Digitales - In Italien starb eine Zehnjährige nach einer „Blackout Challenge“ / Auch in Deutschland verletzen sich immer häufiger Kinder Mutproben im Internet – Große Gefahr für kurzen Ruhm

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Jonas Erlenkämper
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In sozialen Netzwerken kann es gerade für Kinder und Jugendliche teilweise unangenehm werden. Experten warnen vor Mutproben im Netz. © dpa

Berlin. Die Frau umwickelt ihr Gesicht mit transparentem Klebeband und lässt sich dabei filmen. Auch den Mund, auch die Nase, bis sie nicht mehr atmen kann. Mehrere solcher Videos hat die 48-jährige Italienerin, eine Influencerin mit Hunderttausenden Fans, laut Polizei produziert – mutmaßlich um mehr Follower zu bekommen. Für die Frau bedeuten diese Filmschnipsel mehr als einen bedenklichen Spaß, es geht ihr nicht nur um den Rausch, den Sauerstoffmangel im Gehirn kurzzeitig auslösen soll. Sondern um ihren digitalen Ruhm.

Marktführer aus Asien

Das Videoportal und soziale Netzwerk Tiktok wird vom chinesischen Unternehmen ByteDance betrieben.

Die Firma gilt wegen Bedenken zum Daten- und Jugendschutz sowie Spionage und Zensur der Regierung in Peking als umstritten.

Die App Tiktok ist seit August 2018 als Nachfolger von musical.ly auf dem Markt.

Seit dem gehört sie zu den sich am schnellsten verbreitenden mobilen Apps der Welt und wurde in Asien zu führenden Kurzvideo-Plattform.

Mit der Tiktok-App können Benutzer Musikclips ansehen sowie kurze Clips aufnehmen und bearbeiten, unter anderem durch das Hinzufügen von Spezialeffekten und Filtern.

Auf Tiktok gibt es nur wenige Unternehmenskanäle, so dass die Nutzer das Gefühl haben, unter sich zu bleiben. red

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Die Filmchen hatten das Potenzial, junge Fans dazu zu verleiten, sich ebenfalls die Luft abzubinden. So sieht es die italienische Polizei und hat Ermittlungen aufgenommen – wegen Anstiftung zum Suizid. Challenges heißen solche Mutproben in den Netzwerken. Wer weiß, wie er danach suchen muss, findet auf Kurzvideo-Portalen wie Tiktok jede Menge davon. Die Carabinieri stufen solche Videos als „äußerst gefährlich“ für Minderjährige ein und haben den Account gesperrt.

Die Konsequenzen dieser Mutproben sind mitunter tödlich. In der sizilianischen Stadt Palermo herrscht noch immer Bestürzung, nachdem sich die zehnjährige Antonella im Januar so lange stranguliert hatte, bis sie bewusstlos wurde und starb. Das Mädchen hatte vermutlich an einer „Blackout Challenge“ teilgenommen – deshalb geriet nun die 48-jährige Italienerin in den Fokus der Ermittler. „Antonellas Tod ist für uns alle eine Warnung und ein Aufruf“, mahnte Erzbischof Corrado Lorefice vor wenigen Tagen bei der Trauerfeier.

Alterskontrollen bei Tiktok

Tiktok hat auf Druck der Behörden in Italien neue Alterskontrollen und den Rauswurf von Nutzern unter 13 Jahren zugesagt. Die Datenschutzbehörde Garante in Rom hatte dem Netzwerk nach dem Tod von Antonella ein Ultimatum gestellt. Das Soziale Netzwerk aus China werde ab 9. Februar den Zugang für alle Nutzer in Italien blockieren und ihn erst nach Eingabe der Geburtsdaten wieder freigeben, erläuterte die Behörde. Wer unter 13 Jahre sei, dessen Nutzerkonto werde gesperrt. Diese Altersgrenze gilt in den Unternehmensregeln eigentlich schon länger. Die Verantwortlichen hätten zugesagt, das Alter der aktiven Tiktok-Fans in Zukunft verstärkt mit künstlicher Intelligenz zu kontrollieren.

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Doch Antonella ist längst nicht das erste Opfer, das in den Sog eines Wettstreits geriet und die Kontrolle verlor. Eltern, die sich mit den Social-Media-Apps ihrer Kinder auseinandersetzen, packt der Grusel: Im vergangenen Jahr mussten deutsche Krankenhäuser Jugendliche behandeln, die sich bei der „Schädelbrecher“-Challenge verletzt hatten. Sie ließen sich beim Hochspringen die Beine wegtreten, so dass sie rücklings auf den Boden knallten. Dutzende Teenager sollen sich die Speiseröhre verätzt haben, las sie im Rahmen der „Tide Pod Challenge“ Waschmittelkapseln aßen. Besonders bedrohlich ist die „Blue Whale Challenge“, bei der Kinder und Jugendliche in den Selbstmord getrieben werden sollen. Auf Plattformen wie 4chan tauchten verstörende Videos auf, die Teilnehmer beim Erfüllen ihres „Auftrags“ zeigen.

„Teilnehmerzahlen gestiegen“

Wie groß ist die Gefahr, dass Jugendliche im Lockdown in eine digitale Parallelwelt abdriften? „Auch vor dem Internet gab es schon Mutproben“, gibt Social-Media-Experte Hendrik Unger zu bedenken. „Da sollten Jugendliche vom Hausdach springen oder an einer Deodose schnüffeln. So etwas machen Kids, wenn ihnen langweilig ist.“ Allerdings werden die Herausforderungen immer extremer, hat der Leiter einer Kölner Werbeagentur beobachtet, der Firmen in Social-Media-Belangen berät. „Die Teilnehmerzahlen sind in den letzten Jahren enorm gestiegen.“ Nachahmer hofften, durch ein spektakuläres Video selbst zum Influencer zu werden. „Diesen Fame wollen die 13-Jährigen in den Kinderzimmern auch.“

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Unger glaubt, dass die Faszination für Selbstverletzungen anhalten wird. „Die Leute sind bereit, für Likes alles zu riskieren. Irgendwann werden Menschen bereit sein, sich vor der Kamera eine Hand abzuhacken, wenn sie dafür eine Million Follower bekommen.“ (mit dpa)