Justiz - Ausgerechnet Deutschlands Weigerung, den Grabfrieden für das 1994 versunkene Schiffswrack anzuerkennen, hilft zwei angeklagten Dokumentarfilmern vor Gericht Zwei Schweden im „Estonia“-Prozess freigesprochen

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Steffen Trumpf
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Der vordere Teil der Passagierfähre „Estonia“ wurde am 18. November 1994 aus dem Meer gehoben. Estland will die Umstände des Untergangs neu untersuchen. © dpa

Göteborg. Ihre aufsehenerregenden Funde an der untergegangenen Ostsee-Fähre „Estonia“ haben die Dokumentarfilmer selbst überrascht. „Oh, verdammt. Oh, verdammt! Das ist ja komplett eingedrückt da“, sagt der Dokumentarfilmer Henrik Evertsson fassungslos, als ihm ein Tauchroboter den Blick auf ein großes Loch im Rumpf des Schiffswracks ermöglicht. Die Entdeckung seines Filmteams, die es später in einer Dokumentation enthüllt, liefert möglicherweise neue Erkenntnisse zu nichts Geringerem als dem schlimmsten Schiffsunglück der europäischen Nachkriegszeit. Das Problem: Laut Gesetz ist die Aktion verboten – nach schwedischem zumindest. Trotzdem sind Evertsson und der Wrack-Experte Linus Andersson nun von einem schwedischen Gericht in einem Fall freigesprochen worden, in dem ihnen der Verstoß gegen den über der «Estonia» verhängten Grabfrieden vorgeworfen worden ist.

Tauchroboter im Einsatz

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Mit dem Einsatz eines Tauchroboters und dem Filmen des Wracks hätten die beiden zwar Handlungen ausgeführt, die nach dem sogenannten Estonia-Gesetz strafbar seien, teilte das Bezirksgericht von Göteborg am Montag mit. Die Angeklagten könnten aber nicht nach dem schwedischen Gesetz verurteilt werden, weil sie dies von einem unter deutscher Flagge fahrenden Schiff aus in internationalen Gewässern getan hätten.

Der „Estonia“-Untergang gilt als größte Schiffskatastrophe der europäischen Nachkriegsgeschichte. Die Fähre war in der Nacht zum 28. September 1994 mit 989 Menschen an Bord auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm in internationalen Gewässern vor der finnischen Südküste gesunken. 852 Menschen starben, nur 137 überlebten. Als Ursache für den Untergang wurde im offiziellen Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1997 das abgerissene Bugvisier der Fähre benannt. Überlebende und Hinterbliebene fordern jedoch seit langem, dass die Untersuchungen wieder aufgenommen werden.

Weil der Großteil der Toten damals nicht geborgen werden konnte, steht das Wrack als Ruhestätte unter Schutz und darf nicht aufgesucht werden. Einer Vereinbarung über den sogenannten Grabfrieden waren damals alle Ostsee-Anrainer beigetreten – bis auf Deutschland. Nach Einschätzung der Richter lässt sich das Vorgehen deshalb nicht nach dem schwedischen Estonia-Gesetz bestrafen. Das deutsche Schiff werde als deutsches Territorium betrachtet, stellte das Gericht in seinem Urteil fest. dpa