Gedenken - Vor einem Jahr fuhr ein Mann beim Rosenmontagszug in der nordhessischen Ortschaft in eine Menschenmenge Volkmarsen erinnert an Auto-Attacke

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dpa
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Einsatzkräfte nehmen am 24. Februar 2020 in Volkmarsen Spuren auf. Ein Auto war in einen Rosenmontagsumzug gefahren. Es gab mehr als 70 Verletzte. © dpa

Volkmarsen. Die schrecklichen Bilder sind noch da, ebenso die Fragen nach dem Warum: Ein Jahr nach der Attacke mit einem Auto auf den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen mit Dutzenden Verletzten bereitet sich die nordhessische Stadt auf den Jahrestag der Ereignisse vor. „Wir sind immer noch fassungslos. Man kann das einfach noch immer nicht glauben, was da am 24.2. letzten Jahres passiert ist“, sagt Christian Diste, der Vorsitzende der Volkmarser Karnevalsgesellschaft. „Und man kann sich vor allem nicht vorstellen, dass das in so einem kleinen Ort wie bei uns passiert, wo eigentlich alle nur friedlich und fröhlich ihren Karneval feiern wollten.“

Volker Bouffier erwartet

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Am Mittwoch soll in der Kleinstadt mit einem ökumenischen Gottesdienst an die Gewalttat erinnert werden. Dazu wird unter anderem Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erwartet, der vor kurzem gesagt hatte: „Die Wunden der zahlreichen Opfer sind noch lange nicht verheilt. Viele von ihnen sind nicht nur körperlich, sondern auch seelisch schwer verletzt und traumatisiert worden.“

Der 24. Februar 2020 hatte ein rundum fröhlicher Tag mit buntem karnevalistischen Treiben in Volkmarsen werden sollen. Doch plötzlich fährt ein Auto in die Zuschauermenge. Der damals 29 Jahre alte Fahrer soll das absichtlich getan haben, wie die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt annimmt. Der Mann sei bewusst und ungebremst mit Tempo 50 bis 60 ins Gedränge gefahren. 90 Menschen, darunter viele Kinder, erlitten teils schwere Verletzungen. Zahlreiche weitere wurden den Ermittlern zufolge durch das Geschehen beeinträchtigt oder traumatisiert. Insgesamt gibt es mehr als 150 Betroffene.

Die Gewalttat wühlte ganz Hessen aus. Für zusätzliche Fassungslosigkeit sorgte, dass die Attacke fünf Tage nach dem rassistisch motivierten Anschlag von Hanau mit neun Toten geschah. „Traditionell ist Volkmarsen am Rosenmontag im Ausnahmezustand, aber im positiven Sinn. Das war letztes Jahr anders“, berichtet Gunther Böttrich, dessen „Burg Apotheke“ direkt am Tatort liegt. „Wir haben hier furchtbare Dinge gesehen. Das sind Bilder, die man nicht vergisst.“ Die Apotheke wurde an dem Tag zu einem Ort, wo Notärzte und Rettungssanitäter Verletzte behandelten und Eltern um ihre Kinder bangten.

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Nach dem Vorfall kam die Stadt bei einem Gottesdienst zusammen. Kurz darauf war wegen der Corona-Pandemie Abstandhalten das Gebot der Stunde, was die Bewältigung der Ereignisse bis heute behindert und erschwert. Gerade für die Kinder sei es schwierig, meint Böttrich. „Es hätte uns allen gutgetan, wenn wir die Aufarbeitung gemeinsam hätten fortsetzen können.“

Für Volkmarsen bleibt die Frage nach dem Motiv, denn der mutmaßliche Täter schweigt. Die Generalstaatsanwaltschaft hat den Deutschen mittlerweile angeklagt wegen versuchten Mordes in 91 Fällen und gefährlicher Körperverletzung in 90. Einen Termin für den Prozess gibt es noch nicht: Das Landgericht Kassel muss noch über die Zulassung der Anklage und die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheiden. dpa