdings auch nicht. Endlich auf dem Podium angekommen, musste der siegreiche Niederländer wie auch der Zweite Charles Leclerc und der Dritte Carlos Sainz dann noch einen Football-Helm aufziehen. Der Kampf der noch völlig verschwitzten Fahrer mit den Luftschlagen war letztendlich ähnlich hart wie das fünfte Saisonrennen zuvor.

Die leicht bizarre Szenerie sorgte für die Abschlussnote einer Formel-1-Komposition, die beim Debüt in Miami eine ungewöhnliche Mischung war aus spektakulärer Show, anspruchsvollem Ambiente, übertriebenem US-Hype und verhaltener Unterhaltung auf der Strecke. Größer, lauter, anders - die Veranstalter des Grand Prix und die Macher der Formel 1 haben alle Register gezogen, um zu zeigen, wie die Königsklasse des Motorsports in Zukunft aussehen soll.

"Es war eine unglaubliche Atmosphäre und unglaublich gut organisiert. Es ist nicht einfach, eine solche Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Sie haben einen tollen Job gemacht, und ich hatte eine Menge Spaß beim Fahren", sagte Verstappen. "Die Atmosphäre war unglaublich", sagte Leclerc, der die WM-Wertung weiter mit 19 Punkten Vorsprung auf Verstappen anführt. "Und es ist toll zu sehen, wie viel Interesse der Sport in den letzten Jahren bekommen hat. Die Organisation war großartig. Jede Menge Leute, gutes Wetter." Beide werden mit ihrem Fazit vielen Fans aus der Seele gesprochen haben. Den Machern sowieso.

Denn die neue Generation Formel-1-Fans, angezogen von der Netflix-Doku "Drive to Survive", war verzückt angesichts der Bilder und der Promi-Dichte. Das Internet jubilierte, nachdem Lewis Hamilton mit den Legenden Michael Jordan (Basketball), David Beckham (Fußball) und Tom Brady (Football) posierte und die Generation Twitter scherzte, dass George Lucas zur dunklen Seite der Macht gewechselt sei, nachdem der "Star-Wars"-Erfinder in der Mercedes-Garage entdeckt wurde. Wie Ex-First-Lady Michelle Obama übrigens auch.

SkySports-Reporter Martin Brundle war in der Startaufstellung zum Rennen so beeindruckt und erschlagen von dem Star-Auflauf, dass er den Basketball-Nachwuchsstar Paolo Banchero in einem Interview für den sieben Jahre älteren Quarterback-Superstar Patrick Mahomes hielt.

Das ist lustig, das ist eine nette Unterhaltung vor einer Kulisse, die ebenso beeindruckend wie bizarr war wie die Show selbst, mit einem Strand, Pools und einem Fake-Hafen mit aufgemaltem Wasser, der aber innerhalb kürzester Zeit von komisch zu Kult mutierte. Den Fans vor Ort war es egal, sie zahlten auch sündhaft teure Preise, um bei der Feier dabei zu sein.

Jeweils 80.000 Zuschauer pro Tag sorgten für ein ausverkauftes Haus und eine entsprechende Stimmung. Auch wenn man manchmal das Gefühl hatte, dass das Rennen nur ein schmuckes Beiwerk der ganzen Veranstaltung war, bei der sich die Formel 1 ausgiebig selbst inszenierte und feierte. Doch wer US-Entertainment bucht, der bekommt es auch. Denn das große Geld gibt es eben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das die Formel 1 mit Events wie in Miami erobern will.

Leider konnte das Rennen mit dem Hype nicht mithalten, denn die 57 Runden waren eine eher zähe Angelegenheit, was auch an der Strecke lag. "Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Da war sehr viel künstliche Show dabei, die okay und lustig ist. Aber die Rennstrecke war ganz klar unterhalb von F1-Standard", sagte der frühere Formel-1-Fahrer Christian Danner bei RTL. Diese sei "vom Asphalt bis zur Streckenführung" nicht gut gewesen, sagte er. Auch die Fahrer forderten nach dem Rennwochenende lautstark Verbesserungen, was aber nicht das Problem sein sollte, denn angesichts eines Zehnjahres-Vertrags haben die Organisatoren Zeit genug, um die Wünsche umzusetzen. Damit die Show auf der Strecke dann auch zu dem Tamtam drumherum passt.

"Ehrlich gesagt war ich noch nie bei einem Rennen, das eine solche Begeisterung an einem Ort und ein solches Interesse hervorgerufen hat wie Miami", sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff. "Man kann das Fahrerlager nicht durchqueren, weil es so viele Leute gibt. Das ist gut. Ich denke, wir sollten froh sein, dass wir so eine starke Unterstützung haben", so Wolff.

Die Party passte also - wie auch das Timing, vor dem Rennen die Verlängerung der Netflix-Doku um zwei weitere Staffeln zu verkünden. Ein weiterer Fingerzeig, dass die Formel 1 genauso weitermachen möchte: PS-Prunk und Glitzer-GP statt Traditions-Rennstrecken. Selbst Gastgeber wie Spa und Monaco müssen um ihren Platz im Kalender fürchten, wenn die Königsklasse auf ihrem Expansionskurs ohne große Rücksicht auf Verluste agiert - und damit eine ganz andere Generation an Fans vor den Kopf stößt. "The Show must go on": 2023 fährt die Formel 1 nicht nur in Miami, sondern auch in Las Vegas. Die nächste Möglichkeit, um einen rauszuhauen.

Andreas Reiners / mid

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