Untersuchung nach Tod von Mias Mörder geht weiter - Fall im Ausschuss

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dpa
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Frankenthal/Mainz. In den Wochen vor dem Selbstmord des verurteilten Mörders der 15-jährigen Mia hat es nach Angaben des rheinland-pfälzischen Justizministers Herbert Mertin keine Anzeichen für eine Suizid-Absicht gegeben. Nichtsdestotrotz kam es während der Haftzeit des Afghanen zu mehreren Vorfällen, wie der FDP-Politiker am Donnerstag im Rechtsausschuss des Landtages in Mainz berichtete. Abdul D. war am vergangenen Donnerstag tot in seiner Zelle in der Jugendstrafanstalt Schifferstadt gefunden worden.

Nach dem Mord an Mia im Dezember 2017 erinnerten am Tatort in Kandel Blumen und Kerzen an die 15-Jährige. © dpa
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Abdul D. hatte Ende 2017 in einem Drogeriemarkt im pfälzischen Kandel die 15-jährige Mia wohl aus Eifersucht getötet. Dafür war er im August 2018 vom Landgericht Landau zu achteinhalb Jahren Haft nach Jugendstrafrecht verurteilt worden. Am vergangenen Donnerstag wurde Abdul D. tot in seiner Zelle gefunden. Die Obduktion ergab, dass er sich erhängte. Mertin zufolge rollte der Mann ein T-Shirt zusammen und umwickelte es mit Schnürsenkeln. Diese Konstruktion habe er dann mit weiteren Schnürsenkeln an einer Fernseh-Halterung befestigt.

Beim sogenannten Nachtverschluss vor dem Selbstmord seien bei ihm keinerlei Besonderheiten beobachtet worden, betonte Mertin. Der Cousin des Mannes habe nach der Tat berichtet, bei seinem letzten Besuch im September ebenfalls nichts Besonderes bemerkt zu haben.

Wenige Tage vor dem Selbstmord war es dem Minister zufolge zu einem körperlichen Übergriff eines Mitgefangenen gekommen. Abdul D. habe sich gewehrt und ein Glas auf dessen Hinterkopf geschlagen. Es sei entschieden worden, dass die Tür seiner Einzelzelle zur Wohngruppe auch tagsüber geschlossen blieb. Deutlich vorher, in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 2018, betätigte Mertin zufolge ein Mitgefangener den Notruf und meldete, Abdul D. wolle sich umbringen. Der Afghane hatte sich laut Mertin mit einer Rasierklinge Schnittverletzungen an der Brust zugefügt, eine weitere fügte er sich noch während des anschließenden Gesprächs mit einem JVA-Bediensteten zu.

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Der Gefangene sei in einer Klinik behandelt worden, währenddessen sei in seiner Einzelzelle an der Toilettentür eine Schlinge aus Kleidungsstücken entdeckt worden. Daraufhin sei er zeitweise in einen besonders gesicherten Haftraum gekommen mit permanent laufender Videokamera. Solche Maßnahmen zum Schutz der Inhaftierten dürften laut Gesetz in der Regel nur für 72 Stunden angewandt werden, dann müsse stets neu geschaut werden. Das sei wichtig, denn es handele sich um einen besonders schweren Grundrechtseingriff.

Mertin erzählte weiter, in der Anstalt sei - wie im Jugendstrafvollzug vorgesehen - versucht worden, sozialtherapeutisch auf Abdul D. einzuwirken. Dieser habe aber nicht mitwirken wollen. Vielmehr habe er handschriftlich beim Vollstreckungsleiter beim Amtsbericht Speyer beantragt, in den Erwachsenen-Strafvollzug versetzt zu werden. Das sei in Rücksprache mit der Schifferstädter Anstalt abgelehnt worden.

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Den Ausführungen Mertins zufolge kümmerte sich im Gefängnis ein Landsmann um Abdul D.. Viele Freunde habe der in der Haft nicht gehabt. Er sei nach bisherigen Erkenntnissen aber auch nicht so gewesen, dass er dort ständig drangsaliert worden sei.

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Ungeachtet dessen läuft das Todesermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Frankenthal weiter. "Unsere Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Wir haben weiterhin keine konkreten Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Hubert Ströber der Deutschen Presse-Agentur. Es werde unter anderem ein toxikologisches Gutachten erstellt.

Ob der Leichnam nach Afghanistan übergeführt werde, wisse er nicht, sagte Ströber. Die Staatsanwaltschaft gebe lediglich nach Abschluss aller Untersuchungen die Leiche frei. Es soll sich ein Onkel von D. wegen einer möglichen Beisetzung in Deutschland gemeldet haben. Dem Oberstaatsanwalt und auch Mertin zufolge wurde kein Abschiedsbrief gefunden. Die JVA-Bedienstete, die Abdul D. tot in der Zelle fand, ist Minister Mertin zufolge derzeit noch krankgeschrieben. Sie habe noch nicht vernommen werden können und werde psychologisch betreut.

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