Gesundheit - Schmerzkongress startet im Mannheimer Rosengarten Therapie mit mehr Einfühlungsvermögen

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
Lesedauer: 
Am Wochenende wird beim Schmerzkongress im Rosengarten über Behandlungsmöglichkeiten gesprochen. © Christin Klose

Mannheim. „MitGefühl“ prangt in ungewöhnlicher Schreibweise auf dem 190 Seiten starken Programmkatalog des Schmerzkongresses, zu dem im Mannheimer Rosengarten bis Samstag um die 2300 Mediziner, Psychologen, Pflegekräfte und Physiotherapeuten erwartet werden. Schließlich ist beim erfolgreichen Bekämpfen von Pein das Miteinander mehrerer Berufsgruppen erforderlich. Und alle sollen mehr als bisher ein Gespür dafür entwickeln, wie sich fachliche Kompetenz und Einfühlungsvermögen verknüpfen lassen – bei Therapiekonzepten wie beim Verhältnis zum Patienten.

Patientenseminar

  • Der Deutsche Schmerzkongress bietet am Samstag, 12. Oktober , von 11 bis 14 Uhr im Dorint Hotel (neben dem Rosengarten) parallel zum wissenschaftlichen Programm ein öffentliches Patientenseminar. Eintritt frei.
  • Im Raum „Beethoven“ sprechen zunächst die Kongresspräsidenten. Ab 12.15 Uhr starten die Vorträge über Therapie bei chronischen Schmerzen und Selbsthilfestrategien aus Patientensicht. Anschließend eine „interaktive Diskussion“. wam
AdUnit urban-intext1

Von einer „revolutionären Entdeckung“ sprechen die Kongresspräsidenten Christian Maihöfner und Til Sprenger: Gemeint sind sogenannte Spiegelneuronen – Nervenzellen, die nicht nur bei eigenen Empfindungen reagieren und simulieren. Dieses Phänomen wird bereits mit geschickt platzierten Spiegeln als eine Art Imagination eingesetzt: Beispielsweise beobachtet ein beinamputierter Patient, der unter Phantomschmerzen leidet, bei Bewegungsübungen die unversehrte und damit bestens funktionierende Körperseite – was sich im Hirn einprägt und therapeutisch nutzen lässt.

Nervenschmerzen gehören beim Kongress zu den Schwerpunktthemen: Sie bleiben nämlich „häufig unerkannt“ oder werden „schlecht therapiert“, wie die Präsidentin der Deutschen Schmerzgesellschaft, Claudia Sommer, aus jahrelanger Erfahrung weiß. Deshalb soll die neue Leitlinie „Neuropathischer Schmerz“ dem Hausarzt erleichtern, sich über aktuelle Diagnosemethoden und die Effektivität therapeutischer Möglichkeiten zu informieren.

Initiative will aufklären

Vor vier Jahrzehnten ist die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft gegründet worden. In ihrem Jubiläumsjahr will sie eine bundesweite Initiative starten und mit dem Namen „Attacke!“ aufrütteln. „Alle Kopfschmerzen lassen sich heute viel besser behandeln als noch vor zehn Jahren“, kommentiert Präsidentin Stefanie Förderreuther. Sie beklagt jedoch, dass Erkenntnisse aus der Forschung noch zu wenig umgesetzt werden – insbesondere im Bereich vorbeugender Migräne-Behandlung. Viele Kopfschmerzpatienten, so Förderreuther, versorgen sich selbst in der Apotheke mit Akutmedikamenten, beispielsweise Triptanen, um im Alltag zu funktionieren und „schlittern dadurch leicht in einen Schmerzmittelübergebrauch hinein.“ Und dieser trage dazu bei, dass sich Kopfweh chronisch entwickelt. Die Aktion „Attacke“ will vor allem Aufklärung leisten. Die Zielgruppe ist riesig: Allein unter Migräne, so Expertenschätzungen, leiden in Deutschland acht bis zehn Millionen Frauen und Männer.

AdUnit urban-intext2

Der Ärztliche Direktor der Migräne und Kopfschmerzklinik Königstein, Charly Gaul, verweist auf Studien, nach deren Ergebnis die sogenannten monoklonalen Antikörper bei etwa jedem zweiten Betroffenen die Häufigkeit der Pein-Attacken halbiert haben.

Während neue Wirkstoffe stets mit Fragezeichen bezüglich der Langzeitwirkung versehen sind, gilt Bewegung kombiniert mit Training von Kraft und Ausdauer als allseits anerkannte Schmerzvorbeugung. Gleichwohl haben viele Patienten Angst vor Überbelastung. „Ein bisschen Schmerz darf sein“, ermutigt Psychologe Paul Nilges, seine persönliche Balance zwischen Belastung und Belastbarkeit auszuprobieren. Allerdings warnt er davor, mit Schmerzmitteln Sport zu treiben oder solche vorsorglich einzunehmen. „Das geht gar nicht!“

Freie Autorin