Tourismus - Für die einen sind die gigantischen Kreuzfahrtschiffe Umweltkiller, für die anderen ein wirtschaftlicher Segen Ozeanriesen entzweien Venedig

Von 
Bettina Gabbe
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Ein Kreuzfahrtschiff navigiert im Canale della Giudecca in Venedig (Italien). © dpa

Venedig. Im Garten der Pension Ponte Chiodo unweit des Canal Grande geht nur die Katze der Nachbarin ein und aus. Die Zimmer der ehemaligen Gondelbauerwerkstatt sind seit Monaten verwaist. „Viele Geschäfte in der Nachbarschaft haben dichtgemacht“, sagt Mattia Baseggio.

Warnung vor großen Schäden

Vor einiger Zeit hatten die Vereinten Nationen vor den Folgen des Massentourismus im Mittelmeer gewarnt. Er führe zu „erheblichen Umweltschäden“, warnte ein Bericht des UN-Umweltprogramms (Unep).

Zudem sei das Mittelmeer stärker vom Klimawandel betroffen als der globale Durchschnitt – mit verheerenden Folgen.

Sollte nicht entschieden gehandelt werden, „wird die Umweltzerstörung ernste und bleibende Konsequenzen für Leben und Lebensgrundlagen in der Region haben“, hieß es.

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Nach der vorübergehenden Rückkehr der Touristen im Sommer liegen die Gassen abseits des Markusplatzes seit dem Beginn der zweiten Corona-Welle verlassen da. Nachdem Venezianer im Frühjahr einen Neuanfang ohne Massentourismus forderten, sehnen sich jetzt viele nach den Kreuzfahrtschiffen zurück. Dabei gelten die schwimmenden Bettenburgen als Bedrohung für die Lagune und die Pfahlbauten, auf denen die prächtigen Palazzi seit Jahrhunderten im Wasser stehen.

Hafen stark verschmutzt

„Wir warten seit einem Jahr auf Kreuzfahrtschiffe“, sagt Davide Cigogna mit dem so typischen – trotz aller Besorgnis – fröhlich klingenden Singsang der Venezianer in der Stimme. „Hoffentlich kommen sie im April zurück.“ Der Familienvater arbeitet als Gepäckträger im Hafen der Lagunenstadt. Doch seit die „Costa Concordia“ in einer eisigen Winternacht vor neun Jahren einen Felsen rammte und wenig später vor der Insel Giglio auf Grund lief – und vor allem, seitdem die Debatte über die Riesen als Klimakiller entzündet ist – weht Kreuzfahrtschiffen in Venedig der Wind ins Gesicht. Ein von der Regierung verhängtes Verbot für Ozeanriesen in der Lagunenstadt hielt der gerichtlichen Überprüfung nicht stand. Seither streiten Umweltschützer und Tourismusindustrie über einen Ausweg.

Als dann 2019 die „MSC Opera“ in Venedig ein Ausflugsschiff und einen Pier rammte, flammte die Diskussion über die Kreuzfahrtriesen erneut auf. Die mehrere Hundert Meter langen Schiffe machen Venedig laut Umweltorganisation Transport & Environment zu einem der am stärksten verschmutzten europäischen Häfen.

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Die Bürgerinitiative „No grandi navi“ („Nein zu großen Schiffen“) fordert, Kreuzfahrtriesen aus der Lagune zu verbannen. Sie verurteilt auch die vor Kurzem von Rom beschlossene Übergangslösung, die Schiffe im Industriehafen Marghera anlegen zu lassen. Denn auch Marghera liegt innerhalb der Lagune. Pläne für einen Offshore-Hafen außerhalb der Lagune stoßen auf den Widerstand von Anwohnern. Denn das 200 Millionen Euro teure Projekt würde das Strandleben der Venezianer am Lido stören. Hafenarbeiter Cigogna sieht dennoch keine andere Möglichkeit, die Bedürfnisse der Tourismusindustrie und der Umweltschützer zu befriedigen. Das mobile Dämmesystem Mose, das die Stadt seit Kurzem vor Hochwasser schützt, versperrt die Einfahrt in die Lagune. „Man kann die Schotten nicht innerhalb einer Stunde runterfahren“, sagt er.

Es sei eine ernste Lage: Nur wenn außerhalb der Lagune ein schwimmendes Terminal errichtet wird, sieht er eine Chance auf Arbeit für seinen Sohn. Denn wenn Kreuzfahrtschiffe über mehrere Tage nicht anlanden könnten, würden Reisende Anschlussflüge und Züge verpassen. Während vielen Venezianern der Anblick von Kreuzfahrtriesen am Ende enger Gassen Angst macht, übt die Industrie Druck auf die Regierung aus. In der Fincantieri-Werft von Monfalcone bei Triest lief erst im Oktober die „Enchanted Princess“ vom Stapel. Der Bau weiterer 44 Kreuzfahrtschiffe garantiert derzeit Tausende Arbeitsplätze auf Fincantieri-Werften.

Debatte um Ausweichplätze

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Aus Sorge um einen möglichen Stopp für Ozeanriesen werden die Schiffe der Royal Caribbean künftig Ravenna und nicht mehr Venedig anlaufen. Von dort aus sollen Touristen per Bahn und Bus ins 150 Kilometer weiter nördlich gelegene Venedig gelangen. „Venedig hofft auf eine Rückkehr der Kreuzfahrtschiffe, denn sie versorgen 5000 Familien mit Arbeit“, sagt Simone Venturini. „Aber sie dürfen nicht mehr am Markusplatz vorbeifahren“, warnt der Stadtrat für Tourismus. Seine Lösung wäre der Hafen von Marghera. Aber noch sei nichts entschieden.

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Mattia Baseggio wartet derweil weiter auf die Rückkehr der Touristen. „Der Canal Grande ohne Verkehr ist wunderschön, aber jetzt reicht es“, sagt der Besitzer der Pension Ponte Chiodo. Auch er hofft auf Marghera, denn der Bau eines Offshore-Hafens außerhalb der Lagune klinge wie ein teures Märchen.